Als der hessische Ministerpräsident Roland Koch am Abend des 2. Februar nach seinem Triumph bei den Landtagswahlen vor die jubelnden CDU-Anhänger trat, schob sich Franz Josef Jung direkt hinter ihm auf die Bühne. Zweieinhalb Jahre lang war der einstige Staatskanzleichef von Koch in der politischen Versenkung verschwunden. Jetzt aber, ganz dicht beim Chef, hielt er wieder sein strahlendes Gesicht in die Kameras. Das Signal war unmissverständlich: Ich bin wieder da. Heute wird Franz Josef Jung von der hessischen CDU-Landtagsfraktion zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt."Die See rast und will ein Opfer", hatte Jung noch vor gut zwei Jahren im Wiesbadener Parteispenden-Untersuchungsausschuss Schillers "Wilhelm Tell" zitiert. Wenige Wochen zuvor war er als Chef der hessischen Staatskanzlei zurückgetreten, als Bauernopfer, wie er bitter anmerkte. Der Grund waren zwei an Jung adressierte Briefe des CDU-Finanzberaters Horst Weyrauch. Sie nährten den Verdacht, der Koch-Vertraute sei in die dubiosen Finanzmachenschaften um das Schweizer Konto der hessischen Schwarzgeldstiftung "Zaunkönig" verwickelt gewesen. Die hessische FDP machte daraufhin ihr Verbleiben in der Koalition mit den Christdemokraten davon abhängig, dass Jung abtritt. Der Staatskanzleichef ging und rettete damit seinen Ministerpräsidenten und Freund Roland Koch. Der hat ihm das nicht vergessen.Die von Jung gepflegte - und von Koch unwidersprochene - Legende, er sei in der Schwarzgeldaffäre der Hessen-CDU ein Bauernopfer gewesen, bedarf allerdings einiger Anmerkungen. Denn dass der heute 53-jährige Vollblutjurist so gar keinen Schimmer von den dunklen Finanzquellen seines Landesverbandes gehabt haben soll, wie er immer behauptet, ist nur schwer vorstellbar. So flossen in seiner Ägide als hessischer CDU-Generalsekretär zwischen 1987 und 1991 als "jüdische Vermächtnisse" getarnte Millionenüberweisungen von Schweizer Schwarzgeldkonten in die Kassen des Landesverbandes. Und als 1992 ein Mitarbeiter der CDU-Landeszentrale 2,2 Millionen Mark unterschlug, bereinigte der inzwischen als Fraktionsgeschäftsführer amtierende Jung die Affäre heimlich, offenbar aus Sorge um die Kenntnisse des Mannes von den Schweizer Konten. Entsprechende Hinweise finden sich in den beiden Weyrauch-Briefen, die Jung angeblich nie erhalten haben will, deren Veröffentlichung ihn aber dennoch den Job in der Wiesbadener Staatskanzlei kosteten. All das ist lange her, und in Hessen - das zeigt nicht zuletzt der Wahltriumph der Christdemokraten - ist die Finanzaffäre in der öffentlichen Wahrnehmung längst abgehakt. Deshalb ist Roland Koch auch kein Risiko eingegangen, als er jetzt der CDU-Landtagsfraktion vorschlug, Jung zu ihrem neuen Vorsitzenden zu wählen. Damit hilft der Ministerpräsident seinem Retter und langjährigen Weggefährten über die erste Hürde auf dessen vielleicht gar nicht mehr so weitem Weg an die Spitze des Bundeslandes. Denn mit Jung will sich Koch einen zuverlässigen und loyalen Nachfolger heranziehen für den Fall, dass er selbst in drei Jahren als erfolgreicher Kanzlerkandidat der Union nach Berlin wechseln sollte.FOTO Franz Josef Jung künftig CDU-Fraktionschef im Wiesbadener Landtag