CHARLESTON. Harvey Nathan wirkt reizbar und nervös. Er hat Streit mit seiner Versicherungsfirma. Es geht nicht nur um viel Geld, sondern auch um seinen guten Namen, denn die Versicherung nennt Harvey Nathan einen Lügner. "Das tut weh und macht mir seit fast vier Jahren Bauchschmerzen", sagt Harvey.Nachdem 2003 sein Delikatessen-Laden in Charleston im amerikanischen South Carolina abbrannte, bezichtigte ihn seine Versicherung, die Unwahrheit zu sagen. Er habe den Brand selbst gelegt und versuche die Entschädigung abzukassieren. Die Sache ging vor Gericht, die Klage der Versicherungsfirma wurde zwar abgewiesen. Dennoch bekam Harvey Nathan keinen Cent Schadensersatz.Die Versicherung insistierte sogar weiterhin, dass Nathan die Unwahrheit sage. "Es ist so unendlich frustrierend für mich gewesen, zu wissen, dass ich nichts dagegen tun kann." Doch dann hört Harvey Nathan von einer neuen Firma im kalifornischen San Diego namens NoLie MRI. Die behauptet mittels eines neuen so genannten funktionellen Magnetresonanz-Scans (FMRI) herauszufinden zu können, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt.Das Verfahren basiert auf der Erkenntnis, dass die Lüge das Gehirn mehr anstrengt als die Wahrheit und deshalb bestimmte Regionen stärker durchblutet werden. Mittels der FMRI-Technologie wird der beim Lügen aktive Teil des Gehirns gescannt, stärker durchblutete Stellen leuchten rot auf. Im Vergleich zum fast hundert Jahre alten Lügendetektor, der bisher die einzige Methode war, einen Lügner zu entlarven, scheint das neue Verfahren mit einer Erfolgsquote von 95 Prozent äußerst zuverlässig.Ein althergebrachter Lügendetektor misst unter anderem Blutdruck, Hautwiderstand und Atmungsfrequenz. Mit viel Übung kann man das Gerät täuschen. Lügendetektoren sind deshalb vor Gericht nicht als Beweismittel zugelassen. Die kalifornische Firma ist von der Verlässlichkeit und Genauigkeit ihrer FMRI-Technologie überzeugt. "Ob es sich um einen Ehepartner handelt, der des Fremdgehens bezichtigt wird oder um jemanden, der verdächtigt wird, Geld entwendet zu haben: bei allen geht es letztendlich darum, den guten Ruf wiederherzustellen", sagt Joel Huizenga, Gründer von NoLie MRI. Der potenzielle Markt für den Lügenscanner ist enorm, trotz des hohen Preises von 10 000 Dollar pro Test. Eine Anerkennung vor amerikanischen Gerichten scheint nur noch eine Frage der Zeit. In juristischen Fachblättern der USA wird bereits diskutiert, ob die Technologie bei Verhören von Terrorverdächtigen eingesetzt werden darf. Privatfirmen könnten das Verfahren bei Einstellungsgesprächen nutzen. Auch in Europa begibt man sich auf Wahrheitssuche. Seit kurzem ist der Test in der Schweiz erhältlich. Zentren in Deutschland und den Niederlanden sind geplant.Harvey Nathan glaubt jedenfalls, seinen guten Ruf gerettet zu haben. Das von seinem Gehirn unter Befragung gescannte Bild zeigte keine erhöhte Aktivität. Also hat er im Versicherungsdisput die Wahrheit gesagt. Dass sein Versicherer sich weigert, das positive FMRI-Resultat anzuerkennen, ist für Nathan dabei nur ein Schönheitsfehler.------------------------------Foto : So ein Scanner macht Krankheiten sichtbar und entlarvt Lügner.