Von Thomas Götz, RomAm 9. Mai wurde Marta Russo im Hof der Universität Rom von einem Projektil Kaliber 22 getroffen. Die 22jährige wurde am Kopf tödlich verwundet. Die Tatversächtigen sind Universitätsassistenten. Ihr Motiv liegt im dunkeln.Als die Polizei im Hof der römischen Universität "La Sapienzia" eintraf, lebte Marta Russo noch. Erst nach Wochen im Koma erlag sie dem Kopfschuß, der sie am hellichten Vormittag des 9. Mai inmitten einer Gruppe von Studenten niedergestreckt hatte. Für die Polizei begannen an jenem Tag komplizierte Ermittlungen, die lange Zeit ergebnislos zu bleiben schienen.Keiner wollte etwas gesehen oder gehört haben. Die Waffe ist bis heute verschollen, falsche Spuren tauchten auf und verschwanden wieder. Hunderte Verhöre blieben ergebnislos.Nicht einmal die Schußrichtung ließ sich ermitteln, da das Opfer ja noch gelebt und also seine Lage verändert hatte. Erst nach komplizierten chemischen Untersuchungen wurden Spuren von Pulver auf einem Fensterbrett gefunden ­ im Institut für Rechtsphilosophie. Doch noch schützte eine Mauer des Schweigens den Täter.Erst in der Vorwoche begann der Wall der "Omerta" brüchig zu werden, als die Polizei einen aufsehenerregenden Entschluß faßte: Sie stellte den Vorstand des Instituts, Bruno Romano, unter Hausarrest. Verdunkelungsgefahr. Romano war abgehört worden. Er soll den Mitarbeitern seines Instituts geraten haben, ihr Wissen nicht der Polizei preiszugeben. Diese Maßnahme brach den Damm: Gabriella Alletto, die zufällig in das Zimmer gekommen war, als der Schuß fiel, sagte endlich, was sie wußte, nannte drei Namen und erklärte den Hergang.Der mutmaßliche Täter: Der Student Giovanni Scattone. Er habe die Klimaanlage vom Fenster entfernt, den Vorhang beiseite geschoben und die "22 long rifle" in Anschlag gebracht. Scattone ist 29 Jahre alt, ein ausgezeichneter Student und Assistent am Institut, angesehen und beliebt in der Nachbarschaft, gutaussehend, wohlsituiert. Nach dem Schuß gab er die Waffe seinem Freund Salvatore Ferraro, 30, der sie verbarg und aus dem Raum brachte. Der Amtsdiener Francesco Liparota stand unterdessen Wache.Daß die Zeigin, die jetzt gegen die drei ausgesagt hat, wirklich im Raum war, weiß die Polizei von einer weiteren Zeugin, die bislang ebenfalls geschwiegen hatte. Nur ihrem Professor hatte sie ihre Beobachtungen berichtet, eben jenem Bruno Romano, der ihr daraufhin riet, nichts davon der Polizei zu erzählen. Daß sie später gegenüber den Ermittlern auspackte, verdankt die Polizei der Untersuchung aller Telefonanrufe, die rund um die Tatzeit aus dem Büro getätigt wurden. Einer davon ging an die Mutter der Zeugin ­ sie mußte also im Raum gewesen sein und etwas gesehen haben.Nachdem sie ausgesagt hatte, geschahen weitere Merkwürdigkeiten. "Eine wichtige Persönlichkeit kam zu uns und behauptete, die Zeugin wäre in der Vergangenheit in psychiatrischer Behandlung gewsen", berichtet ein ermittelnder Staatsanwalt, ohne den Namen des Verleumders zu nennen. Die Annahme scheint nicht ganz abwegig, daß es sich wieder um Bruno Romano handelte.Inzwischen sind Aussagen und Indizien gegen die drei Männer stark genug für eine baldige Anklage. Gerätselt wird aber noch über das Motiv der drei. Die Polizei geht von der schrecklichsten Variante aus: ein Studentenstreich, eine Mutprobe, ein sinnlos abgegebener Schuß in die Menge, der Marta Russo nur zufällig getroffen hat. Zufällig, wie vor einigen Monaten der schwere Stein eine junge Frau erschlagen hat, den junge Leute von einer Autobahnbrücke geworfen hatten. Die höchste Form mörderischen Schwachsinns also.Eine zweite, als weniger stichhaltig angesehene Erklärung besteht darin, daß Marta Russo sich den Annäherungsversuchen der als Schürzenjäger bekannten jungen Herren entzogen habe und diese aus Rache geschossen haben.Bleibt die Frage, wieso die Zeugen so lange geschwiegen und damit das Ermittlungsverfahren beinahe zum Stillstand gebracht haben? Nur bei Professor Romano kennt man den Grund: Er wollte das Ansehen seines Instituts schützen.