Eine Unbekannte: die Fotografin Elsa Thiemann im Bauhaus-Archiv: Lebenswerk im Schuhkarton

Nachdem im Verborgenen Museum Berlin jüngst die experimentellen Aufnahmen der Metallkünstlerin Marianne Brandt wiederentdeckt werden konnten, lenkt das Bauhaus-Archiv ab heute den Fokus auf eine weitere aus dieser Schule hervorgegangene Fotografin, die noch der Wiederentdeckung harrt: Elsa Thiemann (1910-1981) wird hiermit die erste Einzelausstellung überhaupt ausgerichtet.Die in Berlin aufgewachsene Elsa Thiemann, geborene Franke, kam 1929 an das Bauhaus Dessau, um bei Walter Peterhans zu studieren. Die Fotografie war gerade erst auf den Lehrplan genommen worden - nicht als eigenständiges Fach, sondern der Reklameabteilung untergeordnet, was ihren damaligen Stellenwert als Werbemedium deutlich macht. Hier lernte Elsa ihren späteren Ehemann Hans Thiemann kennen, der in Kandinskys Malklasse ausgebildet wurde. Wenn sie nicht den Alltag am Bauhaus dokumentierte, lichtete sie ihn ab, anfangs in rbohèmehaften Inszenierungen; über die Jahre entstand eine Serie von Doppelporträts, die das Paar - repräsentativ gesetzt oder in Liegestühle hingegossen - in seinem Verhältnis zueinander untersuchen.Zu sehen in der Ausstellung sind ebenfalls die Muster, die Elsa Thiemann für das früher erfolgreichste Bauhaus-Produkt, die Tapete, kreierte. Ihre Entwürfe jedoch - von Fotogrammen übernommene und wenig abstrahierte Ranken, Früchte und Blütenstängel - wurden niemals realisiert: Dem Zeitgeschmack entsprach nicht mehr das Ornamentale, sondern schlichtfarbige, anstrichähnliche Texturen. Mehr Anklang fand Thiemann mit ihren "Rätselbildern", welche schon damals gern in Zeitschriften veröffentlicht wurden: Detailaufnahmen von den Dingen des alltäglichen Gebrauchs, die durch die Nahsicht auf ihre Strukturen verfremdet sind.Nach 1931 arbeitete Thiemann als freie Fotografin und Reporterin. Sie zeigt in ihren flaneurhaften und immer leicht distanzierten Aufnahmen das Leben in ihrer Stadt; der Bogen reicht vom Sommer-Getümmel am Wannsee und spielenden Kindern in Neukölln bis hin zu den Ruinen von Berlin nach Kriegsende und dem Wieder-Fuß-Fassen der kleinen Leute. 1960 ging sie mit ihrem Mann, der dort eine Professur angenommen hatte, nach Hamburg. Und sie gab, dem eigenen Werk gegenüber schon immer kritisch eingestellt, ihren Beruf auf. Die Retrospektive des Bauhaus-Archivs mit rund 100 Exponaten der Jahre von 1930-1960, überwiegend Vintage Prints, wäre umfangreicher kaum zu gestalten gewesen: Elsa Thiemanns Nachlass passt in einen Schuhkarton, auch er ist ausgestellt.Ausstellung bis 6. Juni im Bauhaus-Archiv (Klingelhöferstr. 14); tgl. außer Di 10-17 Uhr, Katalog sechs Euro.Foto: (3) Beliebt in Zeitschriften: die Detailaufnahmen der Rätselbilder (oben Löffel, in der Mitte Grammofon-Nadeln, unten eine Küchenreibe).