AUCKLAND. "Lunch with Robert Fisk" nennt sich die Vorlesung im Hörsaal WE 230 der Auckland University of Technology (AUT). Eine Zuhörerin flüstert, sie habe das Mittagsessen stehenlassen, um einen guten Sitzplatz zu ergattern. Es sind Vorträge wie die des berühmten Kriegsberichterstatters Fisk, die den Alltag auch an dieser Uni würzen. Der langjährige Nahost-Korrespondent behauptet tatsächlich: "Das Internet interessiert mich nicht, ich nutze es nicht." Er sagt: "Ich bin 62 Jahre alt, habe über 22 Länder und vier Kriege zu berichten - reicht das nicht?" Fisks humorige Art, seine Anekdoten über den Irak-Krieg, die Amerikaner, das kommt an.Eine halbe Stunde vor Beginn ist das Auditorium auf dem Wellesley-Campus der AUT gut gefüllt, später drängen sich Zuhörer auf den Treppen und vor dem Eingang. Eines fällt sogleich ins Auge: die hohe Anzahl von Professorinnen, Dozentinnen, Studentinnen. Fisk wird in der Sprache der Maori begrüßt und auf Englisch verabschiedet - jeweils von einer Frau.So viel Emanzipation ist ungewöhnlich für eine Technische Universität. Immer noch. An deutschen Hochschulen schwankt der Anteil von Frauen mit Führungsaufgaben in Studiengängen wie Ingenieurswissenschaft oder Mathematik zwischen acht und elf Prozent. Und stagniert. In Neuseeland liegt die Quote schon allgemein höher, durchschnittlich bei 19,2 Prozent. Die AUT übertrifft diesen Wert, derzeit sind 26,7 Prozent der akademischen Führungskräfte Frauen, wie die jüngste Gleichberechtigungsstudie der neuseeländischen Menschenrechtskommission belegt. Noch steht mit Derek McCormack ein Mann an der Spitze des AUT-Managements. Doch auch er verspricht, "ein Umfeld zu schaffen, das sowohl Lehrkräften als auch forschenden Mitarbeitern beim beruflichen Aufstieg wirkliche Gleichberechtigung bietet". McCormack wirbt, Frauen würden auf ihrem akademischen Werdegang intensiv begleitet.Mag der Pazifikstaat der Welt noch so sehr entrückt sein - das Streben nach Gleichberechtigung hat in Neuseeland Tradition. Ende des 19. Jahrhunderts erstritten Neuseeländerinnen ihr Recht auf Besitz, das es für verheiratete Frauen nicht gab. Wenig später erkämpften sie weltweit erste Frauen das Wahlrecht. 1966 bestieg mit Te Atairangikaahu eine Frau den Thron der Maori und ermutigte andere Frauen, in der Gesellschaft aktiv zu werden. Es war nicht zuletzt die multikulturelle Vielfalt des Landes, die den Weg zur Emanzipation ebnete. Seither ist vieles selbstverständlich geworden: Mit Jenny Shipley und Helen Clark führten zuletzt nacheinander zwei Frauen die Regierungsgeschäfte, insgesamt zwölf Jahre lang. Frauen waren Govenor-General und höchster Richter."Frauen in Neuseeland haben es leichter als anderswo", sagt Helen Sissons. Sie ist aus Großbritannien eingewandert und legte an Aucklands Technischer Universität eine bemerkenswerte Karriere hin. Eigentlich habe sie mit ihrer Familie hier nur Urlaub machen wollen, erzählt die dynamische Brünette. 16 Jahre lang hatte Sissons zuvor in England als Journalistin gearbeitet, zehn davon für die BBC. Zugleich lehrte sie sechs Jahre an der University of Leeds und schrieb ein vielbeachtetes Handbuch für Journalisten. Genau das habe Aucklands TU gesucht, sagt Sissons: eine lehrende Praktikerin. "Ich habe angerufen und mich kurz vorgestellt", erzählt sie. "Mein Gegenüber sagte dann nur, dass mein Lebenslauf ideal auf die Stellenbeschreibung passe." Als Senior Lecturer, eine Art Dozent, (der Titel eines Professors wird in Neuseeland und Australien seltener verliehen als in Deutschland) steht Sissons an der Spitze des eigenen Lehrstuhls - mit eigenem Etat, Lehrbeauftragten und wissenschaftlichen Mitarbeitern.Das kleine Büro der 44-Jährigen befindet sich im 15. Stock, hoch über der City. Von hier aus betrachtet, wirkt der Campus für 22 000 Studenten wie eine Stadt in der Stadt. Unweit verläuft Aucklands Hauptgeschäftsstraße mit Modeläden, Restaurants und Cafés. Dicht beieinander stehend ragen etwa 30 Hochhäuser mit Seminarräumen und Laboren in den mal hellblauen und binnen 15 Minuten wieder regenverhangenen Himmel der Millionenstadt. Die Wege auf dem Campus zu den Hörsälen, zur Mensa und zur Bibliothek sind kurz.Wenn ein Dozent in seinem Zimmer ist, steht seine Türe offen, und er ist ansprechbar. So wie jetzt, als eine Studentin in Helen Sissons' Büro erscheint. Eine kurze nette Begrüßung, dann geht um das Verfassen einer Pressemitteilung. Sissons lehrt praktischen Journalismus. "Über 60 Prozent der Beschäftigten in Neuseelands Medienbranche sind Frauen", sagt Helen Sissons und glaubt, dass ihr in Großbritannien der Aufstieg in eine akademische Führungsposition wesentlich schwerer gefallen wäre: "England ist eine extrem von Männern dominierte Gesellschaft", sagt sie rückblickend. "Als ich heiratete, habe ich davon nur einer einzigen Kollegin erzählt. Ich wollte nicht, dass meiner Karriere irgendetwas im Weg steht." Machosprüche und Mobbing gegen Frauen gehörten in England zum Alltag, sagt Sissons, insbesondere in Technik-Berufen.An Aucklands TU sorgt schon die große Anzahl angehender Akademikerinnen für mehr Ausgeglichenheit. Derzeit sind 67 Prozent der eingeschriebenen Studenten Frauen. Andrea und Carla, zwei Deutsche im Auslandssemester werkeln in einem Arbeitsraum des AUT Tower, der mit rund 20 Computern, Digital-Schnittplätzen und 3D-Animationsgeräten so ausgestattet ist, wie es einer zukunftsorientierten Uni ansteht. Vorzügliche Ausstattung und intensive Betreuung durch Dozenten haben allerdings ihren Preis: Mit Gebühren von 4 000 neuseeländischen Dollar pro Semester, rund 1 800 Euro, ist das Studium nicht eben billig.Andrea, 36, die eigentlich in Brandenburg Medieninformation studiert, sagt, das nehme sie für ein, zwei Auslandssemester in Kauf. "Hier ist das Studieren viel lockerer. An einer deutschen TU darfst du dir als Frau keinen Fehler leisten", sagt sie.Mit Sonnenbrille im Haar hockt sie an einem Rechner. Ihr gegenüber sitzt Carla, 27, die bald nach Baden-Württemberg zurückkehren wird, wo sie an einer kleineren Uni im Fach Online-Medien eingeschrieben ist. Es ist Sonnabendnachmittag und dennoch werde sie den ganzen Abend mit einer Kurzfilmproduktion zubringen: "Ich bin seit fünf Stunden hier und bleibe bestimmt noch fünf." Auch sie schwärmt von der Arbeitsatmosphäre der AUT. 60 bis 80 Prozent der Studenten in ihren Kursen für Fotojournalismus, Filmnachbearbeitung und Führungsstil seien Frauen.Kindergarten auf dem CampusGenau andersherum sei das Verhältnis an ihrer Uni an der schwäbisch-bayerischen Grenze, mit einem Männeranteil von bis zu 80 Prozent: "Sehr traditionell eben." Carla, die ihren richtigen Namen an dieser Stelle nicht lesen möchte, nennt das Kursangebot dort "völlig unzureichend - speziell für Frauen", es gebe zudem "keine einzige Professorin". Diese Dominanz dränge die Frauen dazu, Privates hintenan zu stellen. Carla sagt: "Ich kenne keine Kommilitonin, die in meinem Alter schon ein Kind hat."Auf dem Campus der AUT sind Kinder willkommen, die Uni hat einen eigenen Kindergarten auf dem Gelände. Eine Frauenbeauftragte ist hingegen unauffindbar - man braucht sie nicht. "Es ist schlicht das Ethos dieser Uni, mehr Gleichberechtigung zu schaffen", erklärt AUT-Sprecherin Tiffany White, selbst ein Beispiel für eine Frau in Leitungsfunktion. Die gebürtige Australierin übernahm die Aufgabe kürzlich von einer Kollegin. Derzeit sind vier der zwölf Universitätsvorstände Frauen. Da Personalwechsel im AUT-Management häufig sind, sagt Tiffany White, seien logischerweise auch die Aufstiegschancen größer als anderswo.Indes, selbst an Neuseeland emanzipiertester Universität sind Frauen noch nicht da angekommen, wo sie gerne wären, wie Helen Sissons einräumt: "Ich fühle mich unterbezahlt - natürlich!", sagt sie: "Aber ich denke, das ist ein historisches Überbleibsel im Kampf um Emanzipation."------------------------------Deutsche VerhältnisseGesamt: Ende 2007 lag laut Statistischem Bundesamt der Anteil der Lehrstuhlinhaberinnen an deutschen Hochschulen bei 16 Prozent (1997 waren es neun Prozent). Die Zahl der Professorinnen erreichte 2007 mit rund 6 100 einen Höchststand. In den Sprach-, Kultur- und Kunstwissenschaften lag der Anteil bei je 28 Prozent, in allen anderen Fächergruppen unter 20 Prozent: Ingenieurwissenschaften acht Prozent, Mathematik und Naturwissenschaften elf Prozent.TU Berlin: Beim wissenschaftlichen Personal wurden 29 Prozent erreicht (Stand August 2007), bei den Professorinnen und Juniorprofessorinnen 12,9 Prozent. Insgesamt hat die TU Berlin 31 Professorinnen und zehn Juniorprofessorinnen.------------------------------Karte: Neuseeland------------------------------Foto: An Neuseelands Universitäten beherrschen Frauen Bild und Ton.