Der Kampf tobt auf einem purpurroten Spielfeld aus weichem Webflor. Runde und rechteckige Markierungen sind deutbar als Tore, als Strafraum, als Spielfeldmitte. Diese geometrische Aufteilung lässt freilich zugleich auch an Planeten und Koordinaten im Weltall denken. Durch die Mitte des Bildganzen geht eine scharfe vertikale Linie. Aber Linien gibt es im echten Kosmos nicht, dafür Spiralnebel, Milchstraßen, Sonnensysteme, Sterne, Trabanten. Und gefährliche Meteoriten. Außerdem von Menschen hochgeschickte Raumschiffe und Raumstationen.Weltbilder und KampfbilderEine dieser seltsam sanftaggressiven Szenen der vor 37 Jahren im türkischen Van geborenen Künstlerin Nevin Aladag steht auf zierlichen schwarzen Holzfüßchen, sachte gelehnt an die weiße Wand der Galerie Wentrup. Andere tafelbildhafte Gewebe-Collagen hängen sich gegenüber, schicken einander ihre merkwürdigen suggestiven ornamentalen Signale.Hier wurde nicht gemalt, sondern gewebt, Gewebtes geschnitten und zu Collagen verklebt. Nevin Aladag hat mit ihrer eigenwilligen Formensprache und Materialästhetik mittlerweile in ganz Europa Ausstellungen realisiert. Ihr Konzept aus Spiel und Alltag trifft offensichtlich den zeitgenössischen Nerv, schließlich macht sie aus orientalischem Teppichmaterial, das heißt, aus Versatzstücken dieser traditionellen Ware, gewissermaßen Weltbilder, Spielfelder, Kampf-Felder.Tradition kämpft mit der Moderne, Naher Osten mit dem Westen, Farbfelder gegen harte Linien, Kreise gegen vertikale Streifen und Rechtecke. Und Ränder gegen die zum bollwerkhaften Rund geschnittene Mitte. Aladags Teppichcollagen aus feinem Wollflor, darauf appliziertem kostbar wirkenden, harmonisch-farbigen Ornamentgeweben und kunstvollen Kelim-Stücken, aber auch profanem, pragmatischem, billigem Polyestergewirk und robusten Sisalteilen wie aus dem Ikea-Regal sehen aus wie Basketballfelder. Die Grenzen und Markierungen sind allesamt irritierend schön mit Ornamentgewebe verziert, von daher wie mit einer verführerischen Tausendundeiner-Nacht-Poesie überzogen. Und doch geht es um Kampf: ums Siegen oder Verlieren.Es geht um die Konfrontation von Mustern: Lebensmustern, Kulturmustern, Denkmustern. Um gesellschaftliche, also familiäre, politische, soziale, auch juristische und religiöse Regeln, die nicht leicht oder gar nicht vereinbar sind. Wie um das nachdrücklich zu unterstreichen, überzog die Künstlerin auch Bälle mit Kelim-Gewebe und mit den schönsten Mustern, die man sich denken kann: Sternenmotive, Mäandermotive. Abermals kollidieren auch in dieser Camouflage das westliche Ballspiel und die orientalische Ornamentik, stellvertretend für die soziale, politische Wirklichkeit.Die Galerie Wentrup hat sich mit Nevin Aladag zweifellos eine konsequente Konzeptkünstlerin eingeladen. Sie nimmt ihr Publikum geschickt an die Hand, bietet zuerst ornamentale, orientalische, poetischer Schönheit an - und dann geht es zur Sache: Die Muster kollidieren, schließen sich auch gegenseitig aus. Und suchen sich dennoch.Scheitern und hoffen"Pattern Matching" nennt sie ihre so sanfte wie herausfordernde Schau - "Musterabgleich". Dass sie den Begriff aus der Sprache der Gentechnik und der Informatik nimmt, ist exemplarisch für die gegenwärtige Situation, in der das Multikulti-Konzept in der Krise ist. Tausendundeine Nacht war nur ein Märchen. Doch auf Goethes West-Östlichem Divan, dieser poetischen und aufklärerischen Handlungsanleitung, sollte man sich trotz aller Gegensätze wieder einmal besinnen: "Wer sich selbst und andere kennt / Wird auch hier erkennen: Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen."-----------------------Galerie Wentrup Projects, Tempelhofer Ufer 22 (Kreuzberg). Bis 22. Dezember, Di-Sa 11-18 Uhr. Parallel zeigt die Galerie eine Ausstellung des Bildhauers und Fotomonteurs Christian Andersen.------------------------------Foto: Gewebe-Collage Nevin Aladags: "Pattern Matching Red" (2010).

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