Im Unterschied zu dem 1938 im Lager umgekommenen Ossip Mandelstam und der 1941 durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Marina Zwetajewa, gehört Achmatowa zusammen mit Pasternak zu den russischen Lyrikern der klassischen Moderne, die die Stalin-Zeit überlebten. Anna Achmatowa, 1889 geboren, blieb physisch ungeschoren und starb 1966 eines natürlichen Todes.Dieses für ihre Generation recht seltene Privileg hat sie eher als eine Verdammung empfunden ("Dies war die Zeit, da gab es ein Lächeln / nur für den Toten im Grab"), denn unberührt von den Zeitläuften blieb sie nicht. 1921 wurde ihr Ex-Mann, der Dichter Nikolaj Gumiljow, hingerichtet ("Nein, du wirst nicht wieder wach / Dort im Schnee, nie mehr. / Bajonette zwanzigfach, / Fünfmal das Gewehr. / Bitter ist das Leichentuch, / Das ich ihm genäht. / Russland liebt den Blutgeruch, / Der im Lande steht"), 1935 v erhaftete man ihren Mann, ihr 1912 geborener einziger Sohn Lev wurde gar dreimal festgenommen und saß anderthalb Jahrzehnte im Lager, bis er 1956 in der Tauwetter-Zeit nach dem Tod Stalins endlich rehabilitiert wurde. Zu diesen unmittelbaren Angriffen auf das Leben ihrer Nächsten kam für Achmatowa selbst ein Druckverbot von 1925 bis 1940 und 1946 der ZK-Beschluss zur Literatur, in dem sie als "Dirne und Nonne, bei der sich Unzucht und Gebet verflechten", gebrandmarkt und aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Erst 1958, zwölf Jahre später, wird sie wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen, und ihr Leben normalisiert sich. Da ist sie fast siebzig, muss sich der Vorwürfe ihres Sohnes erwehren, sie hätte sich zu wenig dafür eingesetzt, dass er freikommt, und hat noch acht Jahre zu leben.In Russland genießt Achmatowa hohe Verehrung, weil sie sich in den schwersten Zeiten ihres Landes, als auf die martialischen Fanfarenstöße offizieller Verlautbarungen nur noch geducktes Schweigen folgte, ihrer individuellen Stimme bediente und die Dinge beim Namen nannte. Nicht dass sie sich wortreich kämpfend gegen die Übermacht gestemmt hätte; für einen sich auf die Sprache der Macht einlassenden verbalen Gegenangriff fehlte Achmatowa die Selbstüberschätzung. Sie sprach aus, was die Zeit den Menschen antat, und nahm es nicht klaglos hin: "Stille fließt der stille Don. / Gelb tritt in das Haus der Mond. / Schaut in alle Winkel keck: / Sieht: Ein Schatten sitzt im Eck. / Eine Kranke muss das sein, / Eine kranke Frau, allein. / Tot der Mann, im Grabe schon, / Im Gefängnis sitzt der Sohn. / Diese kranke Frau bin ich. / Betet, schreit zu Gott für mich!" Achmatowas 1935-1943 entstandener Gedichtzyklus "Requiem", eine Reaktion auf die Verhaftung ihres Sohnes und Mandelstams Tod, konnte erst 1987 in Russland erscheinen. Die Veröffentlichung wurde als ein großes Ereignis der Perestrojka gefeiert und hat Achmatowas Ruhm als "Muse des Klagegesangs" und "Gedächtnis des 20. Jahrhunderts" gefestigt. Sie selber hatte am Nachleben ihrer Verse nie gezweifelt: "Nun rostet Gold, und Stahl hat keine Dauer, Marmor verwest - zum Tod drängt alles fort. Beständiger als alles ist die Trauer, Und unvergänglich ist das königliche Wort. " Der von Suhrkamp vorgelegte Band "Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne. Hundert Gedichte über die Liebe" zeigt eine andere Achmatowa. Drei Viertel der Gedichte stammen aus den zehner und - seltener - aus den zwanziger Jahren. Das Schwergewicht liegt auf Achmatowas Frühwerk. Diese Beschränkung hängt mit der Auswahl von Liebesgedichten zusammen und ist legitim. Auch die frühe Achmatowa lohnt es kennen zu lernen.Die Modernität von Achmatowas frühen Gedichten liegt in der prosaischen Diktion, in Lakonie und Knappheit. Achmatowa führte Alltagssprache und Konkretion in die Dichtung ein und komprimierte ganze Liebesgeschichten zu dramatischen Miniaturen. Häufig sind es Rollengedichte, die Trennungsgeschichten erzählen. Dabei werden Gefühle nicht benannt, sondern gestisch angedeutet. Eins der berühmtesten Beispiele ist der Handschuh der linken, der versehentlich auf die rechte Hand gezogen ist, ein kleines Missgeschick des Alltags, ein Understatement, durch das Verwirrtheit und Verzweiflung der Heldin sinnfällig werden. Achmatowa bewahrt in ihren Zeilen die natürliche Wortstellung der gesprochenen Sprache und bindet sie doch gleichzeitig streng durch Versmaß und Reim. In diesem Punkt versagt der Übersetzer leider. Von der selbstverständlichen Leichtigkeit der Alltagssprache ist bei ihm nichts zu spüren. Stattdessen stellt er Pronomina und Adjektive nach ("Labung mein", "Klause trist"), lässt Verben und Adverbien nachklappern ("strahlte auf sublim") und erreicht dadurch eine gestelzte Syntax, die nichts mehr von der Modernität Achmatowas erkennen lässt. Auch stilistisch greift Alexander Nitzberg zu hoch: "ward", "Labung" und "Eheweib" sind Wörter, die in einem Gedicht des 20. Jahrhunderts unfreiwillig komisch klingen und bei Achmatowa fehl am Platze sind. Wenn dann auch noch Pointen verpatzt sind und Achmatowas konkrete Beschreibung ("grauäugig") durch gefühlige Vagheit ("samtiger Blick") ersetzt ist, dann muss man sich nicht wundern, wenn deutsche Kritiker Achmatowa für 19. Jahrhundert halten.Es bleibt vorläufig dabei: Wer Achmatowa in deutscher Übersetzung lesen will, der greife zu der von Efim Etkind zusammengestellten Gedicht-Auswahl "Im Spiegelland" oder zu den von Ilma Rakusa edierten Übersetzungen in der Bibliothek Suhrkamp. Beide Herausgeber haben sich in ihrer Auswahl nicht vom Original, sondern von der Qualität der deutschen Übertragungen leiten lassen, wobei Etkind auf BRD- und Rakusa auf DDR-Übersetzungen zurückgriffen.Anna Achmatowa: Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne. Hundert Gedichte über die Liebe. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2000, 116 S. , 32 Mark.