Am nächsten Donnerstag wird sie hundert Jahre alt, die wahrscheinlich noch immer berühmteste deutsche Regisseurin: Leni Riefenstahl. Fraglos ein Ereignis, für die Öffentlichkeit jedoch ein schwieriges Datum: die Berühmte, Bewunderte ist zugleich die Berüchtigte, Geschmähte. In einem Alter, in dem andere Künstler einfach deswegen hoch geehrt sind, weil sie mit ihren Werken Teil der Geschichte geworden sind, wartet Leni Riefenstahl noch immer auf die Hommage, die sie verdient zu haben glaubt. Stattdessen erfährt sie einerseits kritiklose Bewunderung, andererseits kompromisslose Ablehnung. Dass ihre Filme und Fotos Teil unserer Geschichte geworden seien, davon jedenfalls kann keine Rede sein. Sie sind problematisch, nicht kanonisch.So wirkt ihr hundertster Geburtstag irgendwie störend. Es käme darauf an, angesichts dieses Jubiläums eine akzeptable Haltung zum Geburtstagskind zu finden. Es scheint nicht zu gelingen: Unverhohlenes Staunen registriert ihre Vitalität, doch dem Respekt vor der Leistung widersprechen Bedenken und Misstrauen. Tatsächlich, es ist keine einfache Sache, Leni Riefenstahl zu ehren. Daran ändert auch die Verleihung der "Spio-Ehrenmedaille" nichts, mit der die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft außerordentliche Verdienste um den deutschen Film würdigt. Dass Riefenstahl "jenseits aller politischen Problematik" Filmgeschichte geschrieben habe, ist ja kaum mehr als eine Kompromissformel. Gerade wegen solcher "Problematik" ist sie wahrhaftig noch immer auf sehr intensive Weise mit uns, stellt weiterhin eine Provokation dar. Die Zeit, in der darauf ausschließlich mit bedingten Reflexen reagiert wurde, ist jedoch vorbei. Ein Zeichen dafür ist, dass in den letzten paar Jahren in Deutschland mehr fundierte Veröffentlichungen über Riefenstahl und ihr Werk erschienen sind als in allen Jahrzehnten zuvor zusammen. Sie ist sogar in gewisser Hinsicht populär, Kunstfigur geworden in Tanztheater, Hörspiel, Prosa. Ausstellungen wurden ihr gewidmet, seitenlange Interviews, Fernsehbeiträge. Präsenter als heute war Riefenstahl kaum je nach 1945.Zudem meldet sie sich - wieder einmal, möchte man sagen - mit einem neuen Werk zurück. Seit sie 75 wurde, entwickelte es sich fast zur gewohnten Übung, die Würdigung eines runden Geburtstags mit der ihres jeweils jüngsten Werks zu verknüpfen. Dem zweiten Nuba-Buch, dem Afrika-Buch, ihren Memoiren folgt nun also der lang angekündigte, doch kaum noch erwartete Unterwasserfilm. Der neueste Film der Regisseurin: ihr erster seit 48 Jahren. Ein in jeder einzelnen Aufnahme schöner Film, vollkommen frei von Bedeutung. So gewiss die Ausstrahlung ihren Bewunderern ungebrochene Aktivität und künstlerische Produktivität bestätigt, so absehbar wird sie den Argwohn gegen das Lebenswerk nicht zu dämpfen vermögen. Das Stichwort nationalsozialistische Ästhetik aber wird vermutlich nicht mehr fallen. Den Nuba-Büchern haftete es noch an, Susan Sontags Essay machte an ihnen wie an "Triumph des Willens" einen faszinierenden Faschismus aus. Etwas hat sich geändert, und da Leni Riefenstahl in bestimmter Hinsicht unwandelbar ist, handelt es sich um eine Änderung unserer Wahrnehmung.Am Anfang stand eine einzigartige Mischung von Unschuld und Ambition. Riefenstahls Abkapselung in der eigenen Welt und der Ehrgeiz, dort draußen großartig zu reüssieren, gehörten zusammen. Schon die atemlose Tanztournee nach dem ersten Auftritt im Oktober 1923 hatte diese Elemente: Sie trat als ihre eigene Schöpfung auf, mit eigener Choreografie in selbst entworfenen Kostümen, auf Reisen begleitet von der Mutter. Sie wollte überallhin, wie im Fluge brachte sie es in gut einem halben Jahr auf 70 Auftritte. Als Leni Riefenstahl ihre Filmkarriere begann, mit der Hauptrolle in Arnold Fancks "Der heilige Berg", da veränderte sie das ganze Genre. In ihr besaß der Bergfilm eine neue Attraktion; der Auftritt der schönen und selbstbewussten jungen Frau entfachte die Neugier. Die Branchenzeitschrift "Filmkurier" bat die Schauspielerin im Juli 1926 zum Interview. Voller Enthusiasmus berichtete sie über ihre Arbeit und erzählte, welche Filme sie gesehen hatte. Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" habe unbeschreiblichen Eindruck auf sie gemacht. Der Bericht schließt mit den Worten: "Beim Abschied fragt sie, in welchem Kino der ,Potemkin jetzt läuft und ist erstaunt zu hören, dass dieser Film verboten ist. Es wäre schade, wenn sie dieses Abseitsstehen verlieren würde."Später hat sie es verloren, noch später das Naive als rettende Pose entdeckt. Das war, als ihre Filmkarriere fast am Ende war. Zuvor aber profitierte sie zwölf Jahre lang von fast unerschöpflichen Möglichkeiten, wurde das Genie des NS-Films, bescherte ihm mit "Triumph des Willens" und "Olympia" auch international registrierte Werke. Dank ihrer Begabung gab es einen nationalsozialistischen Film, der formal vollendet und ideologisch vorbildlich war. Goebbels hatte schon 1933, in seiner ersten Rede vor den Vertretern der Filmindustrie, eine deutsche Entsprechung zu Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" gefordert. Im Spielfilm wollte es damit nicht recht klappen, im Dokumentarfilm aber fand Riefenstahl eine avancierte und zugleich wirksame Form, die nationalsozialistische Diskussion definierte ihre Parteitagsfilme als neue Art des "absoluten Films". Heroische Reportage war die Formel dafür, staatliche Unterstützung seine Voraussetzung, die größte Begabung des NS-Films seine Quelle.Die Auslandspremieren von "Olympia", für das "neue Deutschland" eine willkommene Plattform der Selbstdarstellung, erwiesen sich 1938/39 als gesellschaftliche Höhepunkte in Riefenstahls Karriere. Die Vollendung der Form, der weitgehende Verzicht auf explizite Indoktrination hoben ihr Werk von üblicher Propaganda ab. Da die Regisseurin ihre Verehrung für den "Führer" nicht verheimlichte, die Verhältnisse in Deutschland verteidigte und zudem von gewinnendem Wesen war, gab sie eine denkbar gute Botschafterin für den Nationalsozialismus ab. Das zahlte sich aus; Hitlers Gunst blieb ihr erhalten, er garantierte die Finanzierung eines mit allem Notwendigen ausgestatteten eigenen Filmstudios, dessen Baubeginn nur der Kriegsbeginn verhinderte. Später verschaffte ihr Bormanns direkte Intervention mitten im Krieg Devisen für "Tiefland", Kriegswichtigkeit zählte hier einmal nicht. Riefenstahl stand nicht mehr abseits, die in Unbedarftheit wurzelnde Unschuld hatte sie lange schon verloren.Riefenstahls Bedeutung besteht nicht zuletzt darin, die innovativste Filmerin des Nationalsozialismus gewesen zu sein. In ihrer Version schnurrt das auf ein paar Monate Arbeit für Hitler zusammen, und sie hat es mit ihrer Gabe zum Wehklagen als Ungerechtigkeit genommen, dass immer wieder die Parteitagsfilme und "Olympia" das Urteil bestimmen. Zwölf Jahre scheinen in einem so langen Leben nur eine Episode, und die Phase, in der Riefenstahl die besten Propagandafilme des Nationalsozialismus realisierte, ist noch deutlich kürzer. Fünf Jahre, vier Filme prägen weitgehend die Einschätzung eines Lebenswerks. Das ist die Konsequenz historischer Erinnerung, die den Nationalsozialismus nicht als kurze Zeitspanne in einem langen Leben begreift, sondern als Zeit einzigartiger Verbrechen. Die nüchterne Einschätzung dessen, was diese vier Filme auszeichnete, schärft nicht nur den Vorbehalt gegen Riefenstahl, sondern auch die Kontur der Künstlerin.Es hat in Deutschland lange gedauert, bis ein einfacher Sachverhalt akzeptiert wurde: Leni Riefenstahl ist eine große Regisseurin. Eine Wertung, die sich auf die ästhetischen Qualitäten ihrer Filme einlässt, wird das nicht bestreiten können. "Das blaue Licht", ihr charmanter, wenn auch romantisierter Erstling, stand seinerzeit wie ein Solitär in der Filmlandschaft, verblüffend durch neue Aufnahmeverfahren, konsequente Stilisierungen. Ihre Parteitagsfilme betraten für die Reportage Neuland. Sie nutzten alle Möglichkeiten der Bildkomposition und Kameraperspektive, inspiriert dabei vom Bergfilm ebenso wie von der Avantgarde-Fotografie. Sie überführten das Ereignis, in seinem Kern eine Abfolge nationalsozialistischer Massenrituale, in ein Zuschauererlebnis. Intensität gewann es aus der "unsichtbaren" Montage, die nach Art der Spielfilme Hollywoods funktionierte. "Olympia", Riefenstahls größter Erfolg, knüpfte in allem an die Parteitagsfilme an, bestach aber dank der Wettkämpfe durch eine Spannung, die jenen ganz fehlte. Es war die leichtere, die "KdF"-Version eines Parteitagsfilms und behauptet sich heute als einer der besten Dokumentarfilme. Selbst "Tiefland", vor lauter Stilisierung fast leblos, bleibt ein fotografisches Meisterwerk.Das Offenkundige anzuerkennen fiel schwer, ja war lange unmöglich, und die oft generösere Reaktion im Ausland sorgte für zusätzliche Irritation. Denn die Kunstfertigkeit dieser Filme war nicht alles, nicht einmal das Wesentliche. Riefenstahls Verteidigung war ja immer, es sei ihr einzig um Kunst und Schönheit gegangen. Kein Wort von ihr zu den großzügigen Bedingungen, unter denen ihre Dokumentationen entstanden, von der Hilfe der Partei, des Staates, der Wehrmacht. Jedes Zugeständnis an die ästhetische Qualität des Werkes schien daher zugleich die Selbstlegitimation der Regisseurin zu bestätigen. So firmierten die Filme allenfalls als gut gemacht, fielen aber sonst der Verachtung anheim. Das Paradox dieses Werkes, brillant nicht trotz, sondern wegen seiner Entstehungsbedingungen, ist auch heute schwer auszuhalten. Es war bedeutend einfacher, es ganz unter Propaganda abzubuchen, als sich seinem Rang zu stellen. Die filmische Überhöhung nationalsozialistischer Rituale, der ungebrochene Führerkult dieser Filme seit "Sieg des Glaubens" realisierten sich in der Erfahrung, überwältigt zu werden. Das machte Riefenstahls Werke damals so wirksam und legte später eine umso entschiedenere Abwehrhaltung nahe.Ein Großteil der Beschäftigung mit Leni Riefenstahl widmete sich schon von daher dem Nachweis, dass es sich hier um Propaganda handelte. Was Riefenstahl wie filmte, wo sie etwas ausließ oder verstärkte: lauter Beweise, dass die Filme nichts weniger als zeithistorische Dokumente oder gar zweckfreie Kunst waren. Eine notwendige Prozedur, mindestens ebenso wichtig war der detaillierte Nachweis über die Finanzierung der Filme durch die NSDAP oder das Propagandaministerium. So war die Filmgeschichtsschreibung immer im Streit mit Riefenstahl, die schon aus finanziellen Interessen auf ihrer Version beharrte.Damit folgte sie einem Weg, den sie schon im ersten Verhör durch die 7. US-Armee, von der sie im Frühjahr 1945 in Österreich festgenommen worden war, eingeschlagen hatte. Sie konstruierte ein neues Image. Künstlerin, nichts weiter, wollte sie sein. Ihre Verteidigung gegenüber allen Vorhaltungen blieb unerschütterlich. Der Verhöroffizier notierte in seinem Bericht: "Es ist möglich, dass sie tatsächlich nicht wusste, was vorging. Wenn ihre Aussagen aufrichtig sind, dann hat sie nie erfasst - und erfasst es bis heute nicht -, dass sie, ihr Leben der Kunst widmend, einem grausigen Regime zum Ausdruck verhalf und zu seiner Glorifizierung beitrug."Weder Riefenstahl noch die deutsche Öffentlichkeit hätten dem verständnisvollen Offizier zustimmen mögen. Die Regisseurin wies Mitschuld von sich, verweigerte jede Selbstreflexion. "Nichts gewusst zu haben" aber war andererseits die Formel so vieler Deutscher, dass man sie der berühmten Riefenstahl kaum zubilligen konnte, ohne den kollektiven Selbstbetrug offensichtlich zu machen. So sah sie sich unvermutet harschen Angriffen gegenüber - und verteidigte sich durch Behauptungen, die jeden noch so leichten Selbstzweifel vermissen ließen. Riefenstahl bezog eine Maximalposition, ihre Weigerung, sich zu erinnern, wurde zunehmend als Problem empfunden. Zäh aber beharrte sie auf ihrem Selbstbild, da gab es keine Zweifel, keine Fragwürdigkeiten. Manchmal nahm die ungetrübte Selbstgerechtigkeit erschreckende Züge an. In ihren Memoiren weist sie vehement alle Vorwürfe zurück, für den Film "Tiefland" selbst Komparsen aus dem Internierungslager Maxglan ausgesucht zu haben. Das Lager, eingerichtet für "Zigeuner", will sie nie betreten haben. Aber die Wachmannschaften für die an ihre Filmproduktion überstellten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die wird sie doch gesehen haben? Dazu gibt es kein Wort von ihr, dafür aber diesen Satz: "Die Zigeuner, Erwachsene wie Kinder, waren unsere Lieblinge. Wir haben sie nach dem Krieg fast alle wiedergesehen." Das ist im besten Fall eine unverantwortliche Übertreibung. Riefenstahl rang sich nie ein Wort ab über das Schicksal der meisten ihrer Komparsen, von denen viele in Auschwitz ermordet wurden. Zu viele hat sie nicht wiedergesehen.Der Ärger über groteske Verzeichnungen, die Wut über geschönte Darstellungen begleiten jede Beschäftigung mit ihr. Sie fördern nicht in jedem Fall die Einsicht. So oft sind Riefenstahls Legenden korrigiert, sind ihre Auslassungen faktenreich aufgefüllt worden, dass jeder, der will, ein recht vollständiges Bild ihrer Karriere gewinnen kann. Die neue Popularität der Künstlerin beruht aber auch darauf, dass man es lieber nicht so genau wissen will. Ginge es in den vielen Interviews mit ihr darum, Auskunft über lange verschwiegene Dinge zu bekommen, die zu stellenden Fragen wäre bekannt. Es liegt nicht nur an der vorhersagbar unwilligen Reaktion Riefenstahls, wenn sie unterbleiben.Wir wissen ja, dass sie Streicher nicht bloß einmal gesehen hat und ihn dann gleich wegen seines fanatischen Antisemitismus angegangen ist. Wir wissen auch, dass sie mit Goebbels gerade zu Beginn der Nazidiktatur einige offenbar fruchtbare Gespräche hatte, in denen es auch um einen "Hitler-Film" ging. Ihre Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der neuen Machthaber ist belegt, der außergewöhnliche Plan, ihr ein von der Partei finanziertes Filmstudio zu errichten, bekannt. In den Interviews aber werden die alten Fragen gestellt, die ihr Verhältnis zu Hitler, die Verantwortung der Kunst, die für sie schwierige Nachkriegszeit betreffen. Ihre Antworten sind notorisch, hier ist Überraschung von ihrer Seite zuletzt zu erwarten. Aber selbst dann, wenn sie unvermutet ihrer eigenen Legende widerspricht, scheint das eigentlich nicht mehr sonderlich interessant. So stellte sie in dem langen "Welt"-Interview mit Hilmar Hofmann fest, Goebbels selbst habe sie als Regisseurin des "Olympia"-Films auserkoren. Da hat sie fünfzig Jahre lang das Gegenteil behauptet, Carl Diem und das IOC als Auftraggeber genannt, unermüdlich betont, der Propagandaminister habe damit nichts, aber auch nicht das Geringste zu tun gehabt - und nun das. Die unvermutete Revision im Gestus des Understatement ging unbemerkt vorbei.Warum auch nicht, neu war die Information schließlich nicht, nur aus Riefenstahls Munde hatte man sie noch nicht gehört. Die vielen Gespräche treibt letztlich eine Hoffnung um, die nichts mit Revisionen oder neuen Informationen zu tun hat. Es ist schon so, wie Ray Müller sagte. Am Ende seines Films "Die Macht der Bilder" fragt er seine Hauptfigur, ob sie nicht ein Wort des Bedauerns fände, die Öffentlichkeit warte darauf. Riefenstahl wusste nicht, was sie bedauern sollte. In unüberbietbarer Egozentrik antwortete sie, "Was soll ich bedauern? Dass ich gelebt habe?"Im Grunde wird seit Hansjürgen Rosenbauers turbulenter Talkshow "Je später der Abend ." im Oktober 1976 immer nur ein Satz von Riefenstahl erwartet. Ein Satz, der aus ihrer erstarrten Verteidigungshaltung ausbräche, sich der Erinnerung stellte, ohne sofort in Rechtfertigung sich zu retten. Sie ist wohl frei von juristisch belangbarer Schuld, auch wenn ihr jetzt eine neue Klage wegen der Verpflichtung von Sinti und Roma als Komparsen ins Haus steht. Das tiefe Unbehagen ihr gegenüber hat einen anderen Grund: Auch Verantwortung fühlt sie nicht, keinerlei Notwendigkeit zur Selbstprüfung, fast nach dem Motto Scarlet O Haras - darüber kann ich morgen noch nachdenken. Manchmal ist morgen definitiv zu spät.Gelegentlich hat sie auf ihre Weise etwas eingestanden. 1976 sprach sie von dem Entsetzen, als sie nach dem Krieg von den Vernichtungslagern gehört habe. Eine Welt sei zusammengebrochen, "dass wir, und ich glaube andere Menschen auch, niemals mehr gesund davon werden können". Viel später, als sie im Mai 2000 zur Eröffnung einer Ausstellung mit "ihren" Olympia-Fotos nach Berlin kam - tatsächlich handelte es sich weitgehend um Standvergrößerungen aus dem Film, also um Aufnahmen von Kameramännern wie Walter Frentz, Hans Ertl oder Willi Zielke - sagte sie: "Ich habe im Dritten Reich gelebt mit all den grauenhaften Verbrechen. Wir haben ein fürchterliches Erbe hinterlassen. Ich habe etwas abzutragen. Da bleibt Schuld, so kann man das nennen." Weiter ist sie nie gegangen, das erwartete kathartische Element blieb immer aus. Man kann es auch zynisch sagen: wenn Riefenstahl das taktische Geschick eines Albert Speer besessen hätte, sie wäre nicht mehr umstritten. Man muss es aber auch anders sagen: weil Riefenstahls Versagen, sich den eindeutig feststehenden Tatsachen zu stellen, so ungebrochen, ja ihr vermutlich zur zweiten Natur geworden ist, bleibt ihr Verhalten skandalös.Leni Riefenstahls Bedeutung kann nur gegen ihre Legende erkannt werden. Ihr Werk besitzt ohne Zweifel immense Wirkung - die Filme wie die Fotografien gehören zur Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, selbst wenn wir sie nicht zu unserem Erbe rechnen wollen. Rechtfertigung wie Kritik haben zu lange schon Person und Werk identifiziert. Etwas Lächerliches ist um die Bewunderer, die wie Alice Schwarzer noch die bloß sieben Monate Arbeit für Hitler nachbeten, wenn sie die Künstlerin loben. Es hat aber auch etwas Kleinliches, wenn der detaillierte Nachweis ihrer vielfältigen Privilegien und ihrer einzigartigen Funktion während des Nationalsozialismus zur Ignoranz gegenüber der Ästhetik verführt. Nach 1945 hat Leni Riefenstahl immer ihr "ganzes Leben" verteidigt, alles widerspruchsfrei, alles als letztlich privat dargestellt. Umgekehrt war und ist die Kritik an ihr gleichfalls an einer Übereinstimmung von Leben, Werk, Person interessiert, nur trägt sie negative Züge.Man muss Riefenstahl nicht schätzen, um ihre Größe als Künstlerin anzuerkennen, sie nicht verdammen, um ihre zweideutige Haltung zu begreifen. Ein wenig Distanz ist hilfreich. Ihr Werk ist nicht durchgängig faschistisch und wohl auch nicht durchgängig großartig, in seinen besten wie seinen schlechtesten Seiten allerdings wirkt es fort wie wenig andere. Nicht weil es reine Kunst oder bloße historische Dokumentation ist, ist es in besonderem Maße zitierfähig. Dokumentationen, die ausgiebig Einstellungen aus "Triumph des Willens" nutzen, handeln sich damit das Problem Hitler-Stilisierung ein, aber Filmzitate wie in "Star Wars" nutzen gerade den stilistischen Überschuss. Riefenstahl hat Formeln der Überhöhung definiert, deren Wirksamkeit noch heute lockt, in ihren Filmen wie den Fotografien. Ihre Aufnahmen von den Nuba sind nicht einfach besser als die von George Rodger oder Oswald Iten, dass sie berühmter geworden sind, hängt einerseits am Ruf der Nazi-Regisseurin, das zog besondere Aufmerksamkeit auf sich. Dann aber ist Riefenstahls Auswahl und Zusammenstellung der Fotos tatsächlich einheitlich, wie in den Parteitagsfilmen ist nicht das Abgebildete vorrangig, sondern die Produktion eines "Erlebnisses". "Menschen wie von einem anderen Stern", so lautet der Untertitel ihres ersten Fotobuches. Nur auf den ersten Blick überraschend ist daher die Bewunderung, die sie bei vielen Künstlern genießt. Andy Warhol, Francis Ford Coppola, George Lukas und Mick Jagger zählten zu ihren Bewunderern, denn Riefenstahl ist zweifellos Expertin in Effekten. Deswegen ist ihre Ästhetik oft als reine Oberfläche beschrieben worden. Das macht sie so anziehend für die Werbung, für Popkünstler. Ihre Werke sind Meisterstücke der Verführung.Die neue Popularität der Künstlerin beruht aber auch darauf, dass man es lieber nicht so genau wissen will.ULLSTEIN / Leni Riefenstahl als Tänzerin Diotima in "Der heilige Berg", Deutschland 1925/26.1997, bei einem Interview im Hamburger Hotel Atlantic. Die Galerie Andreas Schlüter zeigt in diesem Jahr in einer ersten deutschen Ausstellung mehr als fünfzig Fotografien der umstrittenen Künstlerin.1934, Dreharbeiten zum Film "Triumph des Willens", über den Nürnberger Reichsparteitag der NSDAP.1992, "Die Macht der Bilder". Zum 90. Geburtstag Riefenstahls entsteht Ray Müllers Dokumentarfilm über das Leben der Filmregisseurin und Fotografin.