BERLIN. Am 3. August sieht sich der Leiharbeiter Ralf Schmitz* endlich am Ziel. Nach ungezählten Bewerbungen bietet ihm ein Berliner Altenheim eine feste Stelle als Pflegehelfer an. Zeitarbeit ist eine Brücke in reguläre Beschäftigung - dieses Politikerversprechen ist für Schmitz wahr geworden. Glaubt er. Doch aus dem Wechsel wird nichts. Schuld ist eine Vereinbarung zwischen seinem Arbeitgeber und dem Heim-Betreiber: Die Zeitarbeitsfirma hat Anspruch auf eine Vermittlungsprovision, wenn der Leiharbeiter von seinem Einsatzbetrieb übernommen wird. Schmitz kann es kaum fassen, dass für ihn eine Ablösesumme gezahlt werden soll: "Ich bin doch kein Fußballer."Der Berliner hat früher auf dem Bau und bei Umzugsfirmen malocht. Als er die schwere körperliche Arbeit nicht mehr machen kann, lernt er Bürokaufmann. Doch er findet in diesem Beruf keine Stelle. Stattdessen wird er als Ein-Euro-Jobber in einem Seniorenheim eingesetzt. Zunächst ist er skeptisch, doch dann stellt er fest: Die Arbeit macht ihm Freude. Also absolviert der 49-Jährige einen Kurs und sucht eine Stelle als Pflegehelfer. Er schreibt jede Menge Bewerbungen, vielleicht 100, vielleicht noch mehr.Im Sommer 2010 fängt er bei einer Zeitarbeitsfirma an. Er wird alle paar Tage in einem anderen Heim eingesetzt. Wann er Dienst hat, erfährt er oft sehr kurzfristig. Schmitz will dauerhaft in einer Einrichtung arbeiten - und sucht deshalb weiter eine feste Stelle.Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Am 1. August wechselt Schmitz zu Randstad, dem Marktführer in der Zeitarbeit. Er wird in einem Haus des Paritätischen Seniorenwohnens (PSW) in Berlin eingesetzt. Dort hat er sich schon im Juni um eine Stelle beworben. Am 3. August ist es soweit: Die Heimleitung bietet ihm eine Festanstellung an, die wie üblich zunächst auf zwei Jahre befristet ist. Er kann schon am 8. August beginnen. Kein Problem, denn Schmitz hat eine Kündigungsfrist von einem Tag. Doch sein Arbeitgeber rät ihm abzuwarten.Am 4. August findet ein Gespräch zwischen Randstad und der Heimleitung statt. Es geht darum, welches Vermittlungshonorar die Zeitarbeitsfirma von dem Heim erhält, wenn der Pflegehelfer wechselt. Mit dem Kundenunternehmen sei vertraglich vereinbart, dass ein Vermittlungshonorar von 16 Prozent des Jahres-Bruttoeinkommens fällig wird, sagt eine Randstad-Sprecherin der Berliner Zeitung. Das Honorar werde immer geringer, je länger der Mitarbeiter im Einsatz sei. Nach einem Jahr entfalle es komplett.Bei Schmitz hat Randstad Anspruch auf den vollen Satz. Zunächst ging es um rund 3500 Euro, sagt eine mit dem Fall vertraute Person. Randstad nennt keine Summe, die Sprecherin betont vielmehr: Das Heim habe deutlich gemacht, dass es keinerlei Vermittlungshonorar zahlen wolle.Gewerkschaft: Kein EinzelfallRandstad habe daraufhin schriftlich einen Kompromiss-Vorschlag gemacht: Wenn das Heim Schmitz für drei Monate durchgehend über den Personaldienstleister beschäftigt, kann er anschließend ohne Vermittlungshonorar in die Direkteinstellung wechseln. Doch auch das lehnte die Senioreneinrichtung ab.Es gebe genug Pflegehelfer, deswegen könne man sich nicht auf eine Ablösesumme einlassen, erklärt eine Vertreterin der Heimleitung. Rechtlich habe sich Randstand einwandfrei verhalten. Ob man in jedem Einzelfall auf das Honorar bestehe, sei eine andere Frage. Auch die Drei-Monats-Lösung hätte Mehrkosten verursacht, denn für das Heim seien "Leasingkräfte" teurer als Festangestellte. Das mag verwundern, ist aber plausibel. Denn in der Pflegehilfe haben Leiharbeiter ebenso wie Stammbeschäftigte Anspruch auf den Mindestlohn von 8,50 Euro. Der Stundensatz, zu dem sie verliehen werden, ist Insidern zufolge viel höher.Ein Vermittlungshonorar verlangen auch andere Zeitarbeitsfirmen. Kommt es häufiger vor, dass die Gebühr zur Einstellungshürde wird? Ihr sei nicht bekannt, dass es schon öfter Probleme gab, sagt die Randstad-Sprecherin. Ähnliches ist von dem Personalvermittler Manpower zu hören. Die IG Metall vermutet dagegen, dass Ablösesummen häufiger ein Handicap bei der Übernahme von Leihkräften sind. Das sei aber schwer zu belegen, so eine Sprecherin. Denn oft bekämen die Beschäftigen gar nicht mit, wenn es Streit über die Provision gibt.Ralf Schmitz ist weiterhin Leiharbeiter. Kann sich Randstad vorstellen, aus Kulanz ganz auf ein Vermittlungsentgelt zu verzichten, wenn Schmitz noch einmal eine Stelle angeboten wird? "Wir wollen einer Übernahme nicht im Wege stehen", betont die Sprecherin. Doch die Provision habe gute Gründe: Sie werde verlangt für den Rekrutierungsaufwand, zu dem etwa Bewerbersuche, Vorstellungsgespräche und vertragliche Regelungen gehörten. Ein Komplett-Verzicht wäre auch unfair gegenüber anderen Kunden. Deswegen sei dies auch in diesem Fall nicht möglich.*Name von der Redaktion geändert------------------------------Provisionen in der ZeitarbeitDer Trend: Zeitarbeitsfirmen verlangen immer öfter eine Vermittlungsprovision, wenn ein Leiharbeiter auf einen festen Job im Einsatzbetrieb wechseln will. "Das setzt sich immer stärker durch", sagt Thomas Schonscheck, Vermittlungsexperte bei der Zeitarbeitsfirma Manpower. Denn der Aufwand für die Rekrutierung von Personal sei größer geworden.Preise: Manpower verlangt als Standardrate 20 Prozent des Bruttojahresgehalts, wenn der Einsatzbetrieb einen Zeitarbeiter übernehmen will. Dies gilt für den ersten Monat. Je länger der Leiharbeiter beschäftigt ist, umso niedriger ist die Provision. Nach zwei Jahren entfällt sie ganz, erläutert Schonscheck. Randstad verlangte früher 16 Prozent des Jahresgehalts. Der Tarif wurde inzwischen geändert: Jetzt gelte eine Provision von zwei Monatsumsätzen, die man mit dem Zeitarbeitnehmer erwirtschafte, erklärt eine Sprecherin. Wie bisher reduziere sich das Honorar nach und nach und entfalle nach einem Jahr.Rechtliche Lage: Das Gesetz erlaubt Vermittlungsprovisionen, wenn sie "angemessen" sind - ein dehnbarer Begriff.Verbreitung: Manpower-Experte Schonscheck glaubt zwar, dass die Provisionen im Kommen sind. Allerdings dürften die meisten Leiharbeiter immer noch ohne Ablösesumme wechseln. Die Quote der "entgeltlichen Übernahme" betrage "noch nicht 50 Prozent".