ZECHIN. Simone Cramme und ihr Mann Hans-Joachim haben sich in dem Oderbruchdorf Zechin kurz vor der polnischen Grenze ein schönes Fachwerkhaus ausgebaut. Es liegt am Ende eines kurzen unbefestigten Weges, der in weiten Wiesen endet. Wenn sie Handwerker bestellten, gab es immer Probleme. Ihr Weg hieß Hauptstraße, doch den Namen trug auch die große Nachbarstraße. Simone Cramme wusste sich zu helfen: "Ich habe einfach gesagt, kommen Sie zur Wilhelm-Pieck-Gedenkstätte." Dann wussten die Handwerker Bescheid. Denn in dem Fachwerkhaus, das sich die Crammes nach der Wende gekauft hatten, war bis 1989 ein Museum für den ersten und einzigen Präsidenten der DDR untergebracht.Das Pieck-Museum gibt es nicht mehr. Dafür heißt der Weg nun Wilhelm-Pieck-Straße. Kürzlich wurden das neue Straßenschild angeschraubt und der alte Name "Hauptstraße" überklebt. Die Anwohner mussten sich ummelden. Auch Simone Cramme ging zur Amtsverwaltung nach Golzow. "Ich habe mich schon gewundert, dass man die Straße jetzt tatsächlich so nennt. Denn überall verschwinden die sozialistischen Bezeichnungen - nur hier nicht", sagt die 44-Jährige und erzählt, dass in Golzow die Karl-Marx-Straße in Straße Am Spielplatz umbenannt wurde, im benachbarten Neulangsow verschwand die Ernst-Thälmann-Straße. Doch im Amt habe man ihr nur gesagt, das habe die Gemeindevertretung so entschieden.Keinerlei BeschwerdenLutz Gutke bestätigt das. Gutke ist einer der Gemeindevertreter. Er muss für seinen Bürgermeister einspringen, der an diesem Donnerstag für Journalisten nicht erreichbar ist und der Tags zuvor noch erklärt hatte, er verstehe die ganze Aufregung nicht, wenn eine unbedeutende Straße in einem unbedeutenden Ort nun den Namen Wilhelm Pieck trägt. Gutke sieht das ebenso. Dabei dürfte das 350 Einwohner zählende Zechin der einzige deutsche Ort sein, der nach der Wende eine Straße nach dem DDR-Präsidenten benannt hat. Zwar gibt es noch in mindestens 48 ostdeutschen Orten eine Wilhelm-Pieck-Straße aus Vorwendezeiten. Doch viele andere Gemeinden tilgten den Namen, weil Pieck 1946 maßgeblich an der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED beteiligt war.Gutke erzählt, dass es in Zechin und in der Nachbargemeinde mehrere Hauptstraßen gab. Feuerwehr, Telekom und Post hätten sich regelmäßig verfahren und beschwert. Also mussten Straßennamen geändert werden. Die Nachbargemeinde entschied sich für eine unverfänglichen Variante: Chausseestraße.Auch Zechins Ortsvertreter wurden sich schnell einig. Schließlich hatte Wilhelm Pieck 1894 in der nur hundert Meter langen Straße als Wandergeselle in einer Tischlerwerkstatt gearbeitet. "Seit Monaten waren die Pläne zur Umbenennung bekannt, jeder hätte Einspruch einlegen können, es gab aber keinerlei Beschwerden", sagt Gutke.Robert Kliesch wohnt in einem der drei Häuser der Pieck-Straße. Er sagt, er sei mit seinen 22 Jahren zu jung, um wirklich zu wissen, wer Pieck gewesen ist. Und er ist ein wenig überrascht von der ganzen Sache. "Gefragt haben die uns nicht, ob wir den Namen wollen", sagt er. Irgendwann lag ein Zettel im Briefkasten. Darin teilte die Gemeinde Kliesch mit, er wohne nun in der Wilhelm-Pieck-Straße. Der Name allein stört Kliesch nicht so sehr. "Was ich furchtbar finde, ist der Zustand der Straße. Wie kann man einen solchen Schlaglochweg nach einem Politiker benennen?"Seinem Nachbar passt der neue Name dagegen gar nicht. "Olle Kommunistenstraße", schimpft der 41-Jährige, der seinen Namen lieber nicht sagt. Er will sich auf keinen Fall ummelden - aus Protest. "Ich wollte den Namen ja nicht."Am Anfang der Pieck-Straße befindet sich das "Oderbruchstübchen". Silke Golling steht hinter dem Tresen und sagt, dass sie den ganzen Rummel um den Straßennamen nicht nachvollziehen könne. "Schließlich war Zechin einmal wegen zwei Dingen bekannt: dem Freibad und der Gedenkstätte", sagt die 39-Jährige. Sie weiß über Pieck nichts Schlechtes zu sagen, sie weiß das, was sie damals in der Schule gelernt hat. "Für die kurze Straße wäre der Name Feldweg wohl passender gewesen", sagt sie.Bewusst gewähltLothar Ebert ist Direktor des Amtes Golzow, zu dem Zechin gehört. "Personennamen für Straßen werden immer diskutiert. Denn es gibt wohl keine Person, die eine rein positive oder rein negative Biografie hat", sagt er. Auch Friedrich II. habe nicht nur ringsum das Oderbruch trocken legen lassen, sondern auch Kriege geführt."Straßennamen sind Sache der Gemeinde. Und Zechin hat bewusst den Namen Pieck gewählt", sagt Ebert. Es solle keine Glorifizierung sein, sondern sachlich auf den historischen Bezug verweisen, dass Wilhelm Pieck einst dort gearbeitet habe. So möge man die Sache doch bitte verstehen.------------------------------Foto: Die Wilhelm-Pieck-Straße in Zechin: "eine unbedeutende Straße in einem unbedeutenden Ort".