Selbst wenn man wollte, man dürfte nicht hinein. "Privaträume - kein Gewerbebetrieb oder Einrichtung gem. Gaststättenverordnung" steht auf einem Blatt Papier, das an der Scheibe klebt. Die Fenster des "Oriental Temple" sind mit einer Folie überklebt, dahinter erkennt man schemenhaft die Schatten von Shishas, orientalischen Wasserpfeifen. Die Mitglieder des Vereins "Oriental Temple" möchten offenbar unter sich bleiben. Das ist die Botschaft des Fotos von Loredana Nemes.Anfang 2008 begann die Fotografin, über die orientalischen Männercafés nachzudenken. Jeden Tag fuhr sie auf dem Weg von ihrer Neuköllner Wohnung in ihr Kreuzberger Atelier an ihnen vorbei. Türkische Cafés, arabische Teestuben, syrische Kulturvereine. In den sogenannten Problembezirken findet man sie an jeder Ecke. Sie heißen Harem, Mercan Kulturverein oder - ganz deutsch - Panniertreff. Mit kaltem Neonlicht, Postern von Fußballmannschaften an den Wänden und Shishas auf der Fensterbänken wirken sie wie eine Mischung aus Eckkneipe und Tausendundeiner Nacht. Hineingehen? Ausgeschlossen, als Frau und kulturell nicht Zugehörige. Das Fremdartige der Orte reizte die aus Rumänien stammende Fotografin. Sie begann zu recherchieren. Systematisch fuhr sie mit dem Fahrrad die Straßen ab, markierte die Lokale mit roten Punkten auf ihrem Stadtplan, suchte nach Gemeinsamkeiten.Zuerst fotografierte sie nur die Cafés, mit einer alten, großformatigen Linhof-Kamera, von außen bei Nacht. "Die Nacht steigert den Voyeurismus", sagt Loredana Nemes. Keine Spiegelung der Umgebung lenke dann noch ab. Wie Lichtaquarien mit überscharfen Kontrasten stechen die Lokale auf ihren Fotos aus der Dunkelheit hervor."Beyond", also außerhalb oder jenseits, lautet der Titel der Ausstellung, die das Museum Neukölln nun präsentiert. Die Bilder zeigen etwas, was sich fernab unserer Wahrnehmung abspielt: Hinter Grenzen, kulturellen, aber auch visuellen, denn die Cafés sind mit Sichtschutzfolien, Gardinen, Jalousien und Grünpflanzen vor neugierigen Blicken geschützt. Nemes lässt den Betrachter zum Voyeur werden, doch zeigt sie ihm nicht mehr als das, was er auf der Straße sieht. "Ich möchte Bilder schaffen, in denen der Raum in den Köpfen der Betrachter größer ist als der auf dem Foto."Durch ihre Arbeit kam die die 38-Jährige in Kontakt mit den Cafébesuchern und so auch auf die Idee, diese zu fotografieren. Wie Geister blicken die Männer durch Milchglas und Gardinen in die Kamera. Es sind rätselhafte Nahaufnahmen, Porträts die mehr verdecken als preisgeben. Die Muster der Sichtschutzfolien verpixeln förmlich die Gesichtszüge, ein Spiel mit Schärfe und Unschärfe. Die Beine einer Stubenfliege erkennt man deutlicher als die schemenhaften Gesichter. Die Scheiben sind für Nemes ein Ausdruck der Fremdheit, der Ängste, der Zuschreibungen. Auf die Frage, was dahinter geschieht, welche Männer sich hier verbergen, gibt sie keine Antwort. Ihr Projekt sei ein künstlerisches, kein dokumentarisches, erklärt sie, und dass sie damit die Grenzen zwischen den Kulturen aufzeigen wolle.Wer in Neukölln lebt, kennt diese Grenzen. Die Männercafés gehören hier zum Straßenbild wie Spätkaufs und Dönerbuden. Von außen hineinzuschauen hat wahrscheinlich schon jeder versucht. Hineingegangen sind die wenigsten. Viele der Männer in den Lokalen, denn Frauen dürfen höchstens kellnern, verbringen hier ihren ganzen Tag: trinken Tee, rauchen, spielen Karten oder schauen Fußball. Für sie, so scheint es, sind die Cafés erweiterte Wohnzimmer, ein Stück Vertrautheit in der Fremde. Loredana Nemes' Porträts spiegeln unseren Blick auf diese Männer. Der Effekt der Klebefolie wirft die Frage auf, wer eigentlich der Mensch dahinter ist.-----------------------"Beyond - Berliner Männerwelten", Fotografien von Loredana Nemes, Ausstellung im Museum Neukölln, Alt-Britz 81, bis 20.2.2011, Vernissage heute 19 Uhr.Katalog: Loredana Nemes, Beyond, Hatje Cantz Verlag 2010. 112 S., 39,80 Euro.------------------------------Foto: Wie Lichtaquarien in der Berliner Nacht. Was treiben die fremden Männer da drinnen?Foto: Kemal, Neukölln, 2009