Eigentlich könnten sich die Verfechter der Homöopathie auf James Bond berufen. Der Geheimagent im Auftrag Ihrer Majestät wusste schon immer, was gut tut: "Geschüttelt, nicht gerührt", so pflegte er im Film seinen Martini zu trinken, bevor er sich, an Leib und Seele gestärkt, wieder in den Kampf gegen das Böse stürzte. Ähnlich wie Bond sein Getränk zubereitet, mixen auch Homöopathen ihre Arzneien zusammen. Ein Wirkstoff wird bei ihnen nicht durch Verrühren, sondern durch Verschütteln in einem Lösungsmittel aufgelöst - meist in verdünntem Alkohol. Der homöopathischen Lehre zufolge soll mit dieser Technik eine bestimmte Art von Information auf das Lösungsmittel übertragen werden, die beim Kranken heilende Effekte erzielt. Ob homöopathische Mittel tatsächlich auf diese Weise wirken - wenn sie überhaupt Wirkung zeigen -, ist höchst umstritten. Doch eine neue Studie liefert den Befürwortern der Homöopathie jetzt gute Argumente. So haben Forscher der Berliner Charité in einer großen Studie Belege dafür gefunden, dass Homöopathie bei bestimmten chronischen Leiden wirkt, etwa bei Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Allergien. Teile der Studie sind im Fachjournal "Informatik, Biometrie und Epidemiologie" erschienen. Das Konzept der Homöopathie geht auf den Arzt Samuel Hahnemann zurück, der vor rund zweihundert Jahren in Köthen bei Dessau lebte. Der Begriff Homöopathie leitet sich von den griechischen Wörtern für "ähnlich" und "Leiden" ab. Krankheiten, so die Vorstellung Hahnemanns, ließen sich mit eben jenen Substanzen heilen, von denen sie verursacht werden. Allerdings müssten die Wirkstoffe dafür stark verdünnt werden: Meist enthält ein homöopathisches Medikament, das durch mehrfaches Verreiben und Verschütteln einer Substanz hergestellt wurde, kein einziges Molekül des Ausgangsstoffes mehr. Ein weiterer Grundsatz der Homöopathie: Jeder Patient muss individuell und als ganzer Mensch behandelt werden. Daher spricht der Arzt mit dem Betroffenen nicht nur über seine Krankheitssymptome, sondern erfragt von ihm auch viele andere Dinge, wie etwa bestimmte Gewohnheiten, Vorlieben oder Ängste.Gegen Asthma und KreuzwehIn ihrer Studie untersuchten die Charité-Forscher um Claudia Becker-Witt vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie 493 Kinder und Erwachsene, die sich bei niedergelassenen Ärzten schulmedizinisch oder homöopathisch behandeln ließen. Die Erwachsenen litten unter Kreuzbeschwerden, Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Depressionen; die Kinder wurden von Allergien wie Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis geplagt. Die Forscher ordneten jedem schulmedizinisch behandelten Kranken einen homöopathisch behandelten Patienten mit vergleichbarem Alter, Geschlecht und Krankheitsbild zu. Ein Jahr lang erfassten die Wissenschaftler mittels standardisierter Fragebögen den Gesundheitszustand der Betroffenen. Dafür befragten sie sowohl die Ärzte als auch die Patienten. "Bei den homöopathisch behandelten Kindern besserten sich Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis stärker als bei den schulmedizinisch therapierten", sagte Becker-Witt auf einem Workshop, den die Thieme-Verlagsgruppe kürzlich in Berlin veranstaltete. Dies hätten sowohl die Ärzte als auch die Kinder bei der Befragung berichtet. Auch den erwachsenen Probanden ging es nach einer Homöopathiebehandlung besser als nach einer herkömmlichen Therapie - allerdings nur nach ihrer eigenen Einschätzung. Auch weitere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Homöopathie wirksam sein könnte. Allerdings erkennen viele schulmedizinisch orientierte Forscher sie nicht als Nachweis für die Heilkraft der Homöopathie an. "Ob ein Verfahren wirkt, lässt sich nur in randomisierten, kontrollierten Doppelblindstudien untersuchen", sagt etwa Jürgen Windeler. Der Wissenschaftler leitet beim medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen in Essen den Bereich evidenzbasierte Medizin. Bei solchen Studien - sie werden oft mit dem englischen Kürzel RCTs (Randomized Controlled Trials, randomisierte, kontrollierte Studien) bezeichnet - wird die zu prüfende neue Substanz mit einem Scheinmedikament verglichen. Die Patienten werden dabei randomisiert, also nach dem Zufallsprinzip einer der beiden Therapieformen zugewiesen. Weder Probanden noch Ärzte wissen, wer welche Behandlung erhält. Windeler: "Es gibt bislang keine RCTs, die belegen, dass Homöopathie wirksamer ist als ein Placebo." Doch die Verfechter alternativer Verfahren wenden ein, dass das RCT-Konzept den Besonderheiten der Komplementärmedizin nicht gerecht wird. "Eine homöopathische Behandlung zum Beispiel lässt sich nur schwer ,blind vornehmen", sagte bei dem Workshop der Mediziner Uwe Friedrich von der Ambulanz für Naturheilkunde an der Frauenklinik der Universität Heidelberg. Denn der Arzt müsse den Patienten während der Therapie genau beobachten und immer wieder prüfen, ob er das richtige Mittel ausgewählt habe. Auch die Verteilung der Patienten nach dem Zufallsprinzip sei oft unmöglich, sagte Friedrich, der das Projekt homöopathische Krebsbehandlung betreut. "Bei unseren Studien lehnten viele Betroffene eine Randomisierung ab, weil sie sich unbedingt homöopathisch behandeln lassen wollten." Friedrich hält daher nicht-randomisierte, methodisch einwandfreie Studien wie jene der Charité-Mediziner für eine vertretbare Alternative zu den RCTs. Beliebte MethodeDie Patienten kümmern sich wenig um den Forscherstreit über die Wirksamkeit der Homöopathie. Umfragen zufolge zählt die Homöopathie zu den alternativen Therapien, die die Patienten am meisten nutzen. Bislang wurde eine solche Behandlung zum größten Teil von den gesetzlichen Kassen bezahlt. Das soll sich bald ändern: Nach der neuen Gesundheitsreform müssen die Patienten nicht-verschreibungspflichtige Arzneien - dazu zählen auch homöopathische Mittel - von Januar nächsten Jahres an selbst bezahlen.Informatik, Biometrie und Epidemiologie in Medizin und Biologie, Band 33, S. 281Infos zur Homöopathie:www.homoeopathie-welt.deHOMÖOPATHISCHES LABOR GUDJONS STADTBERGEN Einige homöopathische Apotheken, wie das Labor Gudjons in Stadtbergen (Foto), bieten Ärzten so genannte Therapeuten-Sets für die Behandlung ihrer Patienten an. Als Rohstoffe für die Arzneien werden zum Beispiel Ringelblumen oder Kampfer verwendet. Die Pflanzen werden nach genauen Vorgaben mit Milchzucker verrieben, durch Verschütteln mit Alkohol verdünnt und dann in Fläschchen abgefüllt.