Eine schauspielerische Großtat: "Der Architekt", das Spielfilmdebüt von Ina Weisse: Schnee im Kopf

Machen wir's kurz: Dies ist ein wunderbarer Film. Nein, er hat keine sonderlich spannende Story und auch keine aufregende Schnitt- oder Kameratechnik. Aber er hat sechs Schauspieler, die in jeder Sekunde nie nur ihren Job erledigen, sondern - ja, was machen sie eigentlich? Weder verlieren sie sich reibungslos in einem Seelenzerfaserungsspiel noch beäugen sie aus besserwisserischer Distanz die psychologischen Abgründe ihrer Figuren. Weder verschwinden sie identifikationsselig in ihren Rollen noch führen sie ihre Darstellungskünste an der kurzen Leine der Eitelkeit spazieren. Nie machen sich diese Schauspieler mit ihren Figuren gemein, immer bewegen sie sich mit einer Form von zärtlicher Bestimmtheit in ihr Spielen hinein. Sie spielen, als hätten nicht sie ihre Figuren gewählt, sondern die Figuren genau nach diesen Darstellern verlangt. Sie heißen Josef Bierbichler, Hilde Van Mieghem, Matthias Schweighöfer, Sandra Hüller, Sophie Rois und Lucas Zolgar.Und dies ist die erzählte Geschichte: Die Mutter des erfolgreichen Hamburger Architekten Georg Winter (Josef Bierbichler) stirbt. Sie wohnt in einem Tiroler Kaff. Mit seiner Frau (Hilde Van Mieghem) und den beiden Kindern (Sandra Hüller und Matthias Schweighöfer) fährt Winter zur Beerdigung. Nach der Beisetzung verliest der Pfarrer den letzten Willen der Mutter: Alles soll Alex (Lucas Zolgar) erhalten. Alex ist der Sohn, den Winter mit Hanna aus dem Dorf gezeugt hat, ein verschwiegener Sohn einer verschwiegenen Affäre. Der Zuschauer weiß von ihm sehr früh, für die Figuren aber ist es ein Schock. Langsam brechen danach die familiären Bindungen und Vertrautheiten auseinander, und alle verarbeiten sie die hereingebrochene Vergangenheit auf ihre Art. Die Tochter marschiert ins eisige Gebirge, die Mutter säuft, der Sohn schippt Schnee und Hanna führt einfach ihr Leben weiter. Am Ende fällt Winter am Dorfeingang tot in den Graben.Architekt ist Winter, sagt er, weil es der einzige Beruf ist, bei dem man durch seine Gedanken laufen kann. Eine schöne Metapher für die Figur. Die Großmetapher des gesamten Films ist aber der Schnee. Einmal rennen Vater und Tochter nackt über eine verschneite Wiese, gleich am Anfang bleibt die Familie mit dem Wagen in einer Schneewehe hängen und immer wieder sucht die Kamera die weißen Hänge der Berge ab: Alles macht der Schnee stumm, doch wehe die Eisschutzschicht taut - es kommt alles ins Rutschen.Es ist dieses unheilproduzierende Verrutschen von fest und sicher geglaubten Seelenordnungen, die die Schauspielerin Ina Weisse mit ihrem Spielfilmdebüt erforscht. Dass es nirgends ins Gefühlskitschige gerät, nie tränendrüsig oder sentimental wird, ist - siehe oben - der hohen Spielkunst ihrer Darsteller zu danken: Sie verdichten die Nöte ihrer Figuren zu schneidend präzisen Blicken, Gesten und Tonfällen. Jede und jeder in unverwechselbarer, unvergesslicher Weise. Was für ein wunderbar herzenskluges, mutiges, berührendes Kammerspiel im Schnee.------------------------------Der Architekt Deutschland 2008. Regie: Ina Weisse. Darsteller: Josef Bierbichler, Hilde Van Mieghem, Matthias Schweighöfer, Sandra Hüller, Sophie Rois und Lucas Zolgar. 93 Min., Farbe.------------------------------Foto : Der Architekt namens Winter (Josef Bierbichler) zur passenden Jahreszeit