Das 19. Jahrhundert war in Japan das Jahrhundert des Vaters, sagt Yasuhiro Idobata. Er zeichnet mit den Händen eine lange, flache Kurve in die Luft, auf die eine kleine, hohe Kurve folgt. So haben die Socken ausgesehen, die Japaner im 19. Jahrhundert trugen, sagt Idobata. Vorn rund, mit einem Extraplatz für den großen Zeh. Der große Zeh war der Vater, sagt Idobata. Er lächelt.Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Gleichheit, auch der Gleichheit der Zehen, in Japan und anderswo wurden ganz normale Socken getragen. Das 21. Jahrhundert aber soll das Jahrhundert der Individualität werden, sagt Yasuhiro Idobata. Das Jahrhundert, in dem jeder einzelne Zeh seinen eigenen Sockenabschnitt bekommt.Yasuhiro Idobata sitzt in der Cafeteria der Industrie- und Handelskammer (IHK) und erläutert sein Produkt. Idobata ist Sockenunternehmer aus Japan, er hat gerade eine Vertriebsabteilung seiner Firma in Berlin eröffnet, von hier aus möchte er den europäischen Markt erobern. Das wird nicht leicht, denn seine Firma stellt keine normalen Socken her, sondern Zehensocken. Zehensocken sehen lustig aus, kosten aber mehr als normale Socken. Sie wirken wie ein teurer Scherzartikel, vielleicht eine Geschenkidee, jedenfalls nicht wie etwas, das man wirklich braucht. Idobatas Firma hat seit Kurzem einen Stand im Kaufhaus KaDeWe. Besonders gut läuft der Verkauf nicht. Es gibt in Berlin offenbar noch Erklärungsbedarf.Eine Auswahl von Idobatas Socken liegt vor ihm auf dem Tisch. Graue, schwarze und rosa-weiß-geringelte Socken, die aussehen wie Fingerhandschuhe, bei denen die Finger etwas kurz, der Rest aber etwas lang geraten sind. Die Zehensocke ist keine ganz neue Erfindung, sie stammt leider auch nicht aus Japan, das gibt Idobata gleich am Anfang zu. Die Zehensocke wurde 1970 in Spanien erfunden. "Da war das aber nur ein Gag", sagt Idobata. Wegen technischer Probleme haben die spanischen Hersteller schnell wieder aufgegeben, sagt Idobata. Er arbeitete damals bei einem Handschuhhersteller. 1981 gründete er seine eigene Firma. Eine Zehensockenfirma. Idobata hatte mit Handschuhstrickmaschinen und verschiedenen Materialen experimentiert, er wollte aus einer lustigen Idee ein gutes Produkt machen. "Die Zehensocke ist kein Gag, sie ist ein Gesundheitsprodukt", sagt Idobata.Er zählt schnell die Vorteile auf: Einzeln verpackte Zehen kann man besser spreizen und bewegen, man hat so einen besseren Stand und eine bessere Haltung, die Zehen bleiben wärmer und trockener. Das beugt Fußgeruch und Fußpilz vor. Die Bewegung der Zehen regt den Kreislauf an. Ein Vorteil führt zum nächsten, vom besser durchblutetem Gehirn über einen weniger verspannten Rücken bis zur Vorbeugung von Alzheimer sei alles drin. Yasuhiro Idobata hat inzwischen mehr als 25 Jahre damit verbracht, die Zehensocke weiter zu entwickeln. Niemand besitzt so viele Zehensockenstrickmaschinen wie seine Firma, niemand hat so viele verschiedene Zehensockenstrickmaschinentypen, wahrscheinlich kann niemand so lange und ausführlich über Zehensocken sprechen wie Idobata. In Japan gibt es Modelle für verschiedene Sportarten, es gibt Modezehensocken, Businesszehensocken, Kinderzehensocken. Die neuste Entwicklung sind nahtlos gestrickte Zehensocken, die sich dem Fuß noch besser anpassen. Nachdem Idobata fast eine Stunde geredet hat, fragt ihn jemand, wie viele Japaner denn Zehensockenträger seien. Idobata lächelt und sagt: "Wir haben einen Marktanteil von fünf Prozent." Lange habe der Marktanteil bei nur einem Prozent gelegen. Seine Socken werden in Japan produziert, Maschinen und Materialien seien teuer. "Wir bieten kein Billigprodukt an."In Deutschland kosten die Socken ab 14,50 Euro pro Paar. Ein Prozent Marktanteil erhoffe sich seine Firma in Deutschland. Irgendwann einmal, sagt Idobata. Das 21. Jahrhundert hat gerade erst begonnen.Die Socken im Internet: www.knitido.de------------------------------Foto: Hygienisch, beweglich, warm: Kaede Idobata, Ehefrau und Geschäftspartnerin von Yasuhiro Idobata, führt ein Paar Zehensocken vor.