Heute beginnt der Internationale Comic-Salon in Erlangen, die größte deutsche Comic-Messe und Leistungsschau. Seit 1984 trifft sich die Szene alle zwei Jahre in der fränkischen Stadt, aber lange schon war das Programm nicht mehr so aufregend wie diesmal.Das liegt vor allem an der erstaunlichen Vielzahl junger deutschsprachiger Zeichner, die in Erlangen ihre Werke ausstellen: Peer Meter und Barbara Yelin präsentieren ihren gerade erschienenen Historien-Comic "Gift", der sich in düster-verwaschenen Bildern mit der Bremer Giftmischerin Gesche Gottfried befasst; der Wiener Minimalist Nicolas Mahler erhält für seine Beckett-haft depressiven Humor-Strips eine ganze Retrospektive; in einer Sammelschau werden neuere Zeitungs-Comics von Zeichnern wie Ralf König un d Sascha Hommer gezeigt.Das größte und gewaltigste Werk, das in Erlangen zu sehen sein wird, stammt aber von dem Berliner Zeichner Jens Harder, und man sagt nicht zu viel, wenn man sagt, dass sein neues Buch in der Geschichte des deutschsprachigen Comic nichts Ebenbürtiges hat. In "Alpha" (gerade beim Carlsen Verlag erschienen) erzählt Harder nicht weniger als die Geschichte des Universums - vom Urknall bis zur Entstehung der Galaxien, von der Geburt der Erde aus herumtrudelndem Sternenstaub bis zur Entwicklung des intelligenten Lebens. Auf der ersten Doppelseite erkennt man in einer leeren Fläche nur einen winzigen Punkt; es ist jene unvorstellbar verdichtete Konzentration von Materie, aus der das gesamte Weltall entsteht. Im letzten Bild - 340 Seiten und 13 Milliarden Jahre später - sieht man die Prähominiden bei der Probe des aufrechten Gangs; die Entwicklung der Menschheit will Harder in einem folgenden Band namens "Beta" bebildern.Aber auch ohne Menschen ist sein Projekt gigantisch, grandios: In hunderten und aberhunderten von feinst ziselierten, schraffierten, gekrisselten Bildern zeigt Harder, was in den 13 Milliarden Jahren vor der Entstehung unserer eigenen Gattung geschah. Materie kämpft gegen Anti-Materie, aus dem Chaos der ersten Jahrmilliarde schält sich allmählich die kosmische Ordnung heraus. Im Kryptozoikum zucken auf der Erde die ersten Bakterien herum; erste Ur-Kontinente entstehen, zerbrechen, bilden sich neu und begeben sich auf Reise quer über den Globus. Leben entsteht und fällt Klimawechseln zum Opfer. Wunderschöne, skurrile, sonderbar vertraute, aber auch äußerst erschreckliche Wesen wimmeln durchs Wasser und über das Land und verschwinden dann plötzlich für alle Zeit wieder aus dem Blick und dem Gedächtnis der Welt.Allein die Vielfalt der belebten und unbelebten Materie, die Harder in "Alpha" formt, lohnt die Lektüre, das Betrachten des Buches; wer einmal in seine grafische Welt eingetaucht ist, kann sich gar nicht mehr satt sehen an seinen Bildern, an den Ornamenten der kosmischen Unordnung in unvordenklicher Urzeit ebenso wenig wie am blutig-realistischen Überlebenskampf der Saurier im Paläozoikum.An jedes Zeitalter hat Harder eine chronologische Tafel gefügt. Wo es ihm nötig erscheint, erläutert er zwischen den Comic-Bildern in kurzen Kommentartexten den jeweiligen Stand im kosmischen Werden. So lässt sich sein Buch auch als Lehrbuch benutzen - wobei man über die historische Stichhaltigkeit der Story natürlich streiten kann, schließlich revidieren Astrophysiker, Bio-, Anthropo- und Paläontologen selbst alle paar Wochen ihre Erkenntnisse.Wirklich großartig wird der Comic aber dort, wo er übers Naturwissenschaftlich-Pädagogische hinausragen will. Und er ragt weit darüber hinaus: Die chronologische Folge der historischen Szenen unterbricht Harder fortwährend mit allegorischen Bildern. Die Schöpfungsgeschichte, wie sie von den exakten Wissenschaften erzählt wird, durchsetzt er mit Götterfiguren und Natursymbolen aus den verschiedensten Kulturen und Religionen. Elementarteilchenschwärme und Materiestrudel stehen neben steinzeitlichen Spiralornamenten; archäologisch abgesicherte Saurierbilder werden neben mittelalterliche Drachendarstellungen montiert und neben die Schreckensgestalten von Hieronymus Bosch.Dabei treten Physik und Metaphysik keineswegs in Konkurrenz zueinander; nichts liegt Harder ferner als der Kreationismus. Vielmehr geht es um Demut gegenüber der unbegreiflichen Natur und der Schönheit dessen, was sich allen Erklärungsversuchen entzieht. Jedes Bild, das wir uns von der objektiven Realität machen, ist nur ein Bild, und das heißt: nur ein Zitat eines anderen Bildes. Jens Harder zitiert Albrecht Dürer ebenso wie "Donald Duck" von Carl Barks; die morphologischen Zeichnungen Ernst Haeckels stehen bei ihm logisch neben "Tim und Struppi" - und dem Zitat des experimentellen Zeichners Richard McGuire, der sich mit dem besonderen Vermögen des Comic befasst, über die Reihung von Szenen hinweg komplex verschachtelte Erzählstrukturen zu bilden.Denn Comics sind - auch das wurde lange nicht mehr so deutlich wie hier - weit mehr als nur "Bildergeschichten". Harder montiert seine Bilder nicht nur zu Reihen, sondern auch zu Tableaux, in denen der Blick sich von oben nach unten und von unten nach oben, von rechts nach links und wieder zurück bewegen kann und dabei immer wieder neue Querverweise, metaphorische Potenziale entdeckt. Dem indifferenten Verstreichen der evolutionären Zeit prägt Harder so einen Rhythmus auf: einen Rhythmus aus Er- und Verkennen, aus Staunen und Furcht. Die Erhabenheit des Kosmos wirkt auf diese Weise noch un- und übermenschlicher, weil sie neben den tastenden Erklärungsversuchen der Menschen steht. Die archaischen, menschengemachten Bilder der Schöpfung wirken noch geheimnisvoller, wenn man sieht, wie ähnlich sie jenen prähistorischen Naturformen sind, von denen etwa das arme, ungebildete Menschlein des Mittelalters noch gar nichts wissen konnte.Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart verschwimmen zu einem rätselhaften kosmologischen "Jetzt". Aus den exakten Wissenschaften, aus Quantenphysik und Evolutionsbiologie stürzt der Blick immer wieder direkt ins kollektiv Unbewusste der Menschheit, und das heißt: in die Theologie. Gott, was für ein Buch! Wenigstens in der Evolution der Comics sind wir damit auf eine höhere Stufe gelangt.Jens Harder: Alpha. directions. Carlsen, Hamburg 2010. 352 S., 49,90 Euro.------------------------------Foto: Kurz nach dem Beginn des Hadaikums, 4 600 000 000 Jahre vor unserer Zeit: Das Erde-Mond-System bildet sich.