Dies hier könnte die endgültige Ost-West-Geschichte sein. Durch einen dummen Zufall kommt ein Mann ins Gefängnis. Als er nach elf Jahren entlassen wird, muss er sich in einer radikal anderen Gesellschaft zurechtfinden. Er kennt das Neue aus dem Fernsehen, aber er muss noch lernen, wie es sich anfühlt. Der Fahrkartenautomat ist ein Mysterium; die alten Banknoten sind nichts mehr wert. Die harten Plastikschalen in der Straßenbahn wurden durch weiche Polstersitze ersetzt. Fast nichts ist wie es war, und das Leben in Freiheit hält manch bittere Überraschung bereit.Der Regisseur Hannes Stöhr und sein Hauptdarsteller Jörg Schüttauf haben ihren Film "Berlin is in Germany" dankenswerterweise nicht auf eine simpele Ost-West-Story reduziert. Es ist die einmalige Geschichte von Martin Schulz, eines Menschen aus Fleisch und Blut, dem die Historie einen bösen Streich gespielt hat. Kein doppelter Boden. Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Jörg Schüttauf spielt den Ex-Häftling Martin Schulz nicht als typisiertes Wendeopfer, sondern nur ein wenig neben der Spur, aber eben auch mit einer gehörigen Portion Weltvertrauen, praktischer Intelligenz und Berliner Wortwitz.Das unheimliche Moment an Schüttaufs Figur liegt in dem Umstand, dass elf Jahre Gefängnis diesen Martin Schulz gewissermaßen fit gemacht haben für die neue Gesellschaft. Schulz, fast ein klassischer Schelm, setzt sich gegen rechte Schläger und die Tücken der Bewährungsauflagen bei der Jobsuche durch. "Haste nüscht, biste nüscht" - dieser fatalistische Satz bleibt seinem gebeutelten Kumpel Peter (Tom Jahn) vorbehalten. Schulz freut sich an der haptischen Sensation, stundenlang auf einen Gameboy einzuhacken - Stück für Stück eignet er sich die fremde Welt an, die hier durch einen Fernseher symbolisiert wird - Schulzens einziges Hab und Gut, er schleppt es mit stoischer Gelassenheit von einer Herberge zur nächsten. Als sich Martin im Sexladen eines Knastbruders verdingt und dem Abgrund gefährlich nahe kommt, stellt sich der Gedanke an das berühmte Vorbild von selbst ein. Martin Schulz ist unschwer als Wiedergänger des Franz Biberkopf aus Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" zu erkennen. Der junge Regisseur Hannes Stöhr hat dieses proletarische Stehaufmännchen mühelos reaktiviert, ein künstlerischer Archetypus, der sich Vergleichen auch widersetzt. Die Figur des Haftentlassenen ist wie keine andere geeignet, gesellschaftliche Veränderungen durchzubuchstabieren. "Wer einmal aus dem Blechnapf fraß", das wusste nicht nur Hans Fallada, sieht die Welt mit anderen Augen. Er bemerkt vielleicht zu spät, dass die Bückware unterm Ladentisch nicht legal ist.Auch in der Inszenierung der Metropole Berlin scheint sich der Regisseur Stöhr auf Bewährtes zu verlassen, etwa auf Piel Jutzis Döblin-Verfilmung von 1931 und Slatan Dudows "Kuhle Wampe" (1932). Tatsächlich benutzt Hannes Stöhrs Berlinfilm genau die Perspektiven, die man schon in der Weimarer Zeit bemühte, um diese Stadt zu begreifen. Martins ausgedehnte Fahrten mit Straßenbahn, Zug, Taxi und U-Bahn machen selbstgefällige Kamerafahrten überflüssig - die Bewegung der Großstadt finden ihren angemessenen Ausdruck, während die urbane Hektik als überwölbender Klangteppich aus Straßenlärm und Handygeklingel außerhalb der Leinwand bleibt. Mit Hilfe dieser konzentrierten Ruhe entgeht Stöhr der Gefahr des Klamauks, wenn Martin sich mal wieder ungeschickt anstellt. Er lässt dem Zuschauer Zeit für das seltene Vergnügen, einem hervorragenden Schauspieler bei der Arbeit zuzusehen."Der letzte Ossi", zu dem Martin Schulz von einem Revolverblatt erklärt wird, paukt neue Straßennamen für die Taxiprüfung, kloppt mit seinem kubanischen Ex-Kollegen Enrique Skat - Jörg Schüttauf spielt das, als hätte er sein Leben lang keine andere Rolle gekannt. Ebenso bemerkenswert ist Stöhrs Sinn für die Details in Erzählung und Ausstattung. Allein das bunte Innenleben von Enriques Taxi spricht Bände über die Sehnsüchte eines kubanischen Gastarbeiters in der DDR. Fein nuanciert auch Martins Begegnung mit seiner Frau Manuela (Julia Jäger) und dem gemeinsamen Sohn Rokko, den er noch nie gesehen hat. Eine durch und durch Ostberliner Existenz wie Martin muss es schmerzen, dass seine "Mieze" mit einem schwäbischen Häuslebauer liiert ist, doch der Mann erträgt es mit Gleichmut.Der Schwabe Hannes Stöhr hat an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert. "Berlin is in Germany" ist sein Abschlussfilm. Dass der Regisseur mit ihm den Publikumspreis der Berlinale 2001 gewonnen hat, wundert wenig. Auf Vorurteile und Larmoyanz verzichtet Hannes Stöhr, und in diesem Sinne ist sein Film vielleicht doch eine Parabel über Ost und West, die ein Beispiel für gute Filme geben könnte. "Berlin is in Germany" gehört dem Schauspieler Jörg Schüttauf und seinem Martin Schulz, dem solche Fragen jenseits des Alltags herzlich egal sind. "Links Kupplung, Mitte Bremse, rechts Gas. Wie im Osten." Es fühlt sich gut an.Berlin is in Germany // Deutschland 2001.90 Minuten, Farbe.Drehbuch und Regie: Hannes Stöhr Produktion: Luna Film/ORB/ZDF Kamera: Florian Hoffmeister Schnitt: Anne Fabini Darsteller: Jörg Schüttauf, Julia Jäger, Tom Jahn, Valentin Platareanu, Edita Malovcic, Robert Lohr, Carmen-Maja Antoni, Doris Abesser u. a.Weitere Filmrezensionen lesen Sie auf den Seiten 2 und 3 des Kulturkalenders.PIFFL MEDIEN Willkommen in der Bundesrepublik Deutschland: Jörg Schüttauf als Martin Schulz.