"Sie hat gelitten":Dina Bogomolowa über ihre Tante Nina Bogomolowa, die nach Deutschland verschleppt wurde: "Sie hat von Deutschland erzählt, aber nicht oft. Sie hat dort gelitten, musste schwer arbeiten. Wie sie nach Deutschland gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Sie stammte aus Weißrussland. Viele dort haben dasselbe durchgemacht. Nach dem Krieg arbeitete sie in einer Seifenfabrik. Sie war Invalide. Es wäre gut gewesen, sie hätte selbst noch zu Lebzeiten das Geld bekommen, das ihr für ihre Arbeit zustand. Es wäre anständig gewesen, das Geld aus Deutschland früher nach Russland zu überweisen." Nina Danilowna Bogomolowa starb am 24. Juni 1999. "Wer, wenn nicht mein Vater?"Miloslav Vandrovec, Sohn von Antonín Vandrovec, hat die Erfahrung gemacht, die viele Angehörige von Nazi-Opfern kennen: sein Vater hat über die schlimme Zeit der Verschleppung nach Deutschland und seine Erlebnisse dort kaum etwas erzählt. Bekannt sind die Daten seines Lebens- und Leidensweges: Antonín Vandrovec wurde 1907 in Ratiborske Hory (Südböhmen) geboren, wuchs in einem kleinen Dorf auf, machte eine Lehre als Fräser. Er heiratete 1934, zog nach Prag, wo sein Sohn zur Welt kam.Den Nazis fiel Vandrovec, der seit 1929 in der Gewerkschaft aktiv war, auf, weil er ab 1938 einer der fünf Sekretäre der Zentrale der Angestelltengewerkschaft war. Dort war nach der Errichtung des "Protektorats Böhmen und Mähren" eine illegale tschechische Widerstandsgruppe entstanden, die die Flucht gefährdeter tschechischer Untergrundkämpfer organisierte und bei der Versorgung von Familien half, deren Angehörige von den deutschen Besatzern verhaftet worden waren. Antonín Vandrovec wurde als Mitglied dieser Organisation am 2. Februar 1943 verhaftet und ohne Gerichtsverhandlung nach Auschwitz deportiert. Nach einem halben Jahr kam er in das KZ Buchenwald. Auch dort musste er, wie zuvor schon in Auschwitz, beim Straßenbau und in Fabriken arbeiten. Im Mai 1945 kehrte er zurück nach Prag. Nachdem er, wie sein Sohn es nennt, "wieder ins Leben zurückkam", arbeitete Vandrovec weiter in der Gewerkschaft und in der Zeitung "Svobodne slovo".Miloslav hebt hervor, dass sein Vater als Gewerkschafter und später bis ins hohe Alter Menschen uneigennützig geholfen habe: "Wer, wenn nicht mein Vater, der sein Leben lang für die Menschen gearbeitet, ihnen geholfen hat, sollte für die schrecklichen Jahre in den KZ entschädigt werden?!" Sein Vater selbst, fügt er an, habe die Entschädigung für die Zwangsarbeit in Deutschland nicht mehr erwartet. "Aber er hätte sie als Zeichen der Versöhnung verstanden." Antonín Vandrovec starb am22. 2. 1999. Ans Lagertor gekettetEwrosinja Jakowlewa, Ehefrau von Pjotr Jakowlew, berichtet: "Mein Mann Pjotr saß drei Jahre im Konzentrationslager Buchenwald. Er war damals noch ein Kind. Fünfmal haben sie ihn in den Karzer geworfen, zweimal am Tor des Lagers angekettet. Seine Schwester war in Ravensbrück im Frauenlager. Ihn haben sie in Dnepropetrowsk gefangen genommen. Zwölfmal haben sie ihn in die Kommandantur vorgeladen und jedes Mal geschlagen. Die Ärzte sagten später, er sei ganz blau gewesen von den Schlägen. Vor zwei Jahren ist er gestorben, an Magenkrebs.Ich habe 51 Jahre mit ihm zusammengelebt. Wir haben zwei Söhne und eine Tochter. Ich bin ein kranker Mensch. Ich habe Brustkrebs. Ich fürchte, auch ich werde die Entschädigungszahlungen nicht mehr erleben."Pjotr Petrowitsch Jakowlew starb am 16. Dezember 1999.Widerwillen gegen Deutsche Olga Postolowska ist die Tochter des ehemaligen Zwangsarbeiters Ewgeni Postolowski. Sie sagt: "Das Geld aus Deutschland muss nun kommen. Schade nur, dass mein Vater es nicht mehr erleben wird, er ist mit 71 Jahren gestorben. Zweimal hat er Geld als Entschädigung bekommen und es für seine Beerdigung zurückgelegt. Von diesem Geld haben wir sein Begräbnis bezahlt.Sollten wir noch einmal Geld für die Zwangsarbeit bekommen, würden wir ihm einen schönen Grabstein dafür kaufen. Doch zu Lebzeiten hätte ihm das Geld mehr nützen können. Mein Vater stammt aus der Ukraine. Mit 14 Jahren haben sie ihn zur Zwangsarbeit verschleppt. In einem Viehwagon. Einige, die älter waren als er, versuchten zu fliehen und wurden erschossen. In Deutschland musste mein Vater in der Landwirtschaft arbeiten, von morgens bis abends auf dem Feld.Seit meiner frühesten Kindheit hat er von seiner Zeit in Deutschland erzählt und wie es ihm dort ergangen ist. Mein ganzes Leben habe ich einen Widerwillen den Deutschen gegenüber empfunden. Diese Entschädigungszahlungen sind wichtig, glaube ich: nicht nur als materielle Kompensation, sondern auch als moralische. Für uns und für die Deutschen." Ewgeni Stepanowitsch Postolowski starb am 26. Februar 1999.(tr., mro.)KEYSTONE; PRIVAT Nina Bogomolowa; Pjotr Jakowlew; Ewgeni Postolowski

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