Eine Gedenktafel soll künftig in Dahlem an eine fast vergessene jüdische Schule erinnern. Dafür setzen sich Maria Motsch und ihre ehemaligen Kolleginnen aus dem Klinikum Steglitz ein. 30 Jahre lang hat Maria Motsch in der alten Villa Im Dol 2-6, einer Außenstelle des Klinikums, als Psychologin gearbeitet. Durch einen Zufall erfuhr sie, dass das Haus einst eine jüdische Schule beherbergte. Sie war verblüfft: "Nichts erinnert daran", sagt sie, "davon haben wir überhaupt nichts gewusst." Gewusst hätten sie, dass das Auswärtige Amt der Nazis dort von 1939 bis 1945 eine Chiffrier- und Dechiffrierstation unterhielt, die kriegswichtige Botschaften ent- und verschlüsselte.Jahrelange SpurensucheDer Zementsockel des Sendemastes liegt heute noch im Gras, auch die Bunker gibt es noch, von den Nazis als Wohnhaus getarnt. Aber die private Waldschule hat keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Lotte Kaliski, eine aus Breslau nach Berlin gekommene Jüdin, hatte sie 1932 gegründet und bis zu ihrer zwangsweisen Schließung 1939 geführt. Sie fand es "beschämend", sagt Maria Motsch, "dass wir davon nichts wussten". Und so trommelte die 60-Jährige 13 ehemalige Kolleginnen zusammen, sammelte Unterschriften und begann, für eine Gedenktafel mobil zu machen. Dabei stieß sie auf die Dokumentarfilmerin Ingrid Oppermann, die für den SFB einen Film über die Schule drehte. "Eine Villa in Dahlem" wurde im November des vergangenen Jahres gesendet. Oppermann hat jahrelang recherchiert, um etwas über die Geschichte der jüdischen Waldschule herauszufinden. Sie erfuhr, dass ursprünglich nicht nur jüdische Kinder die Schule besuchten, die Lotte Kaliski gegründet hatte, weil sie wegen ihrer starken Gehbehinderung keine Arbeit als Lehrerin fand. Der reformpädagogische Ansatz, wie er in den 20er-Jahren modern war, prägte die Schule: Lernen in der freien Natur, mit viel Bewegung und Sport. Zu einer jüdischen Schule wurde die Einrichtung erst nach der Machtergreifung durch die Nazis. Kaliski musste die konfessionslose freie Waldschule umbenennen in "Private Jüdische Waldschule Kaliski". Auch aus ihrem ersten Domizil, dem Sportclub Charlottenburg in Eichkamp, musste sie 1933 raus. Die Schule siedelte dann bis 1936 in der Bismarckallee. Beschwerden von Nachbarn machten einen weiteren Umzug erforderlich. Von 1936 an fand das Tagesinternat Im Dol Unterkunft. Die Immobilie gehörte dem emigrierten jüdischen Ehepaar Valentin.Weil ein NS-Gesetz von 1934 jüdischen Lehrern untersagte, arische Kinder zu unterrichten, und weil der Druck auf jüdische Schüler in den öffentlichen Schulen immer größer wurde, hatte die Schule immer mehr Zulauf: bis zu 600 Kinder besuchten sie. Sie kamen aus allen Teilen Berlins, meist Nachwuchs von assimilierten Juden, die nichts mit den orthodoxen Gemeindeschulen am Hut hatten, die jedoch seit 1936 überhaupt keine "arische" Schule mehr besuchen durften.Bei Kaliski fanden jüdische Kinder inmitten einer immer feindlicher werdenden Umgebung einen Hort der Geborgenheit. "Das Grundstück war hervorragend geeignet, weil es relativ abgeschirmt von neugierigen Blicken war", erzählt Oppermann. "Es gab viele hohe Bäume, dichte Büsche, ein Schwimmbad, Gärten und viel Auslauf." Auch ehemalige Schüler, die den Holocaust überlebt haben, kommen in ihrem Film zu Wort. Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums, erinnert sich gerne an seine Schulzeit: "Das war eigentlich ein ganz glückliches Leben", sagt Blumenthal. "Nur wenn auf einmal ein guter Freund emigrierte und weg war - das hat wehgetan." Lotte Kaliski, die 1995 starb, wollte "nie mehr nach Berlin zurück", wie sie Oppermann bei den Dreharbeiten erzählte, "weil mein Vater von den Nazis ermordet wurde". Sie wanderte 1939 nach New York aus und gründete dort eine Schule für behinderte Kinder. Seit 1995 nutzt das Archäologische Institut der Freien Universität die Villa. Eigentümerin ist der Bund. Dort hat man zumindest "prinzipiell keine Bedenken" gegen die Anbringung einer Gedenktafel, wie Heike Ziesmann, stellvertretende Leiterin des Bundesvermögensamts, zu Protokoll gibt. "Wir bemühen uns, die Bürger bei ihrem Vorhaben zu unterstützen", versichert der Zehlendorfer Kulturstadtrat Gerhard Engelmann (CDU). Wenn durch Sponsoren nicht genug Geld hereinkomme, werde man die Tafel über Sondermittel finanzieren.COPYRIGHT: INGRID OPPERMANN Lernen in freier Natur: Dieses Bild aus einem Schulprospekt von 1938 zeigt Schüler der "Privaten Jüdischen Waldschule Kaliski" beim Kartoffelschälen.