Das Pferd ist in einen gleichmäßigen Trab verfallen. Über dem uckermärkischen Feld liegt ein Dunstschleier, es riecht nach trockenem Gras. Plötzlich ist ein Flugzeug zu hören. Die Reiterin duckt sich, ihr Körper krümmt sich, ihre Füße wollen sich unwillkürlich aus den Steigbügeln befreien. Es sind Reaktionen der Angst. Zwei Jahre war die Angst ihr Begleiter. Sie wurde gejagt von türkischen Soldaten, sie musste Deckung suchen vor Granaten und Kampfflugzeugen. Imke Anders (Name geändert) war Guerilla-Kämpferin der kurdischen PKK. Drei Jahre sind seit ihrer Rückkehr vergangen. Mit einer Frauen-Einheit absolviert sie in Kurdistan endlose Märsche durch unwegsames Gelände. Disteln haken sich in der Kleidung fest. Scharfe Felskanten zerschneiden die Hände. Die sperrige Kalaschnikow schlägt gegen die Knie, die Riemen des schweren Marschgepäcks schneiden ins Fleisch. Mühsam geht es bergauf, rutschend über loses Geröll bergab. Tagsüber verkriechen sie sich in Höhlen, marschiert wird meist erst nach Sonnenuntergang. Imke Anders ist 34 Jahre alt, fast nachtblind und hat kaputte Knie. Sie ist stämmig und etwas ungelenk. Kurdistan ist der denkbar ungünstigste Ort für sie. Imke sehnt sich von Pause zu Pause. Doch keine Rast bei der Guerilla in den Bergen beginnt mit Ruhe. Erst muss Holz gesammelt, dann Tee gekocht werden. Zum Essen gibt es oft nur Zwiebeln und Brot, selten ein Stück gebratene Ziegenleber. Manchmal auch nichts. Die Vorstellung von Lebensglück reduziert sich auf die Sehnsucht nach einem Bad, einem Frühstück mit Brötchen und heißem Kaffee. Schon in den ersten Wochen fragt sie sich manchmal, warum sie hierher gegangen ist. Bis zum Ende der DDR verläuft ihr Leben in Ost-Berlin wie das vieler anderer auch. Sie passt sich an. Schon als Kind will sie "dazugehören", gegen den Willen der protestantisch-strengen Eltern tritt sie in die Pionierorganisation ein. Dann wird sie Mitglied der FDJ, später der SED. Weil sie Funkerin bei der Handelsflotte werden will, beginnt sie nach dem Abitur eine Lehre. Sie schreibt Artikel für die Betriebszeitung - und wird schließlich Journalistin. Vom Fall der Mauer erfährt sie auf ihrer ersten Reise im "nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet": Sie durfte nach Libyen fahren. Imke Anders behält nach der Wende ihren Arbeitsplatz, hat im vereinigten Deutschland dennoch große Probleme. Ihre Kontaktscheu überspielt sie mit poltriger Burschikosität, Sympathien fliegen ihr nicht zu. Kollegen und Freunde orientieren sich neu. Jeder sucht seinen Platz, kaum einer hat Zeit. Imke Anders sagt von sich, sie sei "ein Mensch, der anderen eher hinterherlatscht". Jetzt aber ist niemand mehr da, der ihr sagt, wo es hingeht. Den Sozialismus in der DDR redet sie sich auch heute noch schön. "Das System war nicht perfekt, hatte Mängel und Fehler. Aber man hätte es reformieren können." Das Unbehagen an der neuen Gesellschaft kann sie nur mit Worten wie "Vereinsamung" und "unmenschlicher Konkurrenzdruck" erklären. Ihr West-Bild ist von der DDR geprägt. Sie redet von "Gerechtigkeit und Solidarität" und der "Notwendigkeit, etwas gegen die Ausbeutung der Dritten Welt" zu tun. Auf der Suche nach Leuten, denen sie sich anschließen will, landet sie an den Küchentischen der Linken im Westen, bei Antifa-Gruppen und Palästina-Aktivisten. Dort aber trifft sie auf "arrogante Typen, die ironisch-sarkastische Sprüche klopfen und nichts sagende Diskussionen führen. Die haben alle viel geredet und nichts getan." Imke Anders bleibt allein. Bis sie durch einen Zufall mit Exil-Kurden zusammenkommt. Die PKK-Guerilla, erzählen sie ihr, führt einen gerechten, bewaffneten Kampf zur Befreiung Kurdistans, wo sie den Sozialismus aufbauen will. Von "neuen Formen des Zusammenlebens" ist die Rede. Imke Anders ist mit solchen Phrasen groß geworden, sie sind ihr vertraut. Und sie hat nun wieder ein Ziel: Nicht nur junge Kurden, die in Köln oder Düsseldorf aufgewachsen sind, gehen nach Kurdistan. Auch Schweizer, Franzosen und Deutsche entschließen sich zum "solidarischen Einsatz", wie sie es nennen. Als Imke Anders erfährt, dass eine neue Gruppe aus Deutschland nach Kurdistan aufbrechen will, geht sie mit. In einem Ausbildungslager wird sie in die Kluft der Guerilla gesteckt. Zur weiten Hose trägt sie wie die anderen den Schalwar, ein dünnes Hemd, über das eine derbe Uniformjacke gezogen wird. Es braucht Übung, um sich den Schutik, einen meterlangen Schal, um die Hüften zu wickeln. Als sie die Kalaschnikow, den Munitionsgürtel, MPi-Magazine und Handgranaten bekommt, ahnt sie allmählich, dass dieser Einsatz nichts mit einem Pfadfinder-Ausflug zu hat. Im Lager herrscht militärischer Drill. Sie übt Handgranaten zu werfen und mit der Kalaschnikow Ziele zu treffen. Scheingefechte werden inszeniert. Noch vertraut sie darauf, dass die "Internationalisten" nicht kämpfen sollen. Das hatten ihr die Kurden in Deutschland gesagt. Während der theoretischen Ausbildung schläft sie fast ein. Sie ist mit ihren Kräften am Ende. Die PKK-Führer ergehen sich in endlosen Monologen, lesen Reden von PKK-Chef Abdullah Öcalan vor. Sie fordern zu Kritik und Selbstkritik auf, dann geht es um Fehlverhalten im Kampf oder beim Küchendienst. Nach drei Monaten wird Imke Anders einer Einheit zugeteilt - und lernt die kurdische Wirklichkeit kennen. Sie sieht ausgebrannte Dörfer, aus denen die Bevölkerung von der türkischen Armee vertrieben wurde. Sie erlebt den Alltag in den Flüchtlingslagern, trifft Bauernfamilien, die ihre halbwüchsigen Jungen zur PKK schicken, damit sie nicht den türkischen Soldaten oder deren kurdischen Hilftruppen in die Hände fallen. Streng gläubige Väter erlauben ihren Töchtern zur Guerilla zu gehen, weil sie dort vor Vergewaltigungen sicher sind. Imkes Bild von der heldenhaften Befreiungsbewegung zersplittert. Einerseits ist sie fasziniert von der vermeintlichen Todesverachtung der Genossinnen. In ihrem Tagebuch aber wundert sie sich über deren kindliche Naivität. Einige Kommandeure beeindrucken sie durch ihre Besonnenheit. Andere fällen Entscheidungen, die viele Menschenleben kosten. Ein Sturm auf eine türkische Stellung wird befohlen, der nicht die geringste Aussicht auf Erfolg hat, die Folgen sind katastrophal: Die Hälfte der Frauen stirbt. Dass die Kommandantin, die die Aktion angeordnet hat, unfähig und leichtfertig ist, wissen auch die Führer der PKK. Dennoch bekommt sie wieder neue Kämpferinnen zugeteilt. Die Bewegung will ohne hierarchische Strukturen auskommen, aber ihre Führungskräfte haben Privilegien. Für einen Mann aus der Zentrale und seine Sicherheitsleute räumen die Frauen ihre Höhlen und geben ihr Brot für die Gäste. Sie selbst schlafen in feuchten Nylonzelten und hungern. Imke Anders schreibt das alles in ihr Tagebuch. Im Rückblick jedoch versucht sie, ihre Kritik zu relativieren. Sie spricht von "Notwendigkeiten", von "ideologischen Defiziten" und "erklärbaren Widersprüchen". Es scheint, als wolle sie aus Phrasen und Parolen einen Wall um sich bauen, mit dem sie sich vor der Einsicht schützen will, dass Theorie und Realität auch bei der PKK nicht zusammengehen. An einem Abend aber, in den ersten Wochen ihres Einsatzes, werden ihre Zweifel übermächtig. Sie sitzt mit Kopfschmerzen und geschwächt von einer akuten Blasenentzündung am Feuer und notiert: "Vielleicht werden wir nach längerer Zeit hier in den Bergen erfahren müssen, dass sich der ganze Krieg, die ganze Guerilla als eine Verkettung falscher Beziehungen, Racheaktionen, überstürzter Beweise vergeblichen Heldenmuts, von Irrtümern und mangelhafter Leitung erweist." Vier Monate später lässt sie der PKK-Führung ihren Wunsch nach Rückkehr übermitteln. Doch die türkische Armee hat eine Offensive begonnen, der Weg über die Grenze in ein Transitland ist versperrt. Imke Anders muss bleiben. Sie lernt allmählich Kurdisch, die Leiden betäuben ihr nicht mehr ständig die Sinne. Sie genießt jetzt auch die sternklaren Nächte und den Blick von den Bergen weit ins Land. Sie freut sich über die ersten wilden Narzissen nach dem Winter. Mit einem Kurden, der Russisch kann, führt sie nach Monaten erste, lange Gespräche - über Landwirtschaft, Rinderwahnsinn, Dollarkurs. Aber auf der anderen Seite sind da auch immer wieder die endlosen Streitigkeiten, wer Küchendienst hat oder wo Holz gesammelt wird. Sie ist schockiert über ihre vermeintlich so selbstbewussten Kämpferinnen: "Sobald ein Schnurrbart auftaucht" wetteifern sie um die Gunst des Mannes und verwandeln sich in untertänige Wesen. Imke ärgert sich auch über die männlichen Genossen. Die meist gut ausgeruhten PKK-Funktionäre von der Zentrale referieren vor den todmüden Frauen und überbringen die neuesten Anweisungen von Öcalan. "Er wird wie ein Übervater, wie Gott verehrt", mokiert sich Imke Anders in ihrem Tagebuch. Nach fast zwei Jahren Aufenthalt in Kurdistan begegnet sie ihm selbst. Öcalan redet. Sieben Stunden lang. Er schimpft, er kritisiert. Imke Anders sitzt wie die anderen auf einem harten Holzstuhl in der heißen Mittagssonne. Die Disziplin ist strikt. Der Stuhl darf nicht knarren. Wer austreten muss, hat bis zur Pause zu warten. Öcalan fragt die Deutschen: Was nützt ihr uns? Imke weiß keine Antwort. Als Kämpferin hält sie sich inzwischen für untauglich. Sie kann zwar immer besser Kurdisch sprechen, für die "Agitationsarbeit" in den Dörfern reichen ihre Kenntnisse nicht. Die Vorträge halten andere - über die Ideologie der PKK, über die Ziele der Partei. Die Bauern hören zu, weil Gäste nicht von der Tür gewiesen werden. Weil sie neugierig sind oder Angst haben. Wenn ihre Genossen von diesen Bauern fordern, eine Dorfmiliz gegen das Militär zu gründen, zweifelt Imke am Verstand ihrer Gefährten. Aber sie will sich nicht eingestehen, dass ihr Kurdistan-Einsatz sinnlos ist. Die "Anwesenheit ausländischer Sympathisanten in Kurdistan ist ungeheuer wichtig", erklärt sie noch heute. "Nur so erfährt das kurdische Volk von der weltweiten Unterstützung für seinen Kampf." Als hätte es die eigene Schwäche und die Zweifel nie gegeben. Nach zweieinhalb Jahren wird Imke Anders Antrag auf Rückkehr stattgegeben. Wenige Tage vor dem Abschied aber gerät ihre Einheit in einen Hinterhalt. Neben Imke schlägt eine Granate ein. Betäubt bleibt sie liegen. Als sie aufwacht, ist sie allein. Sie muss ihre Einheit suchen, aber sie kennt die Gegend nicht. Zwei Fladenbrote zerkrümeln in ihrer Tasche. Ein Pferdekadaver liegt nahe der Quelle, aus der sie nach Stunden zum ersten Mal trinkt. Drei Tage ist sie unterwegs. Dann stößt sie auf eine Männereinheit; deren Kommandant hat eine Liste, auf der die Namen der Gefallenen aus Imkes Einheit stehen. Es sind 29. Etwa 30 junge Deutsche sind in den letzten zehn Jahren für eine Zeit lang nach Kurdistan gegangen: Eine von ihnen starb im Kampf, einer kam als Krüppel zurück, zwei sitzen in der Türkei im Gefängnis. Gegen die anderen ermittelt der Verfassungsschutz unter dem Verdacht, dass sie in Deutschland eine neue Terrorgruppe nach dem RAF-Vorbild aufbauen wollen. In Deutschland ist Imke Anders wieder allein. Zu den kurdischen Organisationen ist sie auf Distanz gegangen. Es gäbe zu viele Fraktionen, die Exil-Kurden würden die Bewegung glorifizieren, ihre Ziele seien irreal. "Abdullah Öcalan sitzt in Haft. Der bewaffnete Kampf ist vorbei", sagt Imke nüchtern. "Wenn sich die PKK den veränderten Verhältnissen jetzt nicht anpasst, wird sie von der Bildfläche verschwinden." Alternative Gruppen hält sie für kleinbürgerlich. Die Wohngemeinschaften und die Hausbesetzer-Szene seien im täglichen Streit über den Abwasch und die Mülleimer zerfallen, sagt sie. Feministinnen hätten sich auf Bauerngehöfte zurückgezogen. Sehnsucht nach fremden Ländern hat sie immer noch, für Reisen aber fehlt das Geld. Sie arbeitet in einem Laden, der internationale Zeitungen verkauft. An den Wochenenden fährt sie auf ein Gestüt in der Uckermark. Dort sind Weite, Himmel und Stille, fast wie damals in Kurdistan. Wenn nur die Flugzeuge nicht wären . "Vielleicht ist der ganze Guerilla-Krieg nur eine Verkettung von Racheaktionen, Irrtümern und vergeblichem Heldenmut."PKK-Kämpferinnen in Kurdistan. Zwei Jahre gehörte die Deutsche Imke Anders dazu.