Wenn man Tokio in westlicher Richtung verlässt und in den langsam sich leerenden Hochbahnen immer weiter in die Vororte fährt, kommt man irgendwann nach Mitaka. Von der Hochbahnhaltestelle steigt man dort auf ein kleines, ganz untokiotisch gemütliches Plätzchen hinunter; livrierte Diener leiten den Gast in freundlich gestrichene Busse mit großen Grinsekatzengesichtern und fahren ihn durch freundliche grüne Alleen an gemütlich glucksenden Bächen und grinsenden Katzen vorbei, bis die Busse inmitten eines großen grünen Parks schließlich vor einem Fantasieschlösschen halten. Der Park ist für den Erdbebenfall als "Massenevakuierungsstätte" beschildert. Das Schlösschen hat sich Miyazaki Hayao als Museum gebaut.Miyazaki Hayao ist der bedeutendste und erfolgreichste Filmregisseur, den Japan gegenwärtig besitzt. Wer das Miyazaki-Museum in Mitake besuchen will, muss die Karten schon Wochen im Voraus erwerben: In nicht enden wollenden Strömen drängen sich Alte und Junge, Ehepaare und Familien, Reisegruppen und Schulklassen an den Exponaten vorbei: an zart dahingestrichelten und -gepinselten Storyboard-Skizzen; an dämmerbeleuchteten und mit melancholischem Klaviergeklimper beschallten Guckkastenbühnen, in denen die bekanntesten Szenen aus Miyazakis Filmen nachgestellt sind.Miyazaki Hayao ist Zeichentrickfilmer. Das Museum, das er sich und seinem Studio Ghibli (sprich: "Ji-bu-ri") vor zwei Jahren in die Tokioter Peripherie gebaut hat, widmet sich seinen Filmen - von "Nausicaä aus dem Tal der Winde" bis zu "Chihiros Reise ins Zauberland" - und den beliebtesten Figuren daraus: von der kleinen Hexe Kiki aus "Hexen-Spezial-Expresslieferservice" bis zum Grinsekatzenbus aus "Mein Nachbar Totoro".Miyazaki wird oft mit Walt Disney verglichen; in vielerlei Hinsicht zu Recht: Wenn es im Animationsfilm der letzten zwanzig Jahre einen Disney-gleich genialen und stilprägenden Produzenten gegeben hat, dann ihn. In Disneyworld, freilich, wird man von den Disney-Figuren fortwährend in Form lebensgroßer Stoffpuppen bedrängt. Im Miyazaki-Museum tanzen die Miyazaki-Figuren in kleinen Schau- und Illusionsapparaten herum: in Stroboskopen, Praxinoskopen und allerlei anderen Illusionsgeräten, wie man sie aus der Vor- und Frühgeschichte des Kinos kennt. Wo Disney sich stets als Demiurg einer zukünftigen Wunderwelt inszenierte und als Trickfilmingenieur eines größtmöglichen Realismus, zeigt Miyazaki sich lieber als sentimentaler Bewahrer eines vergänglichen und weithin vergangenen Zaubers. Am Rennen um die jeweils neuesten Computertricks hat er sich nie beteiligt. Der Stil, in dem er seine Filme verfertigt, hat sich seit seiner Zeit als TV-Animator in den Sechziger- und Siebzigerjahren nur unwesentlich gewandelt. Er hat ihn verbessert, pointiert und geschmeidiger gemacht. Aber immer wahren seine Illusionen den Eindruck des Illusionären: das zarte Staunen darüber, dass die Dinge, die man als Animator belebt, wirklich leben.Im Obergeschoss des Museums hat sich der Regisseur sein ideales Arbeitszimmer einrichten lassen: eine in rustikalem Holz ausgebaute viktorianische Studierstube, übersät mit bunten Skizzen und Studien; voll gestellt mit prächtigen Folianten zur Botanik und Zoologie; voll gebastelt mit nostalgischen Technikmodellen: mit Dampfmaschinen, Doppeldeckerflugzeugen und Weltraumraketen, wie man sie am Ende des vorletzten Jahrhunderts für die Zukunft prophezeite.Alle frühen Filme von Miyazaki führen den Betrachter in diese Jules-Verne-Welt zurück: in eine Frühmoderne, die sich als Beginn eines umfassenden Wandels erkennt, in der die Technik aber noch mit Dampf und mechanischen Teilen funktioniert; in eine Zeit, in der die Menschen auf die Modernisierung noch hoffen, weil sie glauben, dass sie sich auf eine behutsame, vielleicht abenteuerliche, aber jedenfalls unbedrohliche Weise vollzieht. Man muss nur ein paar Tage durch Japan reisen - durch dieses plattgewalzte und verwüstete Land, das in kaum zwanzig Jahren vom Agrarstaat zur Industrienation umgebaut wurde -, um zu verstehen, wie sehnsuchtsvoll diese Fantasien des alten Europa für den japanischen Betrachter tatsächlich sind. Auch darum ist Miyazaki der erfolgreichste japanische Regisseur, weil er der japanischen Moderne eine Vergangenheit schenkt, die sie niemals besessen hat: den Moment eines reflektierenden Innehaltens, bevor der rasende, reißende Wandel beginnt.Erst in seinen letzten beiden Filmen - interessanterweise den ersten, die auch in Europa wahrgenommen worden sind - hat Miyazaki den Widerstreit zwischen Tradition und Moderne wieder nach Japan verlegt: In "Prinzessin Mononoke" (1997) kämpft die grimmige Titelheldin gegen die Zerstörung der Natur und der Götter; in "Chihiros Reise ins Zauberland" (2001) wird ein kleines Mädchen in ein fantastisches Badehaus verschlagen, in dem sich die Götter der Tradition und der Moderne, die Pophelden der archaischen Mythik und der neuesten Modernisierung versammeln."Chihiros Reise ins Zauberland" (im Original "Sen To Chihiro No Kamikakushi", was so viel heißt wie: "Sen und Chihiro, von den Göttern versteckt") kommt morgen auch in die deutschen Kinos - anderthalb Jahre, nachdem der Film auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären gewürdigt wurde. Tatsächlich ist dies der prächtigste, vielfarbigste und vieldeutigste Film von Miyazaki. Sein bester Film ist es nicht. Dazu fehlt der Bildervielfalt die stringente Geschichte; die wunderbare Sensibilität für kleine Alltagsdetails, die seine früheren Filme kennzeichnet, wurde hier durch großes Kunstwollen ersetzt. Wollte man die Disney-Analogie noch einmal bemühen, könnte man sagen, dass Miyazaki sich hier an seinem "Fantasia" versucht hat. Wie Disney, ist er daran gescheitert - auf visuell gleichwohl überwältigende Art: Man kann sich den Farben und Formen, den wundervollen Bildern und wilden Gestalten auch einfach nur unreflektiert überlassen. Der Moment des denkenden Innehaltens, für den man Miyazaki so mochte, gehört hier gleichwohl der Vergangenheit an.UNIVERSUM FILM Mit der Hochbahn ins Land der Mythen: Miyazakis kleine Heldin Chihiro und ihr Freund Ohngesicht.KATALOG GHIBLI-MUSEUM Miyazaki Hayao