In ein paar Wochen wird sich Heinz Risse nach Sonnenuntergang auf eine kleine Reise machen. Fünf Kilometer weit wird sie ihn führen von seiner Wohnung in Kreuzberg zum Preußischen Landestag an der Stresemannstraße. Dort, am Sitz des Abgeordnetenhauses, wird Heinz Risse mit dem Fahrstuhl bis hinauf aufs Dach fahren und dort einen schweren Holzkasten aufstellen. Dessen Inhalt: 20000 Bienen, die bislang auf seinem Balkon lebten. Das kleine Volk des Hobby-Imkers, das in den folgenden Monaten auf 50000 Insekten anwachsen wird, bleibt bis zum Herbst auf dem Dach des Abgeordnetenhauses.Der Umzug von Risses Bienen ist von langer Hand geplant und Teil des Projekts "Berlin summt". Die Initiative will Bienenvölker auf den Dächern prominenter Gebäude oder Anlagen ansiedeln und damit vor allem auf die Nützlinge aufmerksam machen. Denn das ist in ihren Augen dringend nötig: Seit vielen Jahrzehnten schon geht die Zahl der Bienen drastisch zurück - allein seit 1985 hat sich die Population nahezu halbiert. Dabei gehört die Biene zu den wichtigsten Nutztieren des Menschen in der Landwirtschaft: 80 Prozent aller Blüten werden von ihnen bestäubt, eine Leistung, die kein anderes Tier ersetzen kann.Um das öffentliche Interesse an dem Thema zu erhöhen, werden prominente Standorte zur Heimat von Bienen: Außer dem Preußischen Landtag gehören auch das Haus der Kulturen der Welt dazu, das Rathaus Marzahn, das Museum für Naturkunde, der Berliner Dom, der Botanische Garten und die Gärten von der Schlösser Charlottenburg und Britz. Im Gespräch sind auch die Jerusalemkirche in Kreuzberg sowie die Auferstehungskirche in Friedrichshain.Vorbild ParisInitiatoren von "Berlin summt" sind die Biologen Corinna Hölzer und Cornelis Hemmer, die zusammen das Umweltforum für Aktion und Zusammenarbeit gegründet haben. Auf die Idee, sich auf diese Weise für Bienen zu engagieren, kam das Paar nach einem Bericht über die Opéra Garnier in Paris: Dort hatte der Bühnenbauer und Hobby-Imker Jean Paucton 1982 heimlich ein Bienenvolk auf dem Dach angesiedelt - illegal und als Notlösung. Überrascht stellte der Mann fest, dass sich die Bienen dort oben wohl fühlten. "Bis heute leben auf dem Dach der Oper Bienen", sagt Corinna Hölzer. Der Honig erziele Höchstpreise.2010 stellten Hölzer und Hemmer bei der Kulturstiftung des Bundes Antrag auf Förderung - und wurden aus mehr als 800 Bewerbern ausgewählt. Seitdem hat sich das Projekt unter den Bienenliebhabern in Berlin herumgesprochen, und die Biologen stehen in Kontakt mit mehr als 30 Imkern.Heinz Risse, der einer von etwa 500 Hobby-Imkern in Berlin ist, erfuhr aus dem Internet von dem Projekt. "Ich habe mich gemeldet, weil ich mehr wissen wollte", sagt er. "Berlin summt" sei sinnvoll, weil das Problem der Bienen stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werde.Im Abgeordnetenhaus stand man der Anfrage des Umweltforums aufgeschlossen gegenüber, Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) gab grünes Licht. "Herr Momper fand, dass das eine gute Idee ist und dass sie unterstützenswert ist", sagt Abgeordnetenhaus-Sprecherin Beate Radschikowsky. Probleme für Passanten werde es nicht geben, ist sich Initiatorin Hölzer sicher. "Bienen fliegen nicht in die Limonade oder auf Steaks", sagt sie. Das sei typisch für Wespen.Auf einige Dinge muss bei der Wahl der Standorte so hoch oben dennoch geachtet werden. "Die Bienenstöcke dürfen nicht in der prallen Sonne stehen", sagt Imker Heinz Risse. "Die Waben werden sonst weich und die Brut stirbt." Zudem müsse der neue Stock mindestens fünf Kilometer vom alten Standort aufgestellt werden. "Bienen fliegen einen Aktionsradius von drei bis fünf Kilometern", sagt er. Ist das neue Domizil nicht weit genug vom alten entfernt, besteht die Gefahr, dass sie dorthin zurückfliegen. An Futter, da ist auch Biologin Corinna Hölzer sicher, mangele es den Bienen nicht, selbst im Stadtzentrum.Künftig also wird auf dem Dach des Abgeordnetenhauses Honig gewonnen. Imker Risse rechnet mit einem Ertrag von 15 Kilogramm. Wie dieser vermarktet wird, ist aber noch nicht entschieden. "Wir wollen den Honig von ,Berlin summt' unter einem einheitlichen Namen an Interessierte verkaufen", sagt Corinna Hölzer. Dieser sei aber noch nicht gefunden. "Wir arbeiten noch daran."------------------------------Fleißig und unersetzlichDefinition: Der Begriff Biene wird umgangssprachlich meist auf die bekannteste Art - die Honigbiene - reduziert. Tatsächlich gibt es weltweit mehr als 7000 Bienenarten.Ohne Staat: Die meisten von ihnen sind Wildbienen, die einzeln leben (Solitärbienen) und nicht wie die Honigbiene im Staat mit Königin.Leistung: Bienen ernähren sich vegetarisch, insbesondere von Nektar und anderen süßen Pflanzensäften. Bei ihrer Suche nach Nahrung bestäuben die Bienen etwa 80 Prozent aller Blüten in Deutschland, darunter Gemüse- und Obstpflanzen ebenso wie Laubbäume. Kein anderes Insekt kann die Leistung ersetzen.Nutzwert: Nach Rindern, Schweinen und Hühnern sind Bienendie viertwichtigste Nutztierart. Der Wert ihrer Bestäubungsleistung in Deutschland wird mit 2,5 Milliarden Euro pro Jahr angegeben.Gefährdet: Krankheiten, Milbenbefall und der Einsatz von Insektengiften haben den Bienenbestand seit 1985 bundesweit nahezu halbiert. 90 Prozent der etwa 80000 Imker sind Hobby-Imker.Weitere Infos finden Sie unter: www.berlin-summt.de------------------------------Foto: Ein Zuhause für Bienen: der Preußische Landtag.Foto: Bienen befruchten 80 Prozent aller Blüten - eine Arbeit, die kein anderes Insekt übernehmen kann.