Die Geschichte ist so pikant wie tragisch: Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld ruft zum Boykott der linksalternativen taz auf. Anlaß ist eine Satire-Serie von Wiglaf Droste und Gerhard Henschel in der taz. Darin erzählen die Autoren in Trash-Manier von den Morden des "Barbiers von Bebra". Diesem Mörder fielen in den bisherigen Folgen ausschließlich DDR-Bürgerrechtler zum Opfer: Wolfgang Thierse, Markus Meckel, Jürgen Fuchs und Rainer Eppelmann. Weitere Tote sind angekündigt. Tonnenschwerer Vorwurf Zwar ist das Ganze sprachlich so überzogen, daß es selbst der verschlafenste Leser als Satire hätte erkennen müssen. Beispiel: "Bevor Rainer Eppelmann in die Schublade paßte, mußten sie erst noch die Zinkwanne abmeißeln." Oder: "Wolfgang Thierse lag rücklings auf dem Boden. Aus dem weit aufgerissenen Mund des Oppositionspolitikers ragte der Trichter einer Klarinette, die ihm von unbekannter Hand tief in den Schlund gestoßen war. Damit hatte der politische Jazzfrühschoppen im Thomas-Mann-Klub in Nordhausen ein jähes Ende gefunden."Es ist eben nicht immer alles nur Geschmackssache. Man könnte die Geschichte vielleicht mit einer flapsigen Bemerkung über die Humorlosigkeit der Deutschen abtun, wäre da nicht der tonnenschwere Vorwurf von Vera Lengsfeld, die die Serie in den Kontext von Judenpogromen rückt. Die Zeitung habe mit diesem Werk, so Lengsfeld, "literarische Anleitungen zum Mord an Andersdenkenden geliefert". Auch in der taz ist die Trash-Kunst von Droste/Henschel nicht unumstritten. So mancher Redakteur hält den "Barbier von Bebra" für geschmacklos und hätte den Text eher nicht gedruckt.Vera Lengsfeld und ihr Abgeordnetenkollege Konrad Weiß tauchten denn auch am Dienstag selber in der Berliner Redaktion der taz auf - "zum klärenden Gespräch". Sie hätte kein Interesse, gegen die taz vorzugehen, sagte Lengsfeld der Berliner Zeitung. Doch das Gespräch - von taz-Mitarbeitern wie von den beiden Grünen als "wichtig" empfunden, nahm zum Schluß, jedenfalls aus der Sicht der Journalisten, eine unerwartete Wendung. Als nämlich Vera Lengsfeld einen Brief aus der Tasche zog, der das Wappen des Bundestages trug. Mit Datum vom Montag rief sie darin zum Boykott der taz auf. Im Zugzwang Dieser Brief hatte, wie die taz nur wenig später durch ein Fax erfuhr, bereits die Runde gemacht. Darin fragte der Schriftsteller Ralph Giordano entsetzt: "Wohin driftet die taz?" Vera Lengfeld sagt, von ihr habe Giordano nichts erfahren, sie habe das Schreiben nur "innerhalb der Grünen Bundestagsfraktion" verschickt. Was für die taz-Redakteure Erpressung war, bezeichnet Vera Lengsfeld als "Notwehr: Ich muß meine Freunde doch verteidigen." Die taz jedoch sah sich dadurch in Zugzwang. "Nun mußten wir die Auseinandersetzung öffentlich machen", so Redakteur Lau, "um sie nicht am nächsten Tag in der FAZ zu lesen." Jörg Lau: "Die Argumente von Frau Lengsfeld, wir hätten mit diesem Text schwerkranken Menschen geschadet, wiegen auch für mich schwer. Den Vorwurf des Faschismus jedoch muß ich zurückweisen."Es ist nicht das erste Mal, daß taz- und Titanic-Autor Wiglaf Droste solchen Vorwürfen ausgesetzt ist. Schon einmal hatte er die Redaktion im Kontext ähnlicher Diskussionen verlassen. Wie vor fünf Jahren machte die taz die Debatten auch jetzt öffentlich.Die Geschichte platzt in eine der zyklischen Existenzkrisen des Blattes. Der Boykottaufruf einer Grünen trifft es besonders hart. Seit Wochen kämpft die Zeitung um 5 000 Rettungsabonnements. Vera Lengsfeld ist enttäuscht. Auch sie hatte mehrere Abos der taz verschenkt. +++