Im Spandauer Südhafen Ist gestern ein Stück Berliner Nachkriegsgeschictite zu Ende gegangen. Ein Kran beförderte einen schwarzen Haufen auf ein Schiff. Bei der Fracht handelte es sich um die letzte Kohle aus der sogenannten S.natsreserve.Für Gerhard Lenz, jahrzehntelang bei der Senatswirtschaftsverwaitung für die Notfallreserven zuständig, ein ergreifender Augenblick: "Wir haben 1950 damit begonnen, 10 000 Tonnen Spelsesalz einzulagern." Später kam unter anderem die Kohle hinzu. Gestern verließ der letzte Rest dieser Kohle die Kiadower Grube am Kiadower Damm. Bei strömendem Regen hatte sich auch Wirtschaftsstaatssektretär Hans Kremendahl eingefunden.Arbeiter hatten den letzten der 30 000 Lastwagen mit einer grünen Schleife geschmückt. Am Kai wartete schon die "MS Teufelsbrück", um das Brennmaterial in das Kraftwerk Reuter West zu bringen."Die Kladower Grube gehört einer Kirchengemeinde. Es wird nun damit begonnen, das 15 Meter tiefe Loch zuzuschütten", so Kremendahl. Spandaus Gesundheitsstadtrat Dieter Lletz (CDU), selbst ein Kiadower, kommentierte: "Endlich sind wir das Zeug los." Sobald die 690 000 Tonnen Kohle fassende Grube gefüllt ist, soll Gras über ein Kapitel des KaltEn Krieges wachsen.Die ganze Sache galt von Anfang an als streng geheim -- auch die 47628 Kilogramm süß-sauren Gurken. Nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten wußte Bescheid. Bis zu sechs Monaten sollten die Bürger Im Westteil Berlins weiterleben können, wenn die Verbindungen nach außen wieder einmal abgeschnitten würden. Deshalb hatten die Westalilierten unmittelbar nach der Berlin-Blockade 1948 angeordnet, nicht verderbliche Lebensmittel und Kohle zu lagern. So wurden -- weltweit einmalig -- Güter im Wert von rund zwei Milliarden Mark auf Vorrat gehalten. Zum "Sortiment" gehörten beispielsweise 128 000 Tonnen Getreide, 44000 Tonnen Fleisch und 32 000 Tonnen Zucker sowie insgesamt 2,5 Millionen Tonnen Brennstoffe. Aber auch Schuhreparaturmaterlal, Fahrräder und Ersatzteile sowie Medizin sollten Im Notfall die Versorgung mit Alltäglichem retten. Es fehlten nicht einmal Zeitungsdruckpapier oder Batterien für die Taschenlampen der Polizei. Eine l6seitige Warenliste katalogisierte die rund tausend Dinge, die alle Lebensbereiche der Stadt abdecken sollten. In einem mehrfach gesicherten Keller der Senatswirtschaftsverwaltung lagerten sogar unter höchster Geheimhaltungsstufe gedruckte Karten: Nur 32 Menschen waren an ihren Arbeitsplätzen über die Details eingeweiht: Lebensmittelkarteri und Sonderbezugsauswelse für Schwerstarbeitende und Stillende. 40 Jahre lang blieb die "Aktion Eichhörnchen" unter Ausschluß der Öffentlichkeit.Als eine der 200 Lagerstätten zählte der Westhafen, wo die Senatsreserve acht Hallen in Beschlag nahm. Darüber hinaus nutzte man private Gewerberäume.Insgesamt machten die über die ganze westliche Stadthälfte verteilten Vorratskammern 624 000 Quadratmeter Freifläche und 423 000 Quadratmeter überdachte Lagerräume aus. Allein 100 Mitarbeiter der Senatswirtschaftsverwaltung beschäftigten sich mit der Verwaltung der Güter, die jährlich 100 Mllllot~en Mark verschlang. Nachdem der politische Wind sich gedreht hatte, begann der Senat 1990, die Lager aufzulösen. Der größte Teil der Lebensmittel ging in die Sowjetunion. In den 50er Jahren zählten Waschmittelpakete zu den Vorräten, die für den Notfall gelagert worden waren. Foto: Ullstein15 Meter tiefes Loch Viele Vorratskammern