Nicht nur unter Juden gilt es als eine kleine Sensation: Seit wenigen Tagen amtiert eine Rabbinerin in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, erstmals seit mehr als 70 Jahren. Selbst konservative Kräfte, für die eine Frau in einem solch hohen Amt eher ein Graus, wenn nicht gar ein Bruch religiöser Gesetze ist, haben mehrheitlich der Einstellung von Gesa S. Ederberg als Gemeinderabbinerin zugestimmt. "Es war nicht einfach", sagt Ederberg nur, "aber wir sind als Einheitsgemeinde schließlich pluralistisch".Ederberg, 38 Jahre alt, stellt ihr Licht unter den Scheffel. Denn tatsächlich tritt die Rabbinerin, aus historischer Sicht, nichts weniger als die Nachfolge der weltweit ersten Rabbinerin überhaupt an - jener großen jüdischen Berliner Religionslehrerin Regina Jonas, die später in Auschwitz ermordet wurde. Diese mutige Frau war mit ihrer bewusst provozierenden wie programmatischen Frage "Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?" bekannt geworden. So lautete auch der Titel ihrer Abschlussarbeit, mit der sie 1935 als erste deutsche Rabbinerin ordiniert wurde."Regina Jonas ist für mich eine Ermutigung. Ich habe alles von ihr gelesen", sagt Ederberg. Aber ein wenig peinlich scheint es ihr doch zu sein, mit solch schwerer historischen Bürde ihre Arbeit in der liberalen Synagoge Oranienburger Straße im Berliner Bezirk Mitte zu starten: "Ich wäre lieber nicht die erste Nachfolgerin." Heute amtiert Ederberg - wie Jonas zu ihrer Zeit - wieder als einzige Rabbinerin in Deutschland. Nach zehn Jahren in Oldenburg ist Rabbinerin Bea Wyler in die Schweiz gewechselt, die aus Berlin stammende Rabbinerin Elisa Klapheck lebt in Amsterdam.Ederbergs Weg zur jüdischen Religionsgelehrten war nicht vorgezeichnet. In einem evangelischen Elternhaus aufgewachsen, studierte sie als junge Frau zunächst in Tübingen Physik, es folgten evangelische Theologie und Judaistik. Während des Studiums vor 15 Jahren konvertierte sie. "Ich bin ins Judentum quasi reingerutscht über den Unterricht und die Auseinandersetzung mit der Lehre", sagt Ederberg. In Jerusalem ging sie auf das konservative Schechter-Institut und erhielt 2002 die Ordination. Danach wirkte sie als Rabbinerin im süddeutschen Weiden, pendelte von Berlin aus regelmäßig in die Oberpfalz. Das wurde ihr ebenso zu viel wie die aufgeschobene Dissertation zum jüdisch-theologischen Seminar in Breslau. In Berlin hat die Rabbinerin, Mutter von sechsjährigen Zwillingen, äußerst erfolgreich den Verein Masorti zur Förderung der jüdischen Bildung und des jüdischen Lebens aufgebaut, in dessen Kindergarten mittlerweile 34 Kinder Hebräisch und Deutsch miteinander sprechen.Die Rabbinerin steht bewusst für ein modernes Judentum. "Unsere Religion ist nicht alt und verstaubt, Judentum muss Spaß machen", lautet ihre optimistische Grundauffassung. Was in der zerstrittenen Berliner Gemeinde nicht immer einfach ist.------------------------------Gesa S. Ederbergist Deutschlands einzige Rabbinerin.