Eine Juristin, aber keine Volljuristin

Ausbildung zur Juristin, heißt es im Lebenslauf der neuen Wirtschaftssenatorin von Berlin, Juliane Freifrau von Friesen (parteilos, für die Grünen), die die Senatskanzlei herausgegeben hat. Und: "Die parteilose Juristin ist ehrenamtliche Richterin am Landesarbeits- und Landessozialgericht Berlin. " Was im Lebenslauf nicht steht, ist, dass Juliane Freifrau von Friesen keine Volljuristin ist, also nicht als Rechtsanwältin, Richterin oder Notarin tätig sein darf. Die 50-Jährige hat an der Freien Universität in Berlin nur ihr erstes Staatsexamen abgelegt, die Prüfung zum zweiten Staatsexamen aber zwei Mal nicht bestanden.Diese Tatsache sorgt nun in der CDU für große Aufregung. "Skandal", heißt es in der Partei, "wegen Mogelei" sei Juliane Freifrau von Friesen im Staatsexamen gescheitert. Stimmt das? Der Sprecher der neuen Wirtschaftssenatorin, Claus Guggenberger, gibt Auskunft. Und das hört sich dann so an: Nach dem ersten Staatsexamen arbeitete Juliane Freifrau von Friesen als wissenschaftliche Mitarbeiterin am FU-Institut und bereitete auch Hausarbeits- und Klausurthemen vor.In ihrer Prüfung zum zweiten Staatsexamen wurde ihr ein Thema aus dem Kartellrecht vorgelegt, das sie selbst ausgearbeitet und dessen Lösungsweg sie beschrieben hatte. Sie wies die Prüfer aber nicht darauf hin, sondern schrieb die Arbeit. Einer ihrer Prüfer wurde skeptisch, weil die Arbeit auch in der Wortwahl der so genannten Lösungsskizze entsprach. Die Prüfung wurde nicht anerkannt, Frau von Friesen legte dagegen auch keine Beschwerde ein.Doch nach Auskunft von Claus Guggenberger kam es auch bei der Wiederholung der Prüfung zu "Merkwürdigkeiten". Auf einem Extrablatt habe sich Juliane Freifrau von Friesen Notizen gemacht, die sie später in den Haupttext noch habe einarbeiten wollen. Wie bei solchen Prüfungen üblich, wurden am Ende alle Unterlagen, auch die Notizzettel eingesammelt. Die Prüfer werteten den Notizzettel von Juliane Freifrau von Friesen als "Spickzettel" und erkannten ihr die Prüfung nicht an. Sie legte dagegen Klage vor dem Verwaltungsgericht ein, verlor aber. Weil die Prüfung nur ein Mal wiederholt werden darf, ist Juliane Freifrau von Friesen zwar eine Juristin, aber eben keine Volljuristin."Die Empörung der CDU ist nur der billige Versuch des politischen Gegners, den Übergangssenat in Misskredit zu bringen", sagte Sprecher Claus Guggenberger. Auch die Grünen wollen das Thema "nicht überbewerten". Die neue Berliner Wirtschaftssenatorin solle an ihren jetzigen Leistungen und nicht nach den "ollen Kamellen" bewertet werden, heißt es in der Partei.