KÖLN, 17. August. Kahraman Atalay hat eine schöne Moschee. Sie ist groß, strahlend weiß und trägt ein hohes Minarett. Doch allein dafür ist sie nicht weltbekannt geworden, wegen der gelungenen Architektur stehen die Fernsehteams aus Deutschland, Frankreich und Kanada nicht Schlange vor dem Gotteshaus der türkischen Gemeinde in Niederkassel bei Köln. Sie sind gekommen, weil über Atalays Moschee in diesen Tagen eine Fahne mit dem Kreuz weht - die Fahne des Weltjugendtages. 35 katholische Pilger haben hier in der Moschee ein Obdach gefunden, direkt unter den Gebetsräumen der Muslime.Für Kahraman Atalay ist damit ein Wunsch in Erfüllung gegangen. Der 38-jährige Türke hatte der katholischen Kirche schon länger angeboten, dass Pilger in seiner Moschee übernachten könnten, aber die Katholiken waren zunächst zögerlich. Ein Weihbischof inspizierte schließlich die Räumlichkeiten in Niederkassel und gab sie für seine Gläubigen frei. Vielleicht hatte ihn ja auch Kahraman Atalay persönlich überzeugt. Denn es gibt sicher nicht allzu viele gläubige Muslime, die ihre Kinder in eine katholische Schule schicken und ihren Verwandten, wenn die nach Köln kommen, erstmal den Dom zeigen.GeschlechtertrennungDie Teenager aus Recklinghausen und Sindelfingen durften also kommen, und nun haben sie ihre Schlafsäcke unter einem Bild von Mekka ausgerollt. Doch wie man es von Kahraman Atalay erwarten konnte, hängt in der Herberge der Katholiken auch eine Deutschlandfahne an der Wand. Atalay richtete sogar einen Computerraum für die jungen Pilger ein, damit sie im Netz Verbindung zur ihren Eltern halten können. In der Moschee schlafen nur die Jungen aus der Pilgergruppe, die Mädchen übernachten in einer Niederkasseler Schule. Diese Trennung ist jedoch auch in katholischen Pilgerlagern an vielen Orten üblich.Einer der jungen Männer aus Recklinghausen zeigte sich anfangs etwas erschrocken, als er hörte, er solle in einer türkischen Gemeinde unterkommen. Allerdings aus einem besonderen Grund: "Die sind doch so streng", sagte der Teenager - und fürchtete um sein Kirchentagsvergnügen. Atalay hat ihn beruhigt: "Wir machen euch keine Auflagen, nur die eine: Im Gebetsraum müsst ihr die Schuhe ausziehen." Dann haben Atalay und seine Gemeindemitglieder die jungen Katholiken noch auf ein paar Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen hingewiesen. "Dazu gehört ja, dass die Katholiken eigentlich auch fünf Mal am Tag beten sollten."Kahraman Atalay sagt über seine türkische Gemeinde: "Wir sind Otto Normalbürger." Und so wird es ihn freuen, dass die jungen Katholiken, die in seiner Moschee leben, nun sagen, sie lernten den Islam hier so kennen, wie er wirklich sei, friedlich und gastfreundlich. Denn darum ging es Atalay ja, irgendwie ein Zeichen zu setzen gegen die Gleichung: Islam ist Terror. So wie er es auch am 3. Oktober wieder tun wird, wie jedes Jahr am Feiertag der Deutschen Einheit wird er in seiner Moschee einen Tag der offenen Tür veranstalten. Und wieder einmal wird er wohl das einlösen, was die Deutschen von den Muslimen erwarten: Er wird sich von Terror aller Art distanzieren. Und doch muss der türkische Mann aus Niederkassel damit leben, dass ein Rest Reserve bei den Deutschen bleiben wird. "Es ist ein schönes Zeichen auf Zeit", hatte ein Pfarrer gesagt, der Atalays junge Gäste in Köln begleitet - "aber es gibt noch Klärungsbedarf, und zu einem weltweiten friedlichen Miteinander ist es noch ein langer Weg." Immerhin, Kahraman Atalay ist schon mal ein Stück voran gegangen.------------------------------Keine DrogenDrogen und Alkoholexzesse sind beim "christlichen Woodstock" in Köln kein Thema. "Die jugendlichen Pilger pflegen eine zivilisierte Eventkultur, die ohne Drogenrausch und Alkohol auskommt - im Unterschied zu Love-Parade oder Karneval", lobte Johannes Freiherr Heereman, Präsident des Malteser Hilfsdienstes, die 400 000 Teilnehmer des Weltjugendtags. Sie schöpften ihre Begeisterung aus dem Glauben. Am meisten werde Wasser und Cola getrunken.Late-Night-Talker Harald Schmidt hat als Überraschungsgast das internationale Begegnungszentrum "feel the spirit" auf dem Weltjugendtag besucht. Besonders interessiert zeigte er sich an einer Foto-Aktion, bei der sich drei Jugendtags-Besucher aus drei Nationen zusammen als Heilige Drei Könige ablichten lassen können. Schmidt posierte gemeinsam mit zwei Pilgerinnen aus Südafrika und Weißrussland.Nur jeder zweite der zur Abschlussmesse am Sonntag fast 9 000 erwarteten Priester erhält ein eigens dafür entworfenes Messgewand. Die Zahl der Anmeldungen sei unerwartet stark gestiegen. Es sei zu spät gewesen, weitere Gewänder in Auftrag zu geben, so die Veranstalter. Zum Ersatz könnten die Priester in weißen Untergewändern, so genannten Alben, mitfeiern. Dazu lägen 4 000 goldgelbe Stolen bereit.Über Nacht baut die Stadt Köln einen Zusatzbahnsteig am Neumarkt. Der 60 Meter lange Holzbahnsteig in Richtung Stadion soll einen schnelleren Transport der Jugendlichen ermöglichen, so die Kölner Verkehrsbetriebe. Bei der An- und Abfahrt zu den Eröffnungsgottesdiensten mit etwa 285 000 Teilnehmern hatte es starke Behinderungen gegeben.Kritik an Papst Benedikt XVI. haben Mitglieder der katholischen Basisbewegung "Wir sind Kirche" geübt. Er ignoriere die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen. "Der Papst ist weit weg von uns", so die Jugendorganisation von "Wir sind Kirche". Der Vatikan müsse sein striktes Kondom-Verbot und die ablehnende Haltung zu Homosexualität überdenken.Bundespräsident Horst Köhler besuchte in Bonn das "Global Village" der katholischen Landjugendbewegung. Er wurde mit Beifall begrüßt und musste immer wieder Autogramme schreiben. Köhler lobte das große Engagement der Jugendlichen für eine gerechtere Welt und rief sie auf, sich aktiv in die Politik einzumischen.------------------------------Foto: Kahraman Atalay ist Vorstandsmitglied der türkischen Gemeinde.