Kann man Erich Priebke einen "Verletzten Wolf" nennen, mit dem man Erbarmen haben müsse? So nämlich äußerte sich jüngst nicht irgendein Exponent der rechten Szene Italiens, sondern die für ihre Zurückhaltung - und für ihr Zurückgezogensein - bekannte Schriftstellerin Anna Maria Ortese.Die zweiundachtzigjährige Autorin hatte lange vergessen und verarmt bei Rapallo gelebt, bevor ihr Roman Il cardillo addolorato (Adelphi) 1994 in Italien ein Bestseller wurde (auf deutsch "Die Klage des Diestelfinken" bei Hanser). Widerspruch Ihre Geschichten und Romane zeichnen sich durch eine faszinierend versponnene Weltsicht, eine Art phantastischen Realismus aus. Ihre Bücher sind geradezu musikalisch komponiert, jedes Adjektiv wird zur Note. Das gilt auch für ihren jüngsten bei Adelphi verlegten, bisher aber wenig beachteten Roman Alfonso, il visionario.Ausgerechnet in der Mailänder Tageszeitung Il Giornale, die auf der Jagd nach Lesern gewöhnlich nicht mit Häme und Grobheiten spart, hat Anna Maria Ortese jetzt einen langen Artikel zum Fall des Erich Priebke veröffentlicht.Priebke (83), der maßgeblich am Massaker der Fosse Ardeatine vor den Toren Roms im März 1944 beteiligt gewesen sein soll, war im vergangenen Jahr von Argentinien nach Italien ausgeliefert worden. In einem ersten Verfahren vor einem römischen Militärgericht wurde er wegen Verjährung der Tat freigesprochen. Kurz darauf annullierte man das Urteil, und der frühere SS-Offizier wartet jetzt in einem römischen Gefängnis auf den zweiten Prozeß."Man kann nicht anders, als die Würde bewundern", schreibt die Ortese über Priebke, "mit der er nach einer Frist von einem halben Jahrhundert, die seit der Tat vergangen ist, den ganzen feierlichen Ritus der Justiz akzeptiert." Auf ein verblichenes Foto bezogen, das Bauern zeigt, die mit Knüppeln auf einen Wolf eindreschen, der ein Blutbad unter ihren Schafen angerichtet hatte, ruft die Autorin dazu auf, die Knüppel im Fall Priebke niederzulegen. "Und habt Respekt für die verletzten Wölfe in aller Welt!"Der Artikel erregte Widerspruch. Zurückhaltend formulierte der alte katholische Literaturwissenschaftler und Kritiker Carlo Bo, daß Anna Maria Ortese göttliche Gerichtsbarkeit verlange, die Menschen aber diese Gnade nicht hätten.Der Neapolitaner Erzi de Luca antwortete ironisch, indem er das Tier in Schutz nahm: "Im Namen des Wolfes weise ich den Vergleich mit einem kriminellen Nazi wie Priebke zurück." Und der Germanist Cesare Cases schrieb: "Ich verstehe, daß die Ortese für einen Altersgenossen Mitleid entwickeln kann, aber hat sie darüber nachgedacht, daß dieser Mitglied einer Organisation war, die niemals Mitleid mit ihren Opfern, mit Alten, Frauen, Kindern und Kranken gehabt hatte?" Solange es Altnazis wie Priebke immer noch gelänge, sich ihrer Verurteilung zu entziehen, seien sie keine besiegten, sondern siegreiche Wölfe.Ungewöhnlich scharf reagierte Antonio Tabucci, von dem in diesem Frühjahr ein neuer Roman, ein Politkrimi, erwartet wird. In einem Artikel des Corriere della Sera warf er Anna Maria Ortese vor, sie reduzierte den Nazismus auf eine mystische Erscheinung des Bösen in der Geschichte, gegen die der Mensch ohnmächtig wäre. Diese Leseart lasse die Verfolgung aller Verbrechen gegen die Menschlichkeit ins Leere laufen und sei beleidigend gegenüber den Angehörigen der Opfer der Fosse Ardeatine. Er warnte die Schriftstellerin davor, ihre literarische Poesie als Maßstab für Geschichte zu benutzen. Tabucci erinnerte an den Satz des jüdischen Philosophen Vladimir Jankevitch, nach dem das Verzeihen in den Todeslagern gestorben sei. Position verteidigt Anna Maria Ortese antwortete kurz ein paar Tage später im Corriere, indem sie noch einmal ihre Position verteidigte. Jeder zivile Mensch "muß unbedingt dem Verlierer nah sein, ihm wieder Hoffnung geben". Sie wandte sich gegen die unkritische Leseart von Geschichte, wie sie dem mediokren Durchschnitt des Landes entspreche. Ihr käme es nicht darauf an, Zustimmung zu ernten. Nicht ohne Stolz zählt sie sich zu denjenigen, welche vor Risiko und Niederlage nicht ausweichen, "worin die ganze unpopuläre Würde einiger Schriftsteller" liege. +++