Eine Ostergeschichte von Alexander Osang: Die Seele des Wassers

Er stieg wahrscheinlich in Mendoza zu, genau kann ich das nicht sagen, denn ich schlief in Mendoza. Erst eine gute Stunde später, als wir in zweitausend Meter Höhe über eine absurd grüne Allee aus Pappeln fuhren, die sich mitten durch die Steinwüste der Vor-Anden zog, sah ich seinen hellen Kopf zum ersten Mal neben den beiden bärtigen Jungs auf der Rückbank auftauchen, zu hell irgendwie in diesem Bus. Wie meiner.Er sah müde aus, aber nicht erschöpft. Außer uns saßen noch zwei chilenische Arbeiter im Kleinbus, ich vermute jedenfalls, dass es Chilenen waren, ich spreche leider kein Spanisch, aber sie hatten kurze Arme und Beine und sahen bäuerlich aus, so wie ich mir Chilenen vorstellte. Es gab noch eine Mutter mit einem dicken Mädchen, das etwa zehn Jahre alt war, und die beiden bärtigen Jungs, die gestern Nacht mit mir in Cordoba eingestiegen waren. Sie waren braungebrannt, trugen Cargopants und fleckige Hemden, sie wollten weiter nach Valparaiso. Der Fahrer trug eine graue Stoffhose, einen grauen Westover, unter dem ein fest geschlossener karierter Hemdkragen hervorschaute, so fest geschlossen, dass ich mich fragte, wie der Mann atmete. Er hatte kleine, kräftige Hände, in deren Fingerrillen sich hartnäckiger Dreck eingefressen hatte. Wahrscheinlich arbeitete er nebenbei noch auf einem Bauernhof, ich hoffte nicht nachts, denn die Straße war sehr kurvig und eng, und wir mussten oft lange, sehr langsame Lastwagen überholen. Der Mann war offensichtlich Dean-Martin-Fan. Seit Cordoba hörten wir die gleiche Kassette. Irgendeine "The best of Dean Martin". Rio Bravo, Write me from Naples, That's amore. Das volle Programm. Der Fahrer trug eine große Sonnenbrille und war sehr still. Ich saß zwischen ihm und einer alten Frau ganz vorn im Bus, auf einem breitem Sitz, zu dem nur ein Sicherheitsgurt gehörte, den die Frau trug. Ich hätte mit einer schnellen Handbewegung die Kassette rausschnippen und aus dem Fenster werfen können, und als ich zum vierten Mal "My Rifle, my Pony and me" hörte, war ich auch fast soweit. Aber ich sollte nicht klagen, es war ein ziemlich neuer Mercedes-Bus, er hatte eine Klimaanlage, und die Fahrt von Cordoba nach Santiago hatte nur 13 Dollar gekostet. 350 Kilometer über die Anden für 13 Dollar, das war günstig.Es war Sonnabend, am Ostersonntag hatte ich einen Rückflug von Santiago nach Frankfurt, am Dienstag fing meine Arbeit in Berlin wieder an. Ich war vier Wochen durch Südamerika gereist, um herauszufinden, wie mein Leben weitergehen sollte, aber wenn jetzt bei der Fahrt über die Anden nichts passierte, war die Reise umsonst gewesen. Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Keine Erkenntnisse in Peru, nichts in Paraguay, Bolivien, Uruguay. Ich hatte zwischen den Ruinen von Machu Picchu gestanden wie zwischen den Stelen des Berliner Holocaustdenkmals, keinerlei Schwingungen, keine Signale. In einem kleinen, feuchten Hotel in Montevideo hatte ich ein Kündigungsschreiben aufgesetzt, in dem ich Dr. Kaminski erklärte, warum mich die Arbeit bei den Berliner Wasserbetrieben langweilte, warum mich Wasser langweilte, obwohl ich mich seit nunmehr dreizehn Jahren damit beschäftigte. Ich hatte bei den Berliner Wasserbetrieben gelernt, im Zwischenpumpwerk Weißensee und auf der Kläranlage Münchehofe, meine Facharbeiterarbeit handelte vom effektiven Einsatz eines Schlammsaugwagens auf dem Lande, ich fuhr anderthalb Jahre mit einem Entstörfahrzeug durch Bernau, hatte fünf Jahre lang an der Technischen Universität Dresden Diplomwasserwirtschaft studiert und war jetzt seit drei Jahren Referatsleiter Abwasser Südost in Berlin.Ich befühlte den Brief an Kaminski in der Innentasche meiner Kutte, während wir in einer steilen Kurve einen langen Lastzug überholten, der fast zu stehen schien. Wenn dort vorn, aus dem von hier uneinsehbarem Nichts ein weiterer Lastzug auftauchen sollte, wäre das Kündigungsschreiben mein Testament. Die letzten Gedanken eines Referatsleiters Abwasser.Es lag nicht an ihm, hatte ich Dr. Kaminski geschrieben, es lag nicht an den Berliner Wasserbetrieben, nicht an meinem Büro in der Spandauer Straße, und es lag, schrieb ich, auch nicht am Wasser selbst, obwohl ich mir da nicht sicher war. Ich wusste natürlich, dass dem Wasser die Zukunft gehörte. Ich hatte es oft genug gehört, tausende Male in den letzten dreizehn Jahren. Ich wusste, dass Wasser das Erdöl des neuen Jahrtausends sein würde. Wasser hatte Kraft, es hatte Charakter, eine Seele, es rächte sich für unsere Umweltsünden. Es gab Tsunamis in Asien, gebrochene Dämme in Louisiana, die Hochwasser der Elbe und auf Sat. 1 gab es die Sturmflut mit Nadja Uhl und Götz George. Die Nasa schoss im Moment einen Kern in die Oberfläche des Mondes, um nach Wasser zu suchen, hatte ich gelesen. Man hatte immer Gesprächsstoff als Wasserwirtschaftler, aber im Herzen interessierte mich Wasser nicht. In Iquitos, Peru, hatte ich am Amazonas gestanden, dem wasserreichsten Fluss der Welt, braun und breit und, ja, gewaltig. Ich sah ins Wasser, das sich gleichgültig an mir vorbeischob, es erinnerte mich an mein Leben.Ich war 34 Jahre alt und hatte das Gefühl , in all dem Scheiß-Wasser zu ertrinken. Aber ich hatte es nicht gewagt, den Brief an Dr. Kaminski wegzuschicken. Ich würde mit ihm untergehen wie es aussah.In dreitausend Meter Höhe hielt der Bus vor einem großen schwarzen Loch, vor dem bereits andere Busse warteten. Über dem Loch stand Grenztunnel zwischen Argentinien und Chile. Ich war ein bisschen enttäuscht, denn ich hatte gehofft, wir würden an schneebedeckten Gipfeln vorbei über einen Pass in 7000 Meter Höhe fahren, zwischen Mendoza und Santiago waren die Anden am höchsten, hatte ich gelesen.Der Fahrer bat uns auszusteigen.Es war kühl und klar, mir wurde ein bisschen schwindlig, vielleicht von der dünnen Luft, ich blinzelte in den makellos blauen Himmel, als er mich ansprach, auf Deutsch, was mich ärgerte. Erstens, weil ich es immer unangenehm finde, wenn Deutsche im Ausland so selbstverständlich Deutsch sprechen. Ich, zum Beispiel, spreche Kellner im Ausland grundsätzlich auf Englisch an, die einzige Fremdsprache, die ich leidlich beherrsche. Ich betrachte das als kleines Entgegenkommen, als Preis, den man als Gast zahlen sollte. Und zweitens ärgerte es mich, weil ich natürlich immer hoffe, nicht auszusehen wie ein Deutscher. Ich wäre lieber noch für einen Amerikaner gehalten worden, auch wenn das hier, in Südamerika, nicht besonders gut ankam."Das kann Stunden dauern", sagte er, klopfte sich eine Menthol-Marlboro aus der Schachtel und steckte sie an."Bitte?", fragte ich."Die lassen sich verdammt viel Zeit hier", sagte er und blies den Rauch durch die Nasenlöcher und den Mund aus, die Rauchsäulen kreuzten sich vor seinem Gesicht. Er war etwa so groß und so alt wie ich, was mich noch mehr ärgerte, warum konnte ich nicht sagen."René", sagte er. Er betonte seinen Namen auf der ersten Silbe."Alexander", sagte ich."Zum ersten mal hier?", fragte er."Ja", sagte ich."Die Chilenen lassen sich alle Zeit der Welt", sagte er, und an der Art, wie er "Zeit" und "Chilenen" aussprach erkannte ich, dass er Österreicher war, was mich ein bisschen versöhnte. Ich überlegte, ob ich ihn nach einer Zigarette fragen sollte, aber ich ließ es, weil mir sowieso schon ein bisschen schwindlig war."Wie hoch sind wir hier eigentlich?", fragte ich. "3000 Meter", sagte er. "Ich merk' das irgendwie", sagte ich, er nickte zerstreut.Ich setzte mich auf einen Stein am Straßenrand, er setzte sich dazu, und während wir in der Herbstsonne saßen und den Bussen zusahen, die sich sehr langsam auf das schwarze Loch zuschoben, erzählte er mir seine Geschichte. Ich hatte nicht danach gefragt, er fing einfach an und hörte nicht mehr auf. Ich unterbrach ihn nicht, und er stellte keine einzige Frage an mich. Ich interessierte ihn nicht, ich sprach Deutsch und damit war ich sein Mann. Er brauchte einen Zuhörer, er wollte sein Glück teilen, und vielleicht auch ein bisschen beruhigt werden, wer weiß.Ich fand es angenehm, nichts von mir erzählen zu müssen, ich höre gern zu.René war 50 Kilometer südlich von Wien aufgewachsen. Er hatte Krankenpfleger gelernt, in einem Wiener Spital, mit 19 hatte er ein Mädchen aus seinem Dorf geheiratet, mit 21 war er wieder geschieden. Er ging zur Armee und zog anschließend nach Wien. Er arbeitete ein paar Jahre für General Electric Österreich als Vertreter und bewarb sich schließlich als Blauhelmsoldat. Er ging zwei Jahre nach Damaskus, rückwärtige Dienste. Er erzählte von einem Schäfer, der in den Golanhöhen zu dicht an den Wachzaun kam und erschossen wurde. Er fing an, die Israelis zu hassen, sagte er, und ich unterbrach ihn nicht. Als er aus Damaskus zurückkam, ging er zu Siemens, betreute zunächst Österreich, später auch Polen, Tschechien und Ungarn. Er lebte eine Weile in München, flog viel, lernte ein neues Mädchen kennen, Verena, eine Wiener Juristin, kurz bevor sie dreißig wurden, nahmen sie sich vor, ein Jahr nach Südamerika zu gehen, um Spanisch zu lernen und vielleicht Tango. Anschließend wollten sie heiraten und weitersehen. Er flog erstmal allein los, drei Monate vor ihr, weil in Verenas Kanzlei soviel zu tun war, die österreichische Konjunktur lief gut, und sie war Wirtschaftsjuristin.Er flog im Dezember nach Buenos Aires, da fing der Sommer an, er lebte drei Monate zur Untermiete bei einer alten Frau und ging am Tag zur Sprachschule. Im Februar fuhr er nach Santiago de Chile, weil sein Besuchsvisum für Argentinien abgelaufen war und ihm jemand aus der Schule gesagt hatte, Santiago sei interessant. Von Santiago wollte er nach Caracas fliegen, um seine Freundin zu treffen und ihre dreivierteljährige Hochzeitsreise zu beginnen. Drei Tage bevor er abflog, lernte er in einem Studentenrestaurant Norma kennen und verliebte sich auf der Stelle.Sie sah aus wie Penelope Cruz, sagte er. Sie sprach ein bisschen Deutsch, er ein bisschen Spanisch. Sie redeten zwei Stunden lang, aber dann war sie nicht mehr da, als er von der Toilette wiederkam. Ein Junge von ihrem Tisch gab ihm eine Telefonnummer, wo er am nächsten Tag anrief. Es war das Sekretariat einer großen Telefonfirma dran, aber die Frau erkannte seinen deutschen Akzent, sie sprach gut Deutsch und war Normas Schwester. Norma hat kein Telefon, sagte die Schwester. René fuhr sofort zu dem Telefongebäude, das aussah wie ein riesiges Handy, und wartete auf Normas Schwester Lora, er überredete sie, Normas Adresse herauszugeben, und am nächsten Morgen, zwölf Stunden vor seinem Abflug nach Caracas, klingelte er bei Norma. Sie war verschlafen, aber sie lächelte, als sie ihn sah. Nie würde er dieses Lächeln vergessen. Er wartete auf der Treppe, bis sie geduscht hatte. Dann gingen sie durch Santiago, am Fluss entlang, durch Bellavista, ein kleines Viertel mit bunt gestrichenen Häusern. Sie fuhren mit der Standseilbahn auf den San Cristobal, einen Berg mitten in der Stadt, wo er Norma vor der großen weißen Marienstatue fotografierte, dann aßen sie in einem kleinen französischen Restaurant in Providencia auf der anderen Seite des Flusses und liefen, er hatte noch dreieinhalb Stunden bis zu seinem Abflug nach Caracas, in einen schmalen Park, der sich links und rechts am Mapacho-Fluss entlangstreckte. Eine Stunde lang saßen sie auf einer Bank, küssten sich und lächelten. Am Ende gab ihm Norma eine Adresse im Norden von Chile, in Antofagasta, wo ihre Großeltern lebten. Sie war Lehrerin und würde dort die Ferien verbringen. Ostern sei sie wieder hier. Sie verabredeten sich für den Ostersonntag. Er blieb solange er konnte bei ihr, er war der letzte, der das Flugzeug nach Venezuela bestieg.Dreieinhalb Wochen lang reiste er mit seiner Wiener Freundin Verena durch Südamerika. Sie fuhren von Venezuela nach Trinidad und Tobago, Guyana, Surinam, Brasilien und Uruguay. In Rio liefen sie durch den Karneval. Manchmal schliefen sie zusammen, und er dachte an Norma, die in seiner Erinnerung immer mehr aussah wie Penelope Cruz, er küsste ihre vollen Lippen und umfasste ihre großen Brüste. Verena merkte nichts, oder sie ließ sich nichts anmerken. Sie war sehr auf die fremde Kultur konzentriert. Sie war eigentlich immer sehr konzentriert. Sie lernte. Nach drei Wochen konnte sie fast besser Spanisch als er. In einem Urlauberdorf in Porto Allegre trank er anderthalb Rotwein zum Abendessen und sagte ihr, dass er sie verlassen müsse. Sie sah ihn verwundert an. Sie hatten ja nicht mal ein Viertel ihres Planes abgearbeitet."Dann verfällt ja dein Schiffsticket morgen", sagte sie noch.Er nickte und ging zum Busbahnhof. Er fuhr 18 Stunden nach Montevideo, dort wusch er sich auf dem Busbahnhof und nahm einen Nachtbus nach Mendoza. Heute morgen stieg er dann, als ich schlief, in den kleinen Mercedes-Bus. In ein paar Stunden waren wir in Santiago, er würde sich ausschlafen und auf Sonntag warten. Auf Norma."Ich geh nicht mehr nach Europa zurück", sagte er. "Es ist so kalt da. Ich bleibe bei Norma in Santiago. Für immer."Er strahlte mich an.Normalerweise hätte ich ihm gesagt, dass er das Mädchen doch noch gar nicht richtig kannte, aber ich wollte nicht klingen wie seine Mutter. Er kramte in seinem Rucksack, zog eine schmale, silbrige Digitalkamera heraus und schnippte durch ein paar Bilder, schließlich reichte er mir die Kamera. "Das ist sie", sagt er.Ich sah eine kleine dunkelhaarige Person am Fuße einer riesigen weißen Marienstatue von Santiago de Chile. Die kleine Person hätte Penelope Cruz sein können, aber auch Michael Jackson, sie war winzig und stand im Gegenlicht."Schön", sagte ich und tippte mich ein Bild weiter, das eine Großstadt bei Nacht aus dem Flugzeug fotografiert zeigte, wahrscheinlich Caracas, noch ein Bild weiter, eine blonde Frau, mit breitem, ernsten Gesicht saß an einem Café-Tisch, sie trug eine hellblaue, sehr gebügelt aussehende Bluse und eine Sonnenbrille im Haar, vor ihr auf dem Tisch lagen zwei Reiseführer und ein gelbes Langenscheidt-Wörterbuch. Verena wahrscheinlich.Ich gab René die Kamera zurück."Habt ihr euch verabredet?", fragte ich. "Du und Norma.""Ich hab ihr jeden Tag eine Karte geschrieben. Jeden Tag. Sie weiß, dass ich komme.""Und sie? Hat sie geschrieben?""Wohin denn? Ich war ja immer unterwegs.""Klar", sagte ich.Er steckte die Kamera vorsichtig in seinen Rucksack zurück."Sie weiß, dass ich am Sonntag komme. Sonntag elf Uhr Pio Nono 28 in Bellavista."Er klopfte sich noch eine Zigarette aus der Packung, und diesmal nahm ich auch eine. Er tat mir ein bisschen leid, weil er so naiv war, so kleinstädtisch trotz der ganzen Rumreiserei, aber als er mir Feuer gab, sah ich sein Lächeln, seinen Optimismus, und ich merkte, wie ich mich verspannte. Er fing ein neues Leben an, er hatte einen Plan. Ein Mädchen, sicher, ein Mädchen. Das half, dachte ich. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen meinen Rucksack und sah in den Himmel. Es gibt leider nicht viele attraktive Frauen im Leben eines Wasserwirtschaftlers. Hübsche Frauen interessieren sich nicht für Schlammsaugwagen. In meiner Lehrlingsklasse hatte es drei Mädchen gegeben, in meinem Studienjahr vielleicht acht oder neun. Ich befühlte den Abschiedsbrief in meiner Jacke.Die Zigarette knallte, ich hatte seit Monaten nicht mehr geraucht.Irgendwann winkte uns der kleine Fahrer mit der Sonnenbrille heran. Sein Bus war schon fast im schwarzen Grenzloch verschwunden. Wir gingen in der Gruppe zur Passkontrolle. Als er seinen Pass aufschlug, sah ich, dass René im selben Jahr geboren war wie ich, er hatte meine Größe und meine Augenfarbe. Sein Nachname war Maier. Zur Zollkontrolle holte ich meinen Rollenkoffer aus dem Kofferraum des Busses, René hatte nur einen kleinen Rucksack dabei. Der Rest seines Gepäcks stünde immer noch bei der alten Frau in Buenos Aires, sagte er. Er brauche sowieso nicht viel. Die Zöllner wühlten ein bisschen in meinen Sachen herum, dann luden wir alles in den Bus und fuhren in den Tunnel.René saß jetzt neben mir in der zweiten Reihe, die alte Frau saß mit den beiden Arbeitern in der dritten Reihe, ganz hinten schliefen die beiden bärtigen Jungs. Vorn, neben dem Fahrer, saß die Mutter mit dem Mädchen. Der Himmel in Chile schien noch klarer zu sein als der argentinische. Der Bus fuhr in steilen Serpentinen hinunter ins Tal.Als wir beinahe unten waren, überholte der Fahrer einen langen Lkw, wieder ohne irgendetwas zu sehen.Auf der Höhe des Fahrerhauses tauchte plötzlich ein anderes Fahrerhaus auf, rot, glaube ich, vielleicht bekam der kleine Fahrer mit dem zugeknöpften Hemd einen Schreck und verschaltete sich, so genau sah ich das nicht von der zweiten Reihe, aber unser Bus schien sich aufzubäumen, kam nicht mehr vorwärts, er versteinerte wie ein Kaninchen vor der Schlange und schoss erst in letzter Sekunde zwischen den beiden LKWs hindurch zurück auf die linke Spur, ein bisschen zu schnell wohl, der Bus kam zu dicht an die Fahrbahnkante, der Fahrer lenkte gegen, wir schleuderten auf die rechte Seite und dann wieder auf die linke und vielleicht nochmal auf die rechte und zurück, und dann kippten wir ins Tal, das nicht mehr so steil und so hoch war, eher sanft. Dean Martin sang "Memories are made of this".Ich sah den Schotter des Abhangs, ausgewaschen, strauchlos, und ein paar Masten, die zu einem Skilift gehörten, vielleicht, dann sah ich den Himmel und wieder den Boden und wieder den Himmel, ich hörte das Kreischen der Karosserie auf dem Schotter und den Schrei einer Frau vor mir, vermutlich der Mutter, und dann irgendwann hielten wir, und es war still. Dean Martin hatte aufgehört zu singen. Wir lagen auf der rechten Seite. Mein Kopf ruhte auf Renés Bauch wie auf einem Kissen, und ich überlegte, ob mir schon wieder schwindlig war oder immer noch.Später, als der Helikopter mit der Mutter und ihrer verletzten Tochter abhob und ich mit den beiden bärtigen Jungs, den Arbeitern und der alten Frau im Wind der Rotoren stand, bemerkte ich, dass ich nicht meinen Rucksack in der Hand hielt, sondern Renés. René lag auf dem Boden, bedeckt mit einer Plane, neben dem Fahrer. Zwei Männer in Uniformen wiesen uns den Weg nach oben zur Straße, die seltsam nahe an der Stelle vorbeilief, an der unser Bus lag. Der Bus sah erstaunlich unversehrt aus. Die beiden Jungs, die Arbeiter und die Frau folgten den Polizisten. Ich nahm den Brief an Dr. Kaminski aus meiner Jackentasche und schob ihn unter die Plane, die René bedeckte, in die Jacke des toten Österreichers. Dann schulterte ich Renés Rucksack, in dem, wie ich wusste, der österreichische Europapass steckte, dessen Daten vage mit meinen übereinstimmten, und folgte den anderen, die langsam über den Schotter zur Straße liefen, die uns nach Santiago bringen würde.Am Sonntagmorgen, kurz nach zehn, verließ ich mein Hotel in Las Condes, nahm die U-Bahn bis zur Station Baquedano und lief über einen winzigen, toten Fluss nach Bellavista. Die Leute auf der Straße sahen ordentlich aus, sie erinnerten mich an Berliner Passanten an einem Ostersonntag. Die ganze Stadt mit ihren halbhohen Neubauten, der sauberen U-Bahn, den Bussen, Betonpflanzenkübeln, Drogerien und den kleinen, sauberen Autos erinnerte mich an Berlin an einem Sonntagmorgen im Spätsommer. Es war sonnig, ein bisschen kühl, und über Santiago lag ein milchiger Dunst, Smog, wie ich aus dem Reiseführer wusste, der in Renés Rucksack lag, meinem Rucksack, jetzt. Ich fand die Pio Nono 28 schneller, als ich gedacht hatte, ein zweistöckiges blaugestrichenes Haus, und lief noch eine Viertelstunde durch das kleine Viertel. Kurz nach elf klingelte ich an der Tür. Ein Mann in einem weißen Hemd öffnete mir, und ich fragte nach Norma, er zeigte nach oben. Ich klopfte an die Tür. Nach einer Weile öffnete eine junge Frau, die überhaupt nicht aussah wie Penelope Cruz, eher wie Pocahontas, Ende dreißig, und ich fragte wieder nach Norma."René?", fragte sie.Ich nickte, es fiel mir nicht schwer."Norma ist nicht da", sagte die Frau schnell, als habe sie auf mich gewartet. Sie verschwand in der Wohnung, nach einer Minute kam sie mit einem kleinen Paket zurück, das von einem Gummi zusammengehalten wurde. Sie sagte: "Norma hat einen Freund. Sie sagt, du verstehst." Dann gab sie mir das Päckchen. Es waren Postkarten, obenauf das Bild einer Bucht, ein weißer Sandstrand, von Palmen gerahmt, türkisfarbenes Wasser.Ich nahm die Karten. Die Frau sah mich traurig an. Ich überlegte, was René in diesem Moment gesagt hätte."Passt schon", sagte ich. Und dann nochmal, ein bisschen verwegener, "Poasst schon". Ich lächelte, sie lächelte, und dann schloss sie langsam die Tür.Ich steckte das Kartenpaket in Renés Rucksack und ging hinunter auf die Straße, die jetzt belebter wirkte. Ich fragte mich, ob sie ihn hier, in Santiago identifizieren würden? Wer würde herkommen, meine Mutter? Wahrscheinlich meine Mutter. Was würde sie sagen, wenn sie den fremden Mann mit meinem Namensschild am Zeh aus dem Kühlfach zogen. Vielleicht würde sie weinen, vielleicht lachen. Sie würden ihr den Abschiedsbrief an Dr. Kaminski zeigen, und sie würde denken, dass sie mich nie verstehen würde, und das stimmte ja auch.Ich lief an dem absurden Fluss vorbei, der aussah wie ein Abwasserkanal, ein dünner, schnell fließender, silbriger Strahl in einem großen Betonbecken. Es gab keine Fische, keine Vögel, nicht mal Insekten in der Nähe dieses Flusses. Es sah nicht aus, als könnte irgendein Organismus von diesem Fluss leben. Er stank nicht einmal. Er war das reine Wasser. Das verdammte Wasser hatte keine Seele, dachte ich. Vielleicht war es die Zukunft, aber nicht meine.Ich setzte mich auf eine Bank und begann die Postkarten zu lesen, die René an Norma geschrieben hatte. Es waren 38 Karten. Sie kamen aus Caracas, Trinidad, Georgetown, New Amsterdam, aus Manaus, Belem, Brasilia, aus Sao Paulo, Rio de Janeiro, Florianopolis, die letzte war aus Porto Alegre, die südamerikanische Post arbeitete schneller, als ich angenommen hatte. Es gab verschiedene Motive, Meer, Palmen, tanzende Frauen, Papageien, den Amazonas, einen Jaguar, Alligatoren, Kanäle, Regierungsgebäude, den Zuckerhut, aber auf der Rückseite stand immer dasselbe.Ich freu' mich auf Ostern. Sonntag 11 Uhr. René.Ich ließ die Karten wie ein Daumenkino durch meine Hände flattern, eine kleine Südamerikareise. Ich fragte mich einen Moment, warum wir soviel Hoffnungen mit Südamerika verbanden, warum ausgerechnet, sollte hier ein Neuanfang möglich sein. Nazis waren hierher gekommen, Juden, Kommunisten und jetzt René, der auch vor irgendetwas wegrannte, wovor wusste ich nicht genau. Aber vielleicht fiel es mir noch ein. Einen Moment lang dachte ich an Verena, die auf einem Schiff über einen See in Uruguay fuhr.Immer wieder ließ ich die Bilder über meinen Daumen laufen. Dann stand ich auf, warf die Karten in den nächsten Mülleimer, bis auf eine, die ich behielt, um Renés Handschrift zu studieren. Ich lief an dem dünnen Fluss entlang. Er floss immer weiter. Ich dachte an René und seine lange Suche. Krankenpfleger, Hochzeit, Scheidung, Wien, die Golanhöhen, München, General Electric, Siemens, Tango lernen in Argentinien, Liebe in Santiago, Trennung in Montevideo, Tod in den Anden, er war nicht mehr nach Europa zurückgekehrt, genau wie er es vorgehabt hatte. Er hatte nie die Hoffnung verloren. Es ging immer weiter. Alles floss. Ich befühlte die Stelle, an der mein Abschiedsbrief an Dr. Kaminski gesteckt hatte.Mir fiel ein, dass man von Santiago etwa dreieinhalb Stunden bis zur Osterinsel flog. Vielleicht die Osterinsel, dachte ich und winkte nach einem Taxi.