Helle, große Altbau-Wohnung mit guter Verkehrsanbindung, mitten im Kiez gelegen zu vermieten." Wohl für jeden Wohnungssuchenden in Berlin klänge solch eine Anzeige verlockend. Doch für eine Neu-Berlinerin wie mich, dazu noch mit Hamburger Wurzeln, ließ ein einziges Wort sofort die Alarmglocken schrillen. Kiez! Kein normaler Mensch würde je auf die Idee kommen, freiwillig in solch eine Gegend zu ziehen. Rotlichtmilieu, Kriminalität und Verbrechen? Nein danke! Ich strafte solche Anzeigen ab sofort gnadenlos mit Missachtung. Woher soll man auch wissen, was es mit den Berliner Kiezen auf sich hat, wenn man seinen Studienort vom überschaubaren Karlsruhe in die Millionenstadt verlegt und die schockierenden Geschichten der Hamburger Großeltern im Hinterkopf hat?"Schöneberg und Charlottenburg, das sind sichere Gegenden. Dort musst du hinziehen." Diesen Tipp hörte ich von zahlreichen angeblichen Berlin-Kennern und befolgte ihn auch brav. Das Resultat: Ich zog nach Schöneberg. Genauer gesagt nach Friedenau, einem kleinen Berliner Stadtbezirk direkt an der Grenze zu Steglitz, der seinem Namen alle Ehre macht. Wie in einer friedlichen Aue, weit weg von der hektischen Großstadt, kommt mir das Leben hier vor. Das mag seine Vorteile haben, doch als ich bemerkte, dass ich jedes Mal beim Ausstieg aus Bahn oder Bus fast der einzige Mensch unter 60 Jahren war, kamen mir schnell Zweifel. Nach einer Gegend für Studenten schien mir das hier nicht auszusehen.Eines Tages sagte eine nette ältere Dame zu mir: "Ich finde es angenehm, direkt hier am Friedenauer Kiez zu wohnen, da muss ich zum Einkaufen nicht so weit laufen." Plötzlich ging mir ein Licht auf: Ein Kiez war also in Berlin etwas ganz anderes, als ich gedacht hatte! Jeder Berliner Bezirk hat seinen Kiez, eine Straße, ein Gebiet, in dem sich Geschäfte, Cafés und Kneipen befinden. Hier spielt sich das Leben ab!Natürlich fragte ich mich, wo ich als Studentin hingehen könne. Bei meinem ersten Besuch in der Stadt hatte mich der Reiseführer natürlich direkt zum Kudamm und zur Friedrichstraße geführt. Beides sind nicht gerade besonders gemütliche Orte, an denen man gerne mit Freunden einen Kaffee trinken geht, sondern eher Flaniermeilen für Millionäre und solche, die dafür gehalten werden wollen. Ich fragte mich, was die Menschen eigentlich so an Berlin fasziniert. Abgesehen von Touristen-Attraktionen wie dem Reichstag oder dem Brandenburger Tor wirkte die Stadt auf mich ziemlich unattraktiv. Vor allem die vielen mehrspurigen Hauptstraßen und die grauen Fassaden schreckten mich eher ab. Hinzu kamen Begegnungen der etwas ungewöhnlichen Art mit zugedröhnten Junkies und Dealern, die mir am hellen Tag ungeniert Drogen aus einem gut bestückten Sortiment anboten.Erst als ich mit ein paar Freunden - darunter auch echte Berliner - die Stadt erkundete, bemerkte ich, dass ich bisher nur die Schattenseiten kennengelernt hatte. Die besseren eröffneten sich mir erst nach ein paar Monaten. Auf Erkundungstour entdeckte ich vor allem Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg, und ich stellte fest, dass Berlin für alle Charaktere etwas zu bieten hat, ob Multi-Kulti-Fan, Punkrocker oder Edel-Öko. Sogar Natur findet sich zur Genüge, was viele, wenn sie an Berlin denken, gar nicht glauben. Mehr als 42 Prozent des Stadtgebiets sind Grün- und Wasserflächen. Sogar frischluftverwöhnte Landeier können also in Berlin aufatmen. Nach ein paar Wochen Eingewöhnungszeit in "meinem" Friedenauer Kiez nahm ich mir vor, jede Woche einen anderen Park aufzusuchen, ihn auf sein Erholungspotenzial zu testen. Ich erkundete den Tiergarten, den auf einem Hang angelegten Viktoriapark in Kreuzberg, den direkt an der Spree gelegenen Treptower Park mit seinen gemütlichen Cafés am Wasser, den Mauerpark in Prenzlauer Berg, den Görlitzer Park in Kreuzberg und schließlich den Wilmersdorfer Volkspark.Mein Favorit, der Mauerpark, ist mit seiner abgetretenen, etwas schmuddeligen Grünfläche zwar nicht unbedingt der schönste Berlins, doch hat er dafür eine außergewöhnliche Atmosphäre. Hier versammeln sich Alt-Hippies, Musiker, Artisten und all diejenigen, die inmitten des Woodstock-Ambientes der Neuzeit die Seele baumeln lassen wollen. Auch meine baumelt inzwischen regelmäßig dort.Hinzu kommt der Flohmarkt. Jeden Sonntag finden sich neben dem Parkgelände Trödler und kreative Leute ein, um ihre Raritäten unters Volk zu bringen. Ein erstklassiger Tipp für Berlin-Neulinge, die ihre karg eingerichtete Wohnung mit ein paar Siebzigerjahre-Möbeln aufpeppen wollen und gerne feilschen. Schnäppchenjagd auf dem Flohmarkt und anschließendes Picknick im Park - das könnte schnell zum sonntäglichen Ritual werden.Zehn Monate lebe ich nun schon hier und habe immer neue spannende Seiten der Stadt kennengelernt. Auf den ersten Blick mag Berlin auf Neulinge chaotisch und undurchsichtig wirken, doch nach und nach lernt man die verborgenen Schätze der Stadt kennen. Die Entdeckungstour geht nie zu Ende.Bonnie Berendes studiert Kulturjournalismus an der Universität der Künste.------------------------------Foto: Welch eine große Stadt! Und dann noch lauter Kieze! Das Foto zeigt einen multimedialen Stadtplan der Berliner Firma Lama GmbH, 2001.