Die Ankündigung des neuen Präsidenten des Kosovo, Fatmir Sejdiu, die Politik seines Vorgängers fortzuführen, gibt zunächst Anlass zur Hoffnung. Viele der unbestreitbaren Fortschritte bei der Schaffung demokratischer Institutionen und rechtsstaatlicher Rahmenbedingungen tragen die Handschrift des vor wenigen Wochen verstorbenen Ibrahim Rugova. Nunmehr muss aber Sejdiu die Chance des Neuanfangs nutzen, um die bisher kompromisslose Haltung seines Landes bei den Verhandlungen über den künftigen Status des Kosovo durch eine zielführendere Politik zu ersetzen.Trotz unübersehbarer Defizite bei der Implementierung notwendiger Standards für die Bewahrung eines multiethnischen Kosovo haben die UN vergangenen Oktober grünes Licht für den Beginn von Gesprächen über den künftigen Status der Provinz gegeben. Sechs Jahre nach dem Kosovo-Krieg war es an der Zeit, die Lösung der Status-Frage in Angriff zu nehmen.Entgegen mancher Legende hat die kosovarische Seite unter Rugova keineswegs konstruktive Verhandlungsposition definiert. Stattdessen versteifte sie sich auf die Maximalforderung der sofortigen, unkonditionierten Unabhängigkeit. Die serbische Position stellt sich nicht flexibler dar. Nachdem man in Belgrad lange Zeit auf den Verbleib der Provinz in Serbien beharrt hatte, laufen jüngste Vorschläge auf eine Teilung des Kosovo hinaus. Dies überschreitet die roten Linien, die die internationale Kontaktgruppe seit geraumer Zeit für den zukünftigen Status des Kosovo formuliert hat.Jenseits der apodiktischen Forderungen sind die Positionen tatsächlich nicht so diametral entgegengesetzt, wie es der verhärtete öffentliche Diskurs vermuten lässt. Für die Kosovo-Albaner ist Unabhängigkeit von Belgrad, aber nicht von der Internationalen Gemeinschaft das Ziel. Führende Serben können sich mit einer Form der kosovarischen Selbstverwaltung, die de facto Unabhängigkeit von Belgrad bedeutet, anfreunden, wenn Schutz und Autonomie ihrer Minderheiten im Kosovo gewährleistet werden und das Kosovo auf internationaler Bühne nicht als unabhängiges Land auftritt. Die internationale Gemeinschaft kann hier sowohl mit der Nato als auch mittels eines Hohen Repräsentanten, der von der EU entsendet werden könnte, wertvolle Beiträge zur Kompromissbereitschaft leisten.Weder in Belgrad noch in Pristina sollte man aber aus Sorge vor nationalistischen Stimmungen darauf bauen, durch eine letztlich von außen oktroyierte Lösung die Hände gegenüber der jeweiligen Öffentlichkeit in Unschuld waschen zu können. Weiterhin auf einer Teilung des Kosovo oder einer sofortigen und unkonditionierten Unabhängigkeit zu bestehen, wird die politischen Verantwortungsträger auf beiden Seiten nach dem Ende der Verhandlungen letztlich als Verlierer gegenüber der eigenen Bevölkerung dastehen lassen. Eine Liste detaillierter Verhandlungsziele, etwa zu Fragen wie Minderheitenschutz, Dezentralisierung oder Hoheitsrechte in der Außen- und Verteidigungspolitik, würden Belgrad und Pristina hingegen nach einer ausgewogenen Kompromisslösung in die Lage versetzen, auch auf jeweilige Erfolge verweisen zu können.------------------------------Karl-Theodor von und zu Guttenberg ist Obmann der CDU/CSU im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages und Leiter des CSU-Fachausschusses Außenpolitik.