BERLIN, 7. Januar. Zehn Jahre nach dem Sturm auf die Ost-Berliner Stasi-Zentrale sind jetzt die Namen sämtlicher ehemaliger MfS-Mitarbeiter im Internet abrufbar. Eine unbekannte Berliner Gruppe hat das so genannte Finanzprojekt der Stasi auf einer eigenen Internetseite unter der Adresse "www.nierenspende.de" veröffentlicht. Unter der Überschrift "Ministerium für Staatssicherheit", illustriert mit einem Kampforden des Mielke-Ministeriums, bietet ein "Zentralregister" eine Liste mit rund 100 000 Namen von Stasi-Mitarbeitern zum Herunterladen an. Aus der jedem Namen beigefügten DDR-Personenkennzahl ist ein Rückschluss auf das Geburtsdatum möglich. Zudem gibt die Liste Auskunft über das damalige Jahreseinkommen (Stand 1989) des jeweiligen Mitarbeiters und nennt in verschlüsselter Form seine Diensteinheit.Die Liste war erstmals im Frühjahr 1991 in Auszügen von der Zeitung "die andere" veröffentlicht worden. Grundlage dafür bildete das so genannte Finanzprojekt des MfS, eine Datei, die vom damaligen Berliner Bürgerkomitee in der Rechnungsabteilung der Stasi-Zentrale entdeckt und entschlüsselt worden war. Als das Bürgerkomitee davon erfuhr, dass die Datei aus seinen Reihen heraus für eine sechsstellige Summe an den "Spiegel" verkauft worden war, beschloss man eine umgehende Sonder-Veröffentlichung in der Zeitung "die andere". Damit war die geplante Top-Story des Hamburger Nachrichtenmagazins geplatzt.Die damalige auszugsweise Veröffentlichung der Liste "die andere" hatte zunächst die 2 000 Spitzenverdiener des MfS aufgeführt führte 1991 zu heftigen öffentlichen Diskussionen. Betroffene fürchteten "Mord und Totschlag", Bürgerrechtler und DDR-Politiker begrüßten die Veröffentlichung. Datenschutzrechtliche BedenkenAuch heute ist die neuerliche Veröffentlichung der Namen nicht unumstritten. Johann Legner, Sprecher der Gauck-Behörde, führt vor allem "datenschutzrechtliche Bedenken" an. "Wir würden die Liste in dieser undifferenzierten Form nicht veröffentlichen, weil dies vom Stasi-Unterlagengesetz nicht gedeckt wäre", sagte er dieser Zeitung. Beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz sieht man in der Veröffentlichung der Liste einen Verstoß gegen das Teledienste-Datenschutzgesetz. "Es sei denn, jede der veröffentlichten Personen hat mit dem Betreiber der Internet-Seite einen privaten Vertrag geschlossen, in dem er sein Einverständnis erklärt hat", sagte die Sprecherin des Bundesbeauftragten, Helga Schuhmacher. "Aber das kann ich mir nicht vorstellen." Jetzt kümmert sich der Berliner Landesdatenschutzbeauftragte um den Fall.i www.nierenspende.deVERÖFFENTLICHUNG Nach Bezirken oder Anfangsbuchstaben // Ein Berliner hat die "Nierenspende"-Seite angemeldet.Ein Internetcafé in Berlin stützt den Provider, über den die Seite läuft.Die komplette Liste ist ebenso abrufbar wie eine nach Bezirken oder Anfangsbuchstaben der Namen geordnete Übersicht.