Am Johannisplatz, gegenüber von Ulbrichts Betonerektion "Penis jenensis" (Studentenmund), steht ein Straßenbauarbeiter in völlig gelassener Haltung, der Presslufthammer an seinem Bauch läuft auf Touren. Der Mann stützt sich lässig auf das ratternde, dröhnende Werkzeug und blickt gedankenversonnen, gedankenverloren an dem hässlichen Hochhaus vorbei, für das vom Bombardement verschonte Reste der alten Innenstadt geopfert wurden, blickt zum Jenzig hinüber, wo die Blätter bunt werden. Wie dieser Bauarbeiter ist die Stadt. Ruhig, und es bebt.Die Stadt Jena hat 74 Bürgern die Ehrenbürgerschaft verliehen, davon sind zwölf wieder gestrichen worden, fünf nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und sieben nach der Wende. Nachkriegs-Bürgermeistern wurde die Ehrung aberkannt, was lohnt es nach der Wiedervereinigung über sie zu reden? Aber die Sache Ibrahim? Hier gehört das DDR-Zeitungswort her: Ibrahim ist "Herzblut" von Jena.Am Mittwoch kam es nach terminlichen Verschiebungen, nach einer von vielen Jenensern als hitzig, beleidigend und verletzend empfundenen Diskussion in den Hörsälen, Amtsstuben und lokalen Zeitungen endlich zur Debatte und Abstimmung im Jenaer Stadtrat um die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde für den berühmten Kinderarzt Professor Jussuf Ibrahim, den Helfer der Mütter, den Retter der Kinder.Die Diskussion um den Ägypter mit der Reichsangehörigkeit, der in die NSDAP eintreten wollte, der Bekennenden Kirche die Christenlehre in seiner Klinik ermöglichte, in die LDPD der DDR eintrat, der eine Kriegsauszeichnung des Drittes Reiches erhielt und den Verdienstorden der DDR, der vierzig Jahre in Jena mildtätig wirkte, eine anerkannte wissenschaftliche Koryphäe war, vor allem aber ein Inventar des öffentlichen Lebens, den viele kannten ("Er hat mir das Leben gerettet", "Meine Frau und meine Tochter sind Ibrahim-Schwestern": Sätze aus der Debatte), um einen Arzt, der in Jena wie eine Ikone verehrt wird, aber nun nachweislich und unbestreitbar in Euthanasiefälle verwickelt war, also zum Töten freigegeben hat, über wertes oder unwertes Leben entschied, begann mit einem durch eindrucksvolle Rezitation aus alten Werken lebhaft illustrierten Vorschlag eines professoralen Stadtratmitgliedes, die Sache "im Tetrapack" zu verhandeln.Der Ausdruck Tetrapak passte wenig zu diesem sympathisch wirkenden, älteren Vertreter der historisch weit greifenden Verschleierung. Tetrapak war der Köder für die neue Zeit, solches Denken kommt aus alten Erfahrungen, und die kehren wieder: Jena ist gut, auch wenn es schlecht ist.Der Vorschlag lautete: vier für einen. Nur zusammen mit den Ehrenbürgerschaften von Otto von Bismarck, Paul von Hindenburg und Ernst Haeckel sollte über die allen Jenensern leidige Sache Ibrahim entschieden werden, denn endlich müssten ein für allemal die Kriterien für die Ehrenbürgerschaftsvergabe festgeschrieben werden, damit im anständigen Jena Verstöße gegen die innere geistige Ordnung nie wieder vorkämen.Die Abgeordneten nickten einverstanden, auch der junge PDS-Vertreter, der mit T-Shirt und manchmal Händen in der Tasche sein jugendliches Kopfschütteln über die alte wie die neue Welt vor den erstaunlich vielen Doktores und Professores artikulierte. Aber gegen die Grundsicht war er wohl auch nicht. Die Bücher, aus denen der Professor mit tragender Stimme vortrug, wirkten wie aus der altehrwürdigen Universitätsbibliothek entliehen, die jetzt endlich ihr neues Haus bekommt. Bismarck, erläuterte der Professor, habe mit der Emser Depesche unter Umgehung des Monarchen, also ungesetzlich, einen Krieg provoziert, was Soldatenleben forderte. Paul von Hindenburg sei der "eherne Entschluss zum Erfolg" bei Tannenberg wichtiger als 50 000 gefallene Russen gewesen, und Ernst Haeckel habe die "spartanische Selektion" verfochten, die Tötung verkrüppelter Kinder. Der professorale Vorschlag aus der CDU-Fraktion wurde laut beklatscht und still einfach nicht weiter verfolgt. Von anderer Art war eine weitere Stimme aus der CDU, ein Professor, der mit bewegter Stimme und zitternden Händen fragte, ob die zahlreichen Abtreibungen in der Universitätsklinik in späteren Jahren nicht vielleicht als Tötung, als Mord erkannt würden.Bunt ist die Stimmungslage. Eine Abgeordnete vom SPD-Tisch berief sich, für die Aberkennung sprechend, auf Janusz Korczak, der seinen Kindern freiwillig ins Gas folgte. Die junge Frau sagte das, als würde sie, wenn es nötig sei, keinen Augenblick zögern, es Korczak gleichzutun. "In Jene lebt sich s bene" geht noch immer als Motto um, und das thüringische Latein will sagen: Der Nachbar soll auch leben, ich tue ihm nichts. Jena hat sich, auch wenn die Fahnen gehisst waren, als Stadt eines liberalen Geistes verstanden. Zu Ulbrichts Zeiten wurden manchmal sogar in Vorlesungen Witzchen kolportiert. Ulbrichts Formulierung "Quo vadis, wem nützt es?" hat in Jena immer sehr erheitert. Natürlich sind wir stets liberal gewesen, auch in der DDR, sagte ein Redner. "Wie wären wir sonst eine der beliebtesten deutschen Universitätsstädte geworden?"Der Oberbürgermeister Dr. Peter Röhlinger (FDP) formulierte: "In diesem Stadtrat gibt es viele Menschen, die das Knie nicht gebeugt haben, nicht vor Ulbricht, nicht vor Honecker, und sie werden es auch nicht tun vor dem öffentlichen Druck durch Journalisten und Historiker." Die Reihung ist aufschlussreich, und mit letzteren waren die "Auswärtigen" gemeint, die Jena die Diskussion durch wissenschaftliche und publizistische Veröffentlichung aufzwangen, wohl gern auch mehr Zerknirschung sähen. Über den Ost-West-Hintergrund, dass die Westler das Sagen haben, darüber redet niemand. Er ist die Folie des Vorgangs. Jena möchte sich den Helden nicht nehmen lassen, er wird genommen.Wir lassen uns nicht in die rechte Ecke rücken, wird vielfach bekräftigt. Keine, aber wirklich keine der Fraktionen stehe der NPD nahe, erklärte der Oberbürgermeister, und es hört sich an, als stünde er jetzt auf dem Holzmarkt vor tausenden von Kundgebungsteilnehmern. Einer sagt, die ganze Diskussion erinnere ihn ohnehin an die DDR-Funktionärsfrage: Bist du für den Frieden? Wenn du für den Frieden bist, musst du für die Mauer sein, denn die schützt den Frieden.Zur Jenenser Liberalität gehört die Auffassung, dass man mit der Zeit gehen muss. Das Wort Anpassung klingt nicht gefällig. Vom Turm der Stadtkirche St. Michael weht eine große Werbefläche der Firma Sinn und Leffers für eine Damenlederjacke, Preis 199 DM. In der Kirche befindet sich Luthers Grabplatte, vor der standen die Deutschen Christen, aber die Bekennende Kirche auch. Jena bleibt Jena.Das Abstimmungsergebnis: 22 Abgeordnete waren für den Antrag des Oberbürgermeisters, dass Jussuf Ibrahim nicht mehr als "Ehrenbürger angesehen wird". Neun dagegen, acht enthielten sich. Die Zweidrittelmehrheit, die die Gemeindeordnung für Aberkennungen vorsieht, ist nicht erreicht. Es bleibt, wie es ist."Jena, das steht weltweit als Synonym für Präzision und Genauigkeit. " So beginnt ein Lokaljournalist seinen Kommentar über das Abstimmungsergebnis.STIFTUNG PREUSSISCHER KULTURBESITZ Jena vor allen Katastrophen. Coloriertes Foto von 1890