PARIS. Nathalie räkelt sich auf dem Wohnzimmersofa, faltet die Hände auf dem sich wölbenden Bauch. Sie ist im sechsten Monat schwanger. Zu ihren Füßen macht es sich Bruno bequem. Versonnen blickt er auf Nathalies Bauch, als versuche er, sich das Kind vorzustellen, das die beiden haben werden. "Ein Junge wird es", sagt er. Szenen einer Ehe könnten das sein. Aber es sind Szenen eines Pacs. Die 39 Jahre alte Ärztin und der 45 Jahre alte Informatiker sind nicht frisch verheiratet. Sie sind frisch gepacst.Man könnte auch sagen, sie haben nach siebenjähriger Beziehung soeben vor dem Amtsgericht einen "Pacte civile de solidarité", einen zivilen Solidarpakt geschlossen, wie die eingetragene Lebensgemeinschaft in Frankreich heißt. Aber das geht schwer von der Zunge. In der Alltagssprache haben sich die Abkürzungen durchgesetzt, der Pacs und das Pacsen. Die altehrwürdige Académie Francaise hat beide Wörter ins Französische aufgenommen. Sie hat sich den Realitäten gebeugt. Denn die Homosexuellen zugedachte Form des Zusammenlebens hat nun einmal mitten in der Gesellschaft Fuß gefasst, ist alltäglich geworden.Vorteile bei Steuer und ErbrechtVon der französischen Regierung 1999 geschaffen, um dem Zusammenleben schwuler und lesbischer Paare vertraglichen Halt zu geben, hat sich der Pacs verselbstständigt. Zehn Jahre später ist er die Ehe light für Heteros. 94 Prozent der Pacs-Paare sind heute Mann und Frau. Auf zwei Hochzeiten kommt ein Solidarpakt, Tendenz drastisch steigend: Ein Plus von 43 Prozent weist die Statistik des vergangenen Jahres aus.Die Behörden werden des Booms kaum Herr. Wer sich pacsen lassen will, muss inzwischen mit mehrmonatigen Wartezeiten rechnen. "Der Solidarpakt taugt nicht für die Familie", hatte Jacques Chirac 2002 prophezeit. Selten lag ein Staatschef so daneben.Der Pacs scheint wie geschaffen für eine Zeit, in der Arbeitsverträge meist befristet sind, das berufliche Fortkommen Ortswechsel verlangt und Lebens- als Lebensabschnittsgemeinschaften konzipiert werden. Er ist flexibel: dreiseitiges Formular ausfüllen, unterschreiben und mit Geburtsurkunde und Personalausweis beim Amtsgericht vorlegen - fertig ist die staatlich anerkannte Lebensgemeinschaft.Soll Schluss sein, genügt eine von beiden Partnern unterzeichnete Mitteilung an die Geschäftsstelle des Amtsgerichts. Will nur ein Partner die Trennung, dauert es etwas länger. Der Gerichtsvollzieher veranlasst dann auf Antrag das Nötige gegen Gebühr. Solange der Solidarpakt gilt, genießen die Unterzeichner Privilegien, die früher Ehegatten vorbehalten waren."Wir werden nun gemeinsam zur Einkommenssteuer veranlagt", beginnt Bruno Vorteile der neuen Lebensgemeinschaft aufzuzählen. Wenn er sterbe, müsse Nathalie wenig Erbschaftssteuer entrichten und habe das Recht, ein weiteres Jahr in der gemeinsamen Mietwohnung zu bleiben. Und die Nachteile? "Sich pacsen zu lassen, ist total unromantisch, nichts fürs Herz", versichern Bruno und Nathalie unisono. "Eine Amtsstube, in der Beamte dreiseitige Formulare abstempeln und Paare darüber aufklären, wie sie miteinander problemlos Schluss machen können - nüchterner geht's nicht", sagt Nathalie. "Woher soll die Romantik auch kommen?", fragt Bruno und gibt die Antwort selbst: Kein Mensch habe mit dem Pacs-Boom gerechnet. In kurzer Zeit könne sich keine der Trauung vergleichbare Tradition herausbilden.Aber hätten die beiden deshalb heiraten sollen? "Der Einsatz wäre mir zu hoch gewesen, so viel Verpflichtung wollte ich nicht", räumt Nathalie ein, schaut fragend zu Bruno. "Ich als verheirateter Ehemann, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen", sagt auch der Partner. Eine Hochzeit wäre auf alle Fälle anders verlaufen. Denn kein Familienfest ist in Frankreich so traditionsbeladen, geht mit solchem Pomp einher, weckt derart hohe Erwartungen. Schon der Ort der Trauung signalisiert: Hier geschieht Grandioses.Der Hochzeitssaal? Als die Empfangsdame im Rathaus der Pariser Vorstadt Saint-Cloud die Frage vernimmt, geht ein Leuchten über ihr Gesicht. Stolz weist sie dem Besucher den Weg zum architektonischen Juwel des Hauses. Alles ist großartig hier oder zumindest groß: Die Spiegel sind deckenhoch, die Kronleuchter ausladend. Das Ölgemälde an der Stirnseite des Saales füllt die ganze Wand. Es zeigt Frauen, anmutige, die sich leicht bekleidet den Freuden des Lebens hingeben, wehrhafte, die nach schwer errungenem Sieg das Schwert sinken lassen. Zwischen Goldstuck und purpurrotem Samt pflegt Bürgermeister Eric Berdoati hier Brautpaaren das Ja-Wort abzunehmen. Der 45 Jahre alte rechtsbürgerliche Politiker legt dazu den schwarzen Frack an, auf dem die blau-weiß-rote Schärpe so gut zur Geltung kommt.Vor dem Rathaus schweift der Blick über die Seine und den Bois de Boulogne, die grüne Lunge von Paris. Zur Rechten erstreckt sich das lärmende Boulogne-Billancourt. In der Rue Paul Bert, einer staubigen Seitenstraße ohne Baum und Strauch, liegt das für Saint-Cloud zuständige Amtsgericht. Es ist die Anlaufstelle für Paare, die sich pacsen lassen wollen.In einem Bürobau ist sie untergebracht. Hinter der Eingangstür bremst ein mit Aktenordnern, Broschüren und Telefon bestückter Empfangstresen den Schritt. Wer den Tresen passieren darf, gelangt zu einem Metalldetektor und schließlich in einen dieser Büroflure, die überall gleich aussehen. Rathaus oder Amtsgericht? Frankreichs Paare haben die Qual der Wahl."In volkstümlichen, an Traditionen ausgerichteten Gesellschaftsschichten ist die Heirat weiterhin wichtig", erläutert die Soziologin Florence Maillochon die Vorlieben ihrer Landsleute. Tatsache sei aber, dass eine Hochzeit mit all dem Drumherum, dem Dekor, den Kosten, dem Stress, dem sozialen Druck, für jedes Paar eine schwere Prüfung darstelle. Der Pacs biete da einen Ausweg.Maillochons Kollege Jean-Pierre Le Goff sieht das ähnlich. "Der Pacs ermöglicht es, sich in einer Beziehung zu engagieren, ohne sich wirklich zu engagieren", glaubt der kürzlich mit dem Buch "Die Erfindung des Pacs" ins Rampenlicht getretene Gesellschaftswissenschaftler. Der Solidarpakt sei Ausdruck zunehmend individualistischen Denkens. Eine öffentliche Debatte über das Phänomen findet in Frankreich dennoch nicht statt. Nicht einmal die katholische Kirche scheint Anstoß daran zu nehmen, dass Pacs der Ehe ernsthaft Konkurrenz macht.Heiraten kann man immer nochAber ist der Pacs wirklich nur bedrucktes Papier, seine Unterzeichnung ein jederzeit widerrufbares Rechtsgeschäft, der Weg zum Amtsgericht ein ganz gewöhnlicher Behördengang? Dagegen spricht, dass 40 Prozent derer, die im vergangenen Jahr den Solidarpakt aufkündigten, die Flucht nach vorne angetreten und geheiratet haben. Bei so manchem von ihnen dürfte bereits die Ehe light Ausdruck von Bindungswillen, wenn nicht eine öffentliche Liebeserklärung gewesen sein."Als ich aus dem Gericht kam, hatte ich ein kleines Kribbeln im Bauch", räumt Bruno ein. "Ich hatte es schon vorher, auf der Geschäftsstelle", gesteht Nathalie. "Heiraten können wir ja später noch immer", meint Bruno. Eine Zeit lang schweigen beide. Dann schüttelt Nathalie energisch den Kopf. "Die engste Bindung sind wir doch schon vor dem Gang zum Gericht eingegangen, mit dem Baby", sagt sie und lässt die Hände liebevoll über den Bauch gleiten.------------------------------Möglich für alleIn Frankreich gibt es seit 1999 die Möglichkeit, einen "Pacte civile de solidarité" (Pacs) einzugehen. Er war für homosexuelle Paare gedacht, steht aber auch Heterosexuellen offen. Pacs-Paare können eine gemeinsame Steuererklärung abgeben, für Schenkungen gelten die gleichen Steuersätze wie für Ehepaare. In der Krankenversicherung können sich Pacs-Partner mitversichern lassen. Witwen- oder Witwerrente ist nicht vorgesehen, alle Paare unterliegen der Gütertrennung. Kinder zu adoptieren ist nicht ohne Weiteres möglich. Während die Zahl der Eheschließungen kontinuierlich sinkt, stieg die Zahl der Pacs-Verbindungen (siehe Grafik).In Deutschland gilt seit Februar 2001 das Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft, umgangssprachlich Homo-Ehe. Es gilt ausschließlich für Menschen gleichen Geschlechts. Sie haben zahlreiche Rechte und Pflichten wie Ehepartner, aber keine Vorteile bei der Steuer. 2007 gaben im Mikrozensus 15 000 gleichgeschlechtliche Paare an, eine Lebenspartnerschaft geschlossen zu haben.Laut Grundgesetz stehen Ehe und Familie unter besonderem Schutz des Staates. Darauf berufen sich Gegner der Homo-Ehe, die mehrfach das Bundesverfassungsgericht anriefen. Das entschied zuletzt im Oktober, es sei "nicht begründbar, aus dem besonderen Schutz der Ehe abzuleiten, dass andere Lebensgemeinschaften im Abstand zur Ehe auszugestalten und mit geringeren Rechten zu versehen sind".------------------------------Grafik: Der Erfolg des Pacs in FrankreichGrafik: Pacs-PartnerschaftenFoto: Keine große Feier und ein Erinnerungsbild mit Selbstauslöser - obwohl "pacsen" als unromantisch gilt, entscheiden sich immer mehr Paare dafür.