LEIPZIG, im April. Zuerst war da die Sache mit dem VW Golf, grün, Kennzeichen L-GG 5096. Ulrich Ingenlath hatte den Firmenwagen geparkt und den Schlüssel in den Hausbriefkasten seines Betriebsleiters geworfen, der auf Dienstreise war. Dann war der Golf weg, gestohlen. Ingenlath ein Dieb? Eine Woche später kam ein anonymer Brief: "Sie sollten berücksichtigen, dass Sie ein echtes Glaubwürdigkeitsproblem haben. Warum eigentlich, Herr Ingenlath, warum bleiben Sie noch?"Ulrich Ingenlath erzählt das ganz freundlich, er ist ein ruhiger Mensch Ende 30. So ruhig, dass es einen überrascht. Denn in Internetforen scheint es einen anderen Ingenlath zu geben. Einen, den man ein bisschen verrückt nennt. "Nichts dagegen, wenn Sie das schreiben", sagt er. Eigentlich denkt er aber, dass es in Leipzig ein wenig verrückt zugeht. Vor allem bei dem Thema, zu dem er sich äußert in den Internetforen. Es geht um den Betrieb für Beschäftigungsförderung, den "bfb". Hinter dem Kürzel steckt, so sieht das Ingenlath, einer der größten Fördermittelskandale im Osten. Über den rede nur keiner. Der Erfinder des Betriebs wird sogar vielfach gerühmt. "Der würde das bringen" - so lobte die Dohnanyi-Kommission bei der Vorlage ihrer Schreckensbilanz zum Aufbau Ost den früheren Leipziger Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube von der SPD. Ein guter Krisenmanager sei er. Dabei bietet der Betrieb Stoff für eine Geschichte über das, was passiert, wenn unkontrolliert Fördermillionen fließen. Er bietet aber auch Stoff für eine dieser Kohlhaas-Geschichten, weil Ingenlath, er stammt aus einem niederrheinischen Dorf, den stillen Fortgang der Dinge in Leipzig früh gestört hat. Damals, als der Golf weg kam und der Drohbrief eintraf, 2001 war das, arbeitete Ingenlath im "bfb". Der kommunale Eigenbetrieb bezeichnete sich gern als größter Arbeitgeber Ostdeutschlands. Zeitweise beschäftigte er mehr als 8 000 Menschen - ABM-Kräfte und Sozialhilfeempfänger. "Gegen Massenarbeitslosigkeit hilft nur Massenarbeit", fand Betriebsleiter Matthias von Hermanni, als er Anfang der neunziger Jahre mit Lehmann-Grube aus Hannover kam. 90 Prozent der industriellen Arbeitsplätze waren in Leipzig weggebrochen. Lehmann-Grube wollte die Stadt mit Neuer Messe und neuem Flughafen in ein Dienstleistungszentrum umwandeln. Das brachte Fördermillionen von Bund und Freistaat, aber nicht genug Arbeitsplätze. Dafür war Hermanni zuständig. Er entdeckte viele Betätigungsmöglichkeiten. "Wir stellen einfach hinter jede Sau einen Sozialhilfeempfänger", begründete er zum Beispiel den Aufbau von ökologischen Stadtgütern. Für die Höfe gab es auch Millionen, vom Arbeitsamt. Hermannis Kreativität sollte der Stadtkasse nutzen. Nach ein paar Monaten im "bfb" hatten zwangsverpflichtete Stütze-Empfänger wieder Anspruch auf Arbeitslosengeld aus den Kassen des Bundes. Dem Mittelstand nutzte der Betrieb weniger, war er doch ein kleiner Konzern mit Bauhof, KfZ-Werkstatt, Druckerei und Ferienheim. Er führte, meist ohne Ausschreibung, Bauaufträge für die Stadt aus. "Planwirtschaftliche Politik zu Lasten der marktwirtschaftlich Tätigen", schimpften die Kammern. Trotzdem galt das ABM-Kombinat als Modell und fand sogar Eingang in eine Rede von Kanzler Helmut Kohl.Als Ulrich Ingenlath antrat, wurde gegen Hermanni wegen Untreue ermittelt. Der Europäische Sozialfonds wollte ein paar Fördermillionen zurück. Das Stadtoberhaupt hieß nun Wolfgang Tiefensee. Es gab zwei neue Betriebsleiter, einen von der SPD und einen von der CDU - ganz nach dem "Leipziger Modell", das in Krisenzeiten Konsens über Parteienstreit stellt. Seit 1994 hatten Prüfer fehlende Nachweise für die Verwendung der Fördergelder gerügt. Jetzt musste der Stadtrat 15 Millionen Mark bewilligen. Der "bfb" war pleite. Die Welt hatte sich also geändert, aber wiederum auch nicht so sehr. Ingenlath hat das nicht gleich gemerkt. "Ich hab mich nur gewundert, dass man mir erst keine Visitenkarte geben wollte und dann sagte: Zeigen Sie die nicht so oft." Er war als Referent der Betriebsleitung eingestellt. Auf ABM-Basis. Übergangsweise, versicherte sein Chef, der Mann von der SPD. Später erfuhr er, dass seine Stelle als Jugendbetreuungs-Maßnahme lief. Man scherte sich noch immer wenig darum, wofür das Geld vom Arbeitsamt bewilligt wurde. Auch nicht um andere Vorschriften wie "Zusätzlichkeit". Zusätzlich, also keine Pflichtaufgabe der Kommune und damit förderfähig, war in Leipzig noch immer ganz viel: Beispielsweise zog der Betrieb ein neues Tierheim hoch. Ingenlath: "Im Rathaus, im Arbeitsamt, im bfb - jeder wusste, dass Leute regelwidrig eingesetzt waren." Das Arbeitsamt kam dann doch kontrollieren. Als das Tierheim fast fertig war.Für Ingenlath war das ein Problem. Ein anderes: Für Jobs, die zehn Zeitarbeitsfirmen auf drei Veranstaltungen des "bfb" anboten, interessierten sich nur 40 Beschäftigte. Selbst die sagten: "Wir wollen unsere Stelle beim bfb behalten." Im Intranet erinnerte Ingenlath deshalb daran, dass ABM als Brücke zum ersten Arbeitsmarkt gedacht sei und der "bfb" kein normaler Betrieb, "sondern per Satzung eine große Durchlaufstation". Da kam der zweite Drohbrief. Ingenlath solle an seine Familie denken, vor allem an seinen kleinen Sohn. Der Mann hatte an ein Tabuthema gerührt. Er sagt: "Im bfb galt: Der Betrieb ist alles, du bist nichts. Vorgesetzte spielten damit, dass sie ABM verlängern konnten - oder auch nicht." Ingenlath hat im Prinzip nichts gegen Unterordnung. Er hat zwölf Jahre beim Bund gedient. Nach dem Studium, Staats- und Sozialwissenschaften an der Bundeswehr-Uni in München, wollte er unbedingt in den Osten. In Leipzig arbeitete er ab 1993 als Presse- und Jugendoffizier. "Eine Traumverwendung." Die Haftung zum "bfb" verlor Ingenlath, als er Protokolle verändern sollte. "Das können wir dem Wähler nicht zumuten" war so ein Satz, der oft fiel, als feststand, dass der Betrieb nicht zu halten war. Wenn also ein Beigeordneter in einer der Krisensitzungen mit den Stadträten im Betriebsausschuss Zahlen genannt hatte, mussten die raus. Oder korrigiert werden. Ingenlath, der Protokollant, fand, das sei Betrug. Er kündigte, blieb aber bei der Stadt. Er baute eine Personalentwicklungsgesellschaft auf, die sich aus Beschäftigten des "bfb" rekrutierte und Bewerber vorauswählte für BMW - neben Porsche die erste große Ansiedlung in Leipzig.Anfang 2002 teilte der städtische Angestellte Ingenlath seine Innenansichten aus dem "bfb" der Staatsanwaltschaft mit. Er berichtete über so unangenehme Dinge wie die Studie einer kommunalen Beratungsfirma. Die kostengünstige Erledigung städtischer Aufgaben bewege sich "am Rande des gesetzlich Zulässigen", war nachzulesen, maximales Abfassen von Fördermitteln sei "kein Ziel der Beschäftigungspolitik". 17 Thesen, und alle sagten sie: Es gibt keine Beschäftigungspolitik in Leipzig. Der "bfb" ist nur die teure Illusion davon. Ingenlaths Aussage wurde im Prozess gegen Hermanni verlesen.Ein paar Tage später rief die Leiterin des Rechtsamts an: "Das hat Konsequenzen, mein lieber Junge." Ingenlath beschwerte sich schriftlich bei Tiefensee. Dass er unter Druck gesetzt werde, dass dem Stadtrat ein Minus verschwiegen werde, dass der "bfb" Rechtsbruch begehe. Was hatte er erwartet? Ein freundliches Gespräch, ein klärendes? "Eine Antwort", sagt Ingenlath. Er hat noch viele ähnliche Briefe geschrieben, erst kürzlich eine Petition an den Bundestag gerichtet. Wenn überhaupt Antworten kamen, dann quollen Sätze daraus, an denen Ingenlath abprallte. Läppische, loyale, verständnisvolle Sätze. Anfang 2003 zog dann ein Ausschuss des Leipziger Stadtrates Bilanz: Der Betrieb hatte reichlich 30 Millionen Euro Minus gemacht. Zu finanzieren aus einem Haushalt, der kaum Spielraum lässt für Investitionen. "Die Hauptverantwortung für die eingetretene Situation tragen die Oberbürgermeister." Rund 1,4 Milliarden Mark flossen in das Experiment "bfb". Was sagt so eine Zahl? Tiefensee: "Mit einem Mitteleinsatz von knapp 500 Mio. DM konnten über 900 Mio. DM Fördergelder akquiriert werden." 22 000 Menschen in Arbeit, "zumindest vorübergehend". Das Regierungspräsidium bescheinigte dem Oberbürgermeister ein verjährtes Dienstvergehen. Tiefensee hatte warnende Hinweise von Rechnungsprüfern für sich behalten. Ingenlaths Post ins Rathaus beantwortete nach zehn Monaten Wirtschaftsdezernent Detlef Schubert von der CDU. Von schonungsloser Aufarbeitung, der man sich nun widme, war die Rede. Außerdem, gewunden, vom "Verdacht der Verwirklichung von Straftatbeständen". Ingenlath, so steht es da, sei deshalb "gestattet, den zuständigen Ermittlungsbehörden alle Informationen zuzuleiten".Ingenlath hatte das, sozusagen ungestattet, bereits getan. Er zeigte einen Arbeitsamts-Mitarbeiter an, der verlangte, Fördermittelanträge ohne Datum einzureichen. Damit man sie ins Vorjahr umbuchen konnte. Die Staatsanwaltschaft stellte ein Jahr später fest, das sei rechtens gewesen. Ingenlath war da längst gekündigt, fristlos, wegen "nachhaltiger Störung des Vertrauensverhältnisses". Mitte vergangenen Jahres ist er nach Berlin gezogen. Ein CDU-Stadtrat schrieb ihm: "Gewisse Vorgänge in der Vergangenheit haben mir gezeigt, dass Rechtsverstöße und Straftatbestände nicht nur im öffentlichen Bereich, wenn sie eine erhebliche Größenordnung aufweisen, in der Regel ungesühnt bleiben." Abgeschlossen ist das Thema noch nicht. Die Justiz bleibt mit dem Betrieb befasst. Aber wird noch wegen Subventionsbetrugs ermittelt? "Dazu können wir im Moment nichts erklären", erklärt ein Leipziger Staatsanwalt. Vielleicht war ja alles gar nicht kriminell. Vielleicht war es nur Unkultur. Unkultur im Umgang mit öffentlichen Mitteln - wie Prüfer bei den Leipziger Olympia-Bewerbern feststellten. Versteht man das? Ingenlath erklärt es sich so, dass die Strukturen und die Menschen sich dem Fluss der Fördergelder anpassen. Statt umgekehrt. Seine Sache sei einfacher: "Die sind mir auf die Füße getreten. Ich dachte, es sei möglich, mit Bürgermethoden dagegen vorzugehen." Das denkt er nach wie vor. Trotzdem sagt er: "Ich muss bald aufhören, das frisst mich sonst auf." Vielleicht hört er am 18. Mai auf. Das ist der Tag, an dem entschieden wird, ob Leipzig Kandidatenstadt für Olympia 2012 wird. Ein Fest wird es geben auf dem Nikolaikirchhof. Ingenlath wünscht Glück. "Die Stadt hat Besseres verdient." Er soll an diesem Tag sein Urteil bekommen. Er hat geklagt gegen die fristlose Kündigung. Gegen die erste, die zweite, die dritte und die vierte. Ja, inzwischen sind es vier.------------------------------"Die sind mir auf die Füße getreten. Ich dachte, es sei möglich, mit Bürgermethoden dagegen vorzugehen."Ulrich Ingenlath------------------------------Foto: Ulrich Ingenlath arbeitete im Leipziger Betrieb für Beschäftigungsförderung. Das kommunale Unternehmen sah sich gern als größter Arbeitgeber im Osten.

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