Für Brasilien ist er das, was die Eiche für Deutschland ist, und dafür ist er ein überraschend unscheinbares Gewächs. Brasiliens National-Baum - da würde man einen Urwald-Riesen erwarten, einen außergewöhnlichen, spektakulären, bewunderungswürdigen Bewohner des "monumentalen Universums", wie der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss den tropischen Urwald nannte. Aber der Baum, dessen Stämme über Jahrhunderte hinweg millionenfach exportiert wurden und die portugiesische Krone, die Händler und die Schmuggler reich gemacht haben, wird höchstens 25 Meter hoch; nichts, was dem Nicht-Fachmann ins Auge stäche. Sein Holz hat im 16. Jahrhundert die Mode, im 18. Jahrhundert die Musik revolutioniert.Aber seine Verdienste um die Kunst und Kultur des Abendlandes sieht man ihm nicht an. Er ist nur eine der schätzungsweise 10 000 Pflanzenarten, die in seinem natürlichen Habitat, Brasiliens Küstenwald-Streifen, vorkommen. Warum sollte man ausgerechnet seinetwegen den Kopf in den Nacken legen. Die Indianer nannten ihn Ibirapitanga, der botanische Name lautet Caesalpinia echinata, und unter der Bezeichnung Pau Brasil gilt er als Nationalbaum Brasiliens.Jochen Schmidt stammt aus Dresden, er kennt das Holz seit Kindesbeinen unter dem Namen Fernambuk oder Pernambuco. Aber in der Natur hat er den Baum noch nie gesehen - und nun steht er, zusammen mit einer Handvoll Kollegen, nach einem kurzen Marsch durch den brasilianischen Tropenwald plötzlich vor einem selten schönen Exemplar. Jochen Schmidt ist Bogenbauer. In Deutschland gibt es 40 Betriebe, die Bögen für Geigen, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe herstellen, weltweit sind es etwa zehnmal so viele - eine Branche, die nur die Bögen, nicht die Instrumente herstellt. Ein-Mann-Betriebe stellen die meisten - und meist die hochwertigen - der schätzungsweise 80 000 Bögen her, die jedes Jahr weltweit gebaut werden.Es ist eine Profession, die im Zeitalter der Massenfabrikation und der Wegwerfgesellschaft von geradezu exotischer Traditionsverbundenheit ist: Welcher andere Gebrauchsgegenstand würde heutzutage noch ausschließlich handwerklich gefertigt, und zwar nach Mustern, Standards und Vorgaben, die seit Jahrhunderten praktisch unverändert gelten?Die Bogenbauer sind auf Pernambuco-Holz angewiesen, ein akzeptables Substitut gibt es nicht. Kaum ein anderes Holz eignet sich so gut für Bögen, und für gute Bögen wird kaum ein anderes Holz verwendet - seit bald einem Vierteljahrtausend."Die Geige, das ist der Bogen", hat Giovanni Battista Viotti, der große Violin-Virtuose des 18. Jahrhunderts, gesagt, und es gibt sogar Experten, die dem Bogen eine größere Bedeutung zumessen als dem Instrument: Schließlich sei er es, der mit der rechten Hand geführt, mit dem die Musik hauptsächlich gestaltet werde. Auf Viottis Zeit datiert die Musik-Geschichte eine Art Revolution. Der Franzose François Xavier Tourte, ein gelernter Uhrmacher, perfektionierte den Bogen.Die Folgen seiner mechanisch-technischen Innovation beschreibt Klaus Grünke, der zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder eine renommierte Bogen-Werkstatt im fränkischen Bubenreuth hat: "Ein näheres Spiel, bessere Kontrolle, größeres Klangvolumen, höhere Spannung." Tourte benutzte nicht mehr das herkömmliche, schwerere Schlangenholz, sondern Fernambuk, das ein als ideal empfundenes Schwingungsverhalten aufweist, hervorragende Werkstoffeigenschaft hat und außerdem noch schön aussieht.Tourtes Bögen ließen die Instrumente lauter erklingen, und damit entsprachen sie den Erfordernissen der Zeit. Musik wurde nicht mehr vor allem in den intimen Kabinetten der Aristokratie aufgeführt, sondern in Hallen, in denen sich das Bürgertum dem Kunstgenuss hingab. "Mit den Ansprüchen an größere Konzerträume fing dann allmählich der 'Powerbogen' an sich durchzusetzen", resümiert Annette Otterstedt, die am Staatlichen Institut für Musikforschung in Berlin über Blas- und Streichinstrumente des 17. und 18. Jahrhunderts arbeitet. Zu Zeiten der Französischen Revolution habe es erstmals "Open-Air-Konzerte" gegeben - "kein Zufall, dass der moderne Bogen in dieser Zeit gebaut wurde", sagt Otterstedt.Peter Brem, Erster Geiger der Berliner Philharmoniker, hält Geige und Bogen für gleich wichtig. Er besitzt drei Bögen, die alle etwa hundert Jahre alt sind, und von denen jeder um die 10 000 Euro gekostet hat. "Je älter man wird, desto mehr neigt man zu leichteren Bögen", sagt Brem, und deshalb ist sein Favorit der 57 Gramm schwere Voirin-Bogen. Je filigraner die Musik, desto leichter der Bogen, und umgekehrt: "Für eine Bruckner-Symphonie ist der schwerere Bogen" - gemeint ist: sein 62 Gramm wiegender Hill-Bogen - "auf jeden Fall geeigneter. Dass man "ein tolles Instrument nicht mit einem 500-Euro-Prügel" spielt, ist für Brem selbstverständlich. Aber dass man mit einem historischen Bogen für 50 000 Euro vor allem Exklusivität einkauft, liegt für ihn ebenso auf der Hand."Oistrach, Rostropowitsch, die ganzen großen Stars der Sowjetunion kamen in die DDR. Die verdienten DDR-Geld, und dafür haben sie in der DDR Instrumente, Bögen und Fräcke gekauft. Die sind bei meinem Vater ein- und ausgegangen", erinnert sich Jochen Schmidt an seine Jugendzeit. Der Familienbetrieb, den schon sein Vater und sein Großvater führten, wurde in der DDR geduldet, er brachte schließlich Devisen, obwohl das Fernambuk-Holz, das der Staat in Brasilien kaufte und den Bogenbauern zuwies, oft von dürftiger Qualität war.Als die Wende kam, tat Jochen Schmidt das, was ihm seine Großmutter damals riet: In Markneuenkirchen im Voigtland, dem früheren Zentrum der deutschen Musikinstrumente-Industrie, wo vor dem Krieg über 150 Bogenbauer tätig waren, suchte er nach Fernambuk. "Ich habe Anfang der neunziger Jahre viel Holz gekauft, zum Teil von Meistern, die im Krieg geblieben waren, und deren Witwen die Lager nicht angerührt hatten." So kommt es, dass Schmidt mehrere Tonnen Holz besitzt: "Die besten sind die alten Hölzer, die 60, 80 Jahre alt sind. Je jünger, desto dürftiger die Qualität, wahrscheinlich hängt das mit den Umwelteinflüssen zusammen". Wie auch immer, das Holz eines Geigenbogens wiegt gut 40 Gramm. Mehrere Tonnen - das dürfte also fürs erste reichen.Schon weil das Bogen-Holz mindestens acht Jahre lang liegen muss, bis es verarbeitet werden kann, haben sie alle Lager und Vorräte, die Bogenbauer. Dass ihre Existenz, ihr ganzer Berufsstand langfristig gefährdet ist, weil in Brasilien die Bestände an Pernambuco-Holz bis an die Grenze zur Ausrottung erschöpft sind, das drang erst nach und nach in ihr Bewusstsein.Die Heimat des Baumes ist die "Mata Atlântica", der tropische Regenwaldstreifen, der sich, als Pedro Álvares Cabral und seine Leute am 22. April 1500 erstmals brasilianischen Boden betraten, über 1,3 Millionen Quadratkilometern entlang der Nord-Süd-Küste erstreckte. Brasilien, das war über Jahrhunderte hinweg nur der Küstenstreifen: Hier wurde gerodet und gesiedelt, abgeholzt und angebaut, entwaldet und entwickelt, während das Landesinnere erst sehr viel später erkundet, erobert, erschlossen wurde.Ausrottung und Zerstörung folgten der gleichen Chronologie. Als die Abholzung des Amazonas-Gebietes international zum Thema wurde, sprach niemand mehr über den Küstenwald-Streifen - der war schon vernichtet. "Mehr noch als der Amazonas-Wald war die Mata Atlântica Schauplatz der größten ökologischen Tragödie Brasiliens", sagt der Botaniker Haroldo Cavalcante de Lima, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Botanischen Gartens von Rio de Janeiro. Heute sind von den 1,3 Millionen gerade noch 52 000 Quadratkilometer übrig, zerfleddert in zahllose winzige Stückchen hie und da.Lange bevor Tourte das spezielle Schwingverhalten des Fernambuk-Holzes entdeckte und seine hervorragenden Werkstoff-Eigenschaften erprobte, war es eine ganz andere ästhetische Qualität, die das Holz begehrt und teuer machte: Man kann mit ihm Stoffe färben. Und zwar rot - die Modefarbe der Renaissance. Bereits vier Jahre nach der Entdeckung der "Terra de Santa Cruz", wie Brasilien zunächst hieß, wurden monatlich 100 Tonnen Färbeholz nach Europa geschifft, eine ungeheure Menge, gemessen an den Schiffskapazitäten. Schon 1502 hatte Dom Manoel, der portugiesische König, das Färbeholz zum staatlichen Monopol erklärt und seine Ausbeutung - sozusagen die erste Privatisierung in der Geschichte Brasiliens - an ein Konsortium von Geschäftsleuten vergeben. Fortan blieb das Holz ein Monopol, 358 Jahre lang - bis es Mitte des 19. Jahrhunderts sinnlos geworden war. Die Erfindung synthetischer Farben entwertete den Naturstoff jäh, dabei waren noch ein paar Jahre vorher die Gewinne aus dem Monopol bei der Bank von England verpfändet worden.Angeblich sind - natürlich ist das eine unsichere Schätzung - im Laufe der fünf Jahrhunderte 22 Millionen Pernambuco-Bäume gefällt worden. Vor 399 Jahren erließ das Mutterland bereits Schutzbestimmungen gegen die Überausbeutung des Pernambuko-Holzes. Die heutige Umwelt-Gesetzgebung wird genauso wenig beachtet wie die damalige: 86 Prozent aller in Brasilien gefällten Tropenhölzer - 30 Millionen Kubikmeter jedes Jahr - sind heute illegal. Aber anders als früher sind, immerhin, die Profiteure meist keine Ausländer. 90 Prozent versorgen den einheimischen Markt.Schmidt und die anderen Bogenbauer, die auf der Suche nach dem Pau Brasil durch die Mata Atlântica stapfen, sind nicht gekommen, um den Baum zu fällen, sondern um ihn zu retten. Zunächst wollen sie die Daten über den Baum sammeln, der seit einem halben Jahrtausend bekannt, aber dennoch reichlich unerforscht ist. Man weiß nicht, wo in Brasilien wie viele Exemplare stehen, unbekannt ist die genaue geografische Verteilung der drei Unterarten. Sein Reproduktionsverhalten, die genetische Struktur, seine Boden- und Klima-Vorlieben - all das ist unklar, so der Botaniker Haroldo de Lima. Aber das sind alles Fragen, die für die Anpflanzung und nachhaltige Nutzung von entscheidender Bedeutung sind. Ziel, so sagt Schmid, ist es, rund eine halbe Million Bäume zu pflanzen, ein künftiger Bestand, der in ferner Zukunft einmal Bogen-Holz liefern würde.Die wenigsten der heute tätigen Bogen-Bauer werden das wohl noch erleben: Das Kernholz, aus dem die Bogen-Rohlinge gesägt werden, ist erst nach 30 Jahren so weit, dass sich der Einschlag lohnt. Sie brauchen gutes Holz, aber nicht so furchtbar viel: Von 250 Kubikmetern pro Jahr spricht Schmid, andere Schätzungen liegen höher.Manche der Kollegen erheben auf ihre Preise einen Fernambuk-Zuschlag, andere haben Geld oder einen Bogen gespendet, im Wiener Konzerthaus ist sogar ein Wohltätigkeitskonzert für den Baum und seinen Erhalt gegeben worden.Im Süden des Bundesstaates Bahia lassen sie pflanzen: zum Beispiel auf einer über 600 Hektar großen Kakao-Pflanzung, die im Zuge der Agrarreform 52 Landlosen-Familien übereignet wurde. Die Bogen-Bauer bezahlen den Familien Geld dafür, dass sie Pau-Brasil-Setzlinge pflanzen und pflegen - ein attraktiver Nebenerwerb, zumal die Kakaopreise seit vorletztem Jahr um 60 Prozent gefallen sind. Wollte man über das Geld reden, das sich eines schönen Tages mit dem Holz erlösen lässt, dann müsste man über den heutigen Schwarzmarktpreis von Pau Brasil reden. Aber darüber wird lieber geschwiegen. Auf der Kakao-Fazenda stehen auch ausgewachsene Exemplare, und Kubikmeterpreise von zwischen 140 und 300 Euro könnten die Bauern in Versuchung führen.Doch erst wenn der Pernambuco-Baum inventarisiert ist, lässt die brasilianische Naturschutzbehörde Ibama über einen Wirtschaftsplan mit sich reden. Dann können die Bogen-Bauer zum Beispiel über die Nutzung von vor Jahrzehnten angepflanzten Beständen verhandeln - also über jene Zwischenlösungen, die um so dringender werden, je stärker die Lager schwinden und je kleiner die Vorräte werden.Besonders prekär, so der Botaniker Haroldo de Lima, sind die brasilianischen Bogen-Bauer dran: Weil die Kommerzialisierung des Holzes in Brasilien seit etwa fünf Jahren illegal ist, sind ihre Lager zum Teil auch illegal. Der Bogen-Bauer Marco Raposa ist zu einer verblüffenden Zwischenlösung übergegangen: Weil das Holz des Pernambuco-Baums nicht nur Farben und Klänge erzeugen kann, sondern auch noch resistent ist gegen Termiten, wurde es früher oft für Eisenbahnschwellen und Weidezäune verwendet. Seit Ende letzten Jahres hat Raposa über achtzig gut erhaltene Zaunpfosten aufgekauft. Wenn sie nicht rissig sind, kann er aus jedem bis zu zehn Bögen machen.

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