Welpenschutz! Allein dieses Wort. Was denkt die sich eigentlich?! Ich bin schließlich schon groß. Und es geht ja bloß darum, Würste zu braten. Das ist ja wohl keine Kunst. Trotzdem hat die Chefin den anderen vier der Nachtschicht gesagt, ich solle - wie jeder Neue - eben diesen Welpenschutz bekommen. Wenigstens für eine Stunde. Die vier haben sich nicht gewundert. Haben im Aufenthaltsraum an ihren Zigaretten gezogen, haben gegrinst und haben genickt. Die Chefin von "Curry 36", Vera Stenschke, hat gelacht. Ganz laut. Ich auch. Welpenschutz! Klingt ja auch lustig.Lustiger jedenfalls als zwanzig Minuten später die Stimme von Tine. "Ordentlich muss das sein, mein Großer!" Ordentlich? Dieses glänzende Rotbraun vor mir? Wie? Was meint sie mit "ordentlich"? Erst empfand ich es ja fast als etwas Meditatives, drei Reihen in Erdnussöl liegende Würste, eine nach der anderen gemütlich mit der Zange wenden zu dürfen. Aber dann nimmt Tine plötzlich im Minutentakt am oberen Ende der auf 160 Grad eingestellten Bratfläche Würste weg und schnippelt diese in Scheiben. Es eilt. Die Schlange vor ihrem Verkaufsfenster ist wie aus dem Nichts entstanden. Ich wende eifrig. "Aber ordentlich!", ermahnt Tine nochmals "Die Enden!" Ach so, klar. Alle müssen in eine Richtung zeigen. Die Würste haben geordnet im Fett zu brutzeln, entweder alle nach Osten oder alle nach Westen gekrümmt. "Was sollen denn sonst die Kunden denken!" Tine meint es ernst. Das ist nicht irgendein Job für sie. Das ist ihr Leben. Sie ist aufgewachsen in dem Haus am Mehringdamm 36. Als Kind hat sie dem Wurstverkäufer schon ausgeholfen. Später wurde das Braten ihr Beruf. Seit 17 Jahren macht das die 36-Jährige schon.Bioware vom ApfelschweinTine schnippelt. Kassiert. Duzt alle. Wünscht viel Spaß. Zu mir sagt sie nichts. Das geht jetzt nicht. Aber ihr Blick aufs Bratgut sagt alles. Wo es eben noch verdammt eng war, lichten sich die Reihen. Also: Nachschub! Der liegt unter den beiden Bratflächen, für die ich zuständig bin, in den auf 4 Grad runter gekühlten Edelstahlschubladen - Hunderte Würste. Mit Pelle, ohne Pelle und Bioware vom Apfelschwein aus dem Havelland. 1000 werden wir in der Nacht verkaufen - Günther mit seinem "Bräter" Micha durch das rechte, Tine und ich durch das linke Fenster. Ein Kunde verlangt "Curry, extra scharf mit Pommes Schranke!" - "Pommes!" wiederholt Tine. Ich hab es zuerst überhört - es ist DAS Stichwort für den Bräter. "Noch hast ja Welpenschutz!", ruft Günther, der mitbekommt, dass es einen Moment länger dauert, als in der Curry-36-Choreographie vorgesehen, bis ich die Pommes frittiert habe. Nun pumpe ich Majo drauf - so viel, bis ich denke, jedes Gramm mehr könnte bei einem durchschnittlichen Mitteleuropäer ein gewaltiges Unwohlsein in der Magengegend auslösen. Aber es ist zu wenig. Viel zu wenig. "Wir sind kein Diätinstitut. Hau rauf!" Tine lacht. Ich leg Pommes nach, pump Mayo hinterher, kippe Ketchup aus der im Wasserbad vorgewärmten Flasche.Großzügigkeit, erklärt Lutz Stenschke, ist Teil des Erfolgsrezepts. Vor 30 Jahren hat er vom "Wurstmaxen" dessen Imbisswagen gekauft, der im Hauseingang stand. Damals gab es nur "Kesselware" - also Bockwürste, Wiener und auch Currywürste aus dem heißen Wasser. Nichts Gebratenes. Und keine Pommes.Ein Moment bleibt Zeit für einen Blick durch die Scheibe. Vorhin waren es Männer im Blaumann. Rettungswagenfahrer. Wachleute. Nun steht da eine Frau. Noch keine 25. Schlank. Sie hat eine doppelte Curry ohne Darm mit Pommes Mayo geordert. Ich habe die Pommes wie beim Turmbau zu Babel aufgehäuft. Mehr Kalorien als man in einer Nacht abtanzen kann. Vielleicht isst sie ja nur einmal im Monat? Oder sie füttert ihre Brüder? Aber nein, sie steht allein an einem Stehtisch und leert ihren Pappteller ruck zuck.Zwei Stunden sind um. Die ersten Schlangen sind weg. Die ersten Kunden satt. Die nächsten noch nicht hungrig. Kurze Flaute. Zeit für eine Pause mit Nicole. "Morgen früh weißt du, was du getan hast. Das ist kein Imbiss, das ist richtig Arbeit", sagt die 23-Jährige. Seit ein paar Monaten ist sie dabei. Fürs Essen ihrer Wurst braucht sie keine fünf Minuten, dann ist auch meine Pause vorbei. "Was? Willste deine Wurst bei nem alten Mann kaufen", hör ich Tine rufen. Der Hipster aus Mitte schaut verdutzt. Er will zu Günthers Fenster. Das eigentlich gar kein Fenster ist. Das ist eine Bühne. Für ihn. Für den ehemaligen Asbestsanierer und Bruder der Chefin, der seit sechs Jahren nachts Unterhaltungsprogramm für hungrige Schlangensteher bietet. Jetzt fragt er: "Mit Mayo oder Ketchup, mit Darm oder ohne, mehr oder weniger scharf. Biste liiert oder solo? Na?" Der Clubgänger ist nicht so fit, schaut verdutzt, seine Begleiterin interessiert. Günther lacht. "Was empfehlen Sie denn?", fragt der Kunde. "Empfehlen?", Günther grinst. "Nen anderen Imbiss, empfehl ich dir Junge... Ein Mädel hast ja schon - oder wie war das mit Mayo oder Ketchup, liiert oder nicht? Musst dich entscheiden im Leben. Soll ja keiner in der Schlange verhungern..." Jetzt bestellt seine Begleiterin. "Aber bezahlen kannste schon alleine, was mein Junge?" Er nickt. Günther kassiert. Und bekommt Trinkgeld. "Palim, palim" ruft er und lässt die Groschen in eine Tasse fallen. Die Trinkgeldankündigung ist Pflicht. Sie motiviert."Aber auch die Bezahlung ist o.k.", sagt Stenschke. Auf 1300 bis 1400 Euro netto kommen seine Leute. "Das ist mehr als bei großen Fastfoodrestaurants", sagt er. Dabei ist auch sein Imbiss einer der großen in der Branche - auf 200 Quadratmetern hinterm Verkaufstresen, wo früher eine Spielbank war, erstrecken sich die pünktlich zum 30. Geburtstag erneuerte Küche und die Personalräume. Im Keller darunter reiht sich Kühl- an Lagerraum."Es ist jeden Tag eine logistische Meisterleistung", erklärt Stenschke, der seit jeher vom gleichen Metzger seine Würste bekommt. Majo und Ketchup werden nach seinem Rezept produziert. Stenschke ist stolz darauf. "Der Erfolg ist auch ein Erfolg der Qualität", sagt er. "Unser Ketchup enthält 87 Prozent Tomatenmark, es gibt auch welches mit 25 Prozent. Und wir nutzen kein Glutamat. Die Produkte müssen einfach gut sein. Das zahlt sich aus." Er ist das beste Beispiel dafür: Als 14-Jähriger hatte Stenschke vor 40 Jahren in Tegel gesehen, dass ein Wurstverkäufer einen 300er Mercedes fuhr. "Da dachte ich, damit ist Geld zu verdienen, das will ich auch machen." Deshalb stieg er nach der kaufmännischen Ausbildung ins Imbiss-Geschäft ein. Nun fährt auch er Mercedes, und das Wellness-Hotel auf Rügen, für dessen Fastenkur auf rosa Kärtchen auf dem Imbisstresen geworben wird, das gehört ihm.Endspurt. Eigentlich ist um fünf Schluss. Doch um 4.50 Uhr kommt noch immer Kundschaft. Partyvolk, Heimkehrer, zwei ältere Paare, fünf italienische Touristen, drei Köche in weißer Berufskleidung stehen an. Also: Wenden, wenden, wenden und Pommes nachlegen. Micha pumpt Ketchup aus Eimern in Plastikflaschen. Nicole fragt: "Die Chefin hat gesagt, du hilfst auch beim Wischen. Stimmt das?" Ich nicke. "Alle Achtung", sagt Micha. Zweieinhalb Stunden später, als das Fett erneuert ist, die Bräter glänzen, sämtliche Gewürze nachgefüllt sind, weiß ich warum. Es gibt Schöneres, als durch Schrubben die ursprüngliche Farbe von Bodenfliesen in fettverarbeitenden Küchen zu erkunden.Mehrfaches Haarewaschen"In den Ecken hättest du das ordentlicher machen können", höre ich als Dank. Es ist die Stimme von Peggy. Die Schwester der Chefin kommt um halb acht zur Frühschicht und kontrolliert täglich die Putzleistung. Sie öffnet dem Metzger die Tür. Er schiebt Kistenweise Würste ins Kühllager. Um neun müssen die ersten wieder rotbraun glänzen. Dann wird Peggy am Fenster stehen, ich werde zum dritten Mal meine Haare waschen.Die Chefin hat gesagt, ich könne wiederkommen. Die "Rote Karte" vom Gesundheitsamt, die es für zwanzig Euro gibt, wenn man sich einen Aufklärungsfilm über Hygiene anschaut, Infoblätter aushändigen lässt und unterschreibt, dass man keine Krankheiten hat, die hab ich ja. Diese Erlaubnis fürs Arbeiten in Lebensmittelbetrieben gilt ein Jahr lang. Aber ich schau wohl lieber mal so wieder bei Tine und Günther vorbei. Dann erschrecke ich sie so richtig und sag: "Nur eine Curry ohne Darm, mit wenigen Pommes, ganz ohne Mayo und nur ein bisschen Ketchup."-----------------------Am 18. April, feiert Curry 36 sein 30-jähriges Bestehen. Jeder Kunde bekommt ein Los. Unter anderem sind 30 Wellness-Wochenenden auf Rügen zu gewinnen. Die Einnahmen des Tages werden gespendet.------------------------------Currywurst- BratereienCurry 36, Mehringdamm 36, Kreuzberg.Konnopke, Schönhauser Allee 44, Prenzlauer Berg. Der Klassiker Ost-Berlins unter der Hochbahn. Filiale an der Romain-Rolland-Str. 16, Heinersdorf.Bier's Curry 195, Kudamm 195. Dort gibt's auch Champagner zur Wurst. Filiale: Bahnhof Friedrichstraße unter der Brücke.Krasselt's Curry hält die Wurst-Tradition in Steglitz hoch. Am Steglitzer Damm 22.------------------------------Foto: "Das ist kein Imbiss, das ist richtig Arbeit" , sagte die Kollegin zu Peter Brock. Er stellte fest: Sie hat recht.Foto: Eine Konstante in der Nacht: Curry 36 am Mehringdamm. Seit 30 Jahren Versorgungsstation für Hungrige. Inzwischen auch mit eigenen Souvenirs für Touristen.