Einige Hinweise für die Dame eines gewissen Alters: Der letzte Auftritt

Sie spüren es schon seit einiger Zeit, nicht wahr, Madame? Sie werden unsichtbar. Das hätten Sie nie gedacht, aber es ist nicht zu leugnen. Wenn Sie einen Raum betreten, ist er keine Bühne mehr. An männerreichen Baustellen kommen Sie unbeachtet vorbei, hinter Ihrem Rücken ertönt kein einziger tröstlicher Pfiff. Wann es anfing? Das ist bei jeder anders. Und unerheblich. Denn es wird sich nicht mehr ändern. Nun geht es darum, die noch verbleibende Zeit hienieden, wie lang oder kurz sie auch sein mag, bester Laune zu bestehen, sichtbar für jene, auf die es ankommt. Also für Sie selber, vor allem. Nehmen Sie sich Zeit. Schauen Sie sich aufmerksam die Gesellschaftsseiten der einschlägigen Blätter an, verweilen Sie bei den Fotos. Die Männer interessieren diesmal nicht, in den meisten Fällen haben Sie nichts versäumt, wenn Sie sie nicht beachten. Senkbäckig und plastikzähnig, die verblassten, umrunzelten Äuglein unverdrossen nach jungem Fleisch werfend: Geht uns nichts mehr an, Madame! Aber: Finden Sie das wirklich schade? Eben. Schöne alte Löwen findet man auf diesen Seiten fast nie. Von ihnen wird später noch die Rede sein. Nein, widmen Sie Ihren Altersgenossinnen, diesen Pionierinnen der ewigen Sichtbarkeit, ein bisschen Zeit. Sie werden eine Menge lernen. Und am Ende, ich verspreche es Ihnen, werden wir gemeinsam zu einem großen Einverstandensein mit uns selbst kommen. Wie sehen also die Bilder aus, die uns vorgehalten werden? Da ist zum Ersten, weil am häufigsten auftauchend, das ewige Püppi. Es lässt sich häufig von einem Kind begleiten, einem jungen Püppi, und freut sich, wenn man behauptet, die beiden seien nicht zu unterscheiden. Die alten und die jungen Püppis tragen ihre blonden Härchen gern in einer Tolle übers Hirn getürmt, sie haben dicke Mündchen und bunte Kleidchen mit allerlei Gerafftem und Gebundenem. Am Glitzern lassen sie sich ungern hindern. Alte Püppis begrüßen einander, indem sie sich beim Wangenküssen gegenseitig hinter die Ohren schauen, nach Narben. Wenn sie einen Fotografen sehen, ziehen sie die Backen ein und reißen die Augen auf. Das lernen auch ihre Töchter, noch bevor sie lesen und schreiben können. Die alten Püppis sehen oft aus, als seien sie Betreiberinnen von Etablissements, die jungen, als würden sie in solchen arbeiten. Klatschreporterinnen nennen alte Püppis strahlend und ewig jung, denn sie gehören nicht selten zum gleichen Genre. Nur sind sie nicht so bunt angezogen, gern aber ärmellos. Und das, Madame, soll uns eine erste Lehre sein: Ärmellos nicht! Niemals. Nicht die Augen aufreißen, dafür den Mund durch Lächeln beweglich halten, am Zahnarzt nicht sparen. Nicht den aufsuchen, den alle haben, sondern einen klugen, der seine Arbeit nicht jede Woche breit gefletscht in der Zeitung sehen will. Überhaupt - es bietet, Sie werden sehen, klammheimliche Freuden, wenn Sie die Einzige sind, die genau über sich Bescheid weiß. Wir müssen noch ein bisschen bei den Püppis bleiben, denn Püppis zeigen gern viel von sich her, Leib und gelegentlich auch das, was sie für Geist und Seele halten. Der Leib zunächst: Niemand denkt beim Anblick der reifen Nuditäten, die uns allenthalben so großzügig vor Augen geführt werden: Was für ein frisches Häutchen hat doch das alte Mädel! Jeder denkt: Wie hat es das gemacht? Gerafft? Gesalbt? Gute Gene? Wollen wir wirklich, dass solche Sachen über uns gedacht werden? Genügt es nicht, dass wir anständige Zähne im Mund haben, ohne sie zu zeigen? Uns wohl in unserer lebenserfahrenen Haut fühlen, ohne sie zum Markt zu tragen, auf den sie längst nicht mehr gehört? (Ob sie je hingehört hat, ist ein anderes Thema.) Püppis haben oft ein hohes Stimmchen und sind sicher, dass Männer voll Freude darauf hören. Junge Püppis neigen zum Nölen, alte zu Befehlen und zu langen Exkursen über Nicht-Püppis. Sie haben fast immer Ehemänner, denn meistens haben sie außer Heiraten nichts gelernt, sie sind aber gern öffentlich wohltätig, und das kostet Geld. Das richtige Heiraten lernen die jungen Püppis früh. Das alles, Madame, kann uns nicht weiter aufhalten, denn diesem Sichtbarkeitsmodell wollen wir nicht nacheifern. Wie wäre es dann mit Cruella de Vil? Sie wissen, Madame, diese durchaus sichtbaren Ladys, die sich entschlossen haben, Schreckensherrschaft sei besser als gar keine. Rotrotrote Münder, schwarzschwarzschwarze Haare, durchdringender Blick, gesellschaftliche A-Klasse (meistens). Outfit teuer und schwarz. Haut weiß. Normalfrauen fliehen beim Anblick von Cruella aufs nächste Klo. Welche Männer ihnen standhalten, habe ich bisher nicht ergründen können. Doch, Cruella ist eine Möglichkeit, sich in der Welt zu bewegen und sichtbar zu bleiben. Nur: Wollen Sie wirklich, Madame, dass man sich vor Ihnen fürchtet? Bedenken Sie: Die Rolle Cruella ist ungefähr so bequem wie eine Ritterrüstung. Außerdem darf man sie nie ablegen, und das ist lästig. Cruella beim Schwimmen, Rad fahren oder Tanzen: geht nicht. Cruella in wohl genährt: geht auch nicht. Mit Lachkrampf: undenkbar. Es hilft nichts, Madame, wir werden weiter nachdenken müssen: Aber wir haben ja Zeit. Die nächste Erscheinungsform unserer Altersklasse ist ein besonders heikler Fall, denn manche ihrer Protagonistinnen sind eigentlich sehr anregend. Ich meine die so genannte Schrille. Meist ist sie von einer verlässlichen Männertruppe umgeben, der sie als ungefährlicher weiblicher Mittelpunkt dient, höchst sichtbar, aber ausschließlich dekorativ. Die dahingeschiedene Lotti Huber war eine der Vertreterinnen dieser Spezies, überhaupt mutieren in die Jahre gekommene Unterhaltungskünstlerinnen gern in diese Richtung. Die hat den Vorteil, dass auch nach dem Ableben mit einem Ikonenstatus zu rechnen ist. Denken Sie nur an Zarah Leander, Madame. Aber die Entzückensschreie der Jungen, die uns ausschließlich die herbstlichen Tage erwärmen, - unseren Frühling und Sommer wollten sie nicht teilen - sind nicht sehr verlässlich. Die mögen unsereinen nämlich nur als Karikatur gern. Sonst schauen sie gar nicht erst hin. Natürlich kommt es ganz auf unsere Glaubensverfassung an, ob uns die mögliche Anbetung im Jenseits einen Haufen Arbeit im Diesseits wert ist. Allein die Schminkerei, das ständige Aufbügeln aller möglichen organischen und anorganischen Materialien, die lückenlose Organisation des gesellschaftlichen Lebens! Denn je perfekter die Schrille ist, desto unerträglicher muss sie sich mit sich allein vorkommen. Wir dagegen wollen uns doch beim Aufstehen nach einer netten, erholsamen Nacht nicht völlig fremd sein! Es ist dies einer der neuralgischen Punkte bei der Inszenierung des späten Auftritts: Können Sie gut mit sich allein sein, Madame? Denn wenn nicht, brauchen Sie eigentlich hier gar nicht weiterzulesen. Es folgen zwar noch einige Regiebeschreibungen für öffentliche Wahrnehmung, aber eher abschreckende Beispiele. Unser Ziel ist nämlich nicht der Applaus (wenngleich er sich plötzlich ergeben kann, als Nebenwirkung, wenn Sie alles richtig gemacht haben. Ohne nach ihm zu schielen. Ohne sich aufzuführen wie die eigene Enkelin.) - unser Ziel, Madame, ist, kurz gesagt, das Glück. Das friedliche, mit sich selber einverstandene Ich. Natürlich gehört dazu, wie es sich in der Welt herzeigt, dieses Ich. Wenn Sie nicht das Kleid der Bräute Christi, Uniform oder ganzjährigen Freizeitlook gewählt haben, müssen Sie sich da schon ein paar Gedanken machen. Bleiben wir also, um der Vollständigkeit willen, noch ein bisschen bei den Bunten Blättern, den Medien, kurz bei denen, die uns Vorbilder anbieten. Wenn die natürlichen und chirurgischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und klar geworden ist, dass man aus braven Schafen keine Gazellen schnitzen kann, bietet sich für den späten Auftritt immer noch das Muttibild an. Da macht es nichts, wenn man ein bisschen zugenommen hat, das Dekolletee ist meistens recht herzeigbar, und das Blöde ist nur, dass Wohltätigkeit sowie Lebensweisheit von ihr erwartet wird. Mutti hat kapituliert, man kann sich Mutti nicht mit irgendwem im Bett vorstellen. Mutti - es ist die Rede von der öffentlich sich als Mutti darstellenden, als Mutti der Nation bezeichneten Mutti - hat ihren Platz erkannt. Abseits der erotischen Bühne verteidigt sie ihr Stück sichtbare Herzigkeit und lässt sich dafür lieb haben. Tagsüber trägt sie Kostüme und Schleifenblusen. Hinter Mutti verbirgt sich oft eine echte Tragödie, weil gerade die Muttis in ihrer Jugend oft echte Feger und Nichtsanbrennenlasserinnen waren. Mutti ist eine Möglichkeit - aber bei weitem nicht die beste. Jetzt kommen wir für eine kurze Weile zu den Monumenten. Das Ober-Super-Monument heißt Sophia Loren. Gerade eben wieder gesehen! Plustermähne, unzerstörbares Lächeln in immer gleicher Mundbreite, tadellose Schaufensterdekoration, kein Gramm zu viel. Sie erweckt allerdings nicht so sehr Zuneigung als jene eingeschüchterte Ehrfurcht, die man etwa einem frisch renovierten Dom entgegenbringt. Oder den Pyramiden. (Wenn man bedenkt, damals und mit den Mitteln .) Als Vorbild taugt sie gar nicht. Erstens sahen wir nie, auch in unseren besten Zeiten nicht, wie ein Nationalheiligtum aus, von dem das Volk respektvoll bemerkt, dass offenbar jeder noch so kleine Schaden sofort beseitigt wird. Zweitens zieht auch hier das Argument, das in Abstufungen ebenso für die anderen Modelle gilt (vielleicht nicht so sehr für Mutti) - es ist eine täglich sich wiederholende titanische Anstrengung, bis man sich selber so mit Schönheit überzogen hat: Schauen Sie sich Gina Lollobrigida an! Sie ist irgendwas über siebzig und braucht abends wahrscheinlich Hammer und Meißel, um wieder Gina, wie Gott sie geschaffen hat, zu werden. Und all die Damen, die uns in den Zeitungen erzählen, ihr erstaunlich haltbares Lächeln rühre vom Genuss einer Unmenge Leitungswasser her - natürlich glauben wir das nicht, Madame. Und wenn - über Leitungswasser sind wir doch raus. Wenn wir nicht einmal das erreicht hätten! Schenken wir uns also etwas Nettes ins Glas, setzen uns in einen ruhigen, angenehmen Raum, nicht zu hell, nicht zu duster, und nehmen einen ganzen Spiegel. Den haben wir lange nicht richtig zur Kenntnis genommen, nicht wahr, Madame? Höchstens morgens zum Schminken und wenn man gerade ein weißes Haar am Kinn gesehen hat oder so. Und um zu schauen, ob der Rock nicht zipfelt, und dabei den Bauch einzuziehen. Aber ein Date mit sich selber, Madame? Das hatten Sie lange nicht, man sieht es. Oder wie konnte es Ihnen passieren, dass Sie immer noch dieses T-Shirt mit dem Tigerkopf drauf tragen? Mit Paillettenaugen! Ich bitte Sie! Machen Sie bitte Ihren Schrank auf, legen Sie alles aufs Bett und das T-Shirt gleich dazu. Was Sie jetzt anziehen sollen? Erst einmal: Eine Hose, ein Hemd oder ein T-Shirt. Ungemustert, in gleicher Farbe, alles zwischen schwarz und fast weiß ist erlaubt. Nicht ganz weiß, da sehen Sie aus wie eine dienstältere Arzthelferin. Das Weiße ist von Joop? Na und? Verstehen Sie mich bitte richtig - dies ist keine Farb- oder Stilberatung. Es interessiert mich nicht, ob Sie bei der Umfrage in Ihrer Lieblingszeitung als Sommer- oder Wintertyp bezeichnet werden. Wie viel hundert Diäten Sie in Ihrem Leben gemacht haben, ist auch gleichgültig. Auf irgendeine Weise müssen wir jetzt angekommen sein bei der Versöhnung mit uns, bei der Gelassenheit, natürlich mit Abenteuerlust und Neugier im Kopf. Auf jeden Fall aber, Madame, Sie müssen sich in Ihrer Gesellschaft wohl fühlen! Denn Sie können ihr nicht mehr so leicht entrinnen wie früher. Was das Äußere damit zu tun hat, fragen Sie? Eine ganze Menge. Man braucht nicht nur für die Bühne das Angemessene. Auch im Zuschauerraum kann man Sie sehen. Sind Sie sich jetzt im Spiegel begegnet? Sitzt das bequem, was Sie sich angezogen haben? Bequem: Das ist ein magisches Wort. Auch wenn Sie es nicht glauben, weil einen jeder Blick auf Straßen, Touristenorte oder sonstige Menschenansammlungen eines anderen zu belehren scheint: Bequem ist das Gegenteil von schlampig. Bequem ist notwendig luxuriös, darauf kommen wir noch. Bequem ist der hauchdünne Weg zwischen Zelt und Pelle, wenn Sie verstehen, was ich meine. Das Bequeme versteckt Sie nicht, aber es stellt Sie auch nicht aus. Bequem sind nur erstklassige Materialien. Auch wenn Sie jahrzehntelang dem Modemasochismus mit Kratzigem und Zwickendem gehuldigt haben, auch wenn sich Ihr Stil wöchentlich mit den Neuanlieferungen tausendfachen Designerblödsinns in den Modehäusern geändert hat, selbst wenn Sie Metallgürtel, Brikettsohlen und bauchfrei mitgemacht haben - seien Sie doch froh, Madame. Es ist vorbei, ein für alle Mal. Wenn Sie mir das nicht glauben, werden Sie lächerlich sein. Und Mitleid erregend, was das Allerschlimmste ist. Ganz nebenbei, das Tiger-T-Shirt kann weg, ja? Das ist ein schwerer Abschied, nur zu ertragen, wenn man ihn ganz allmählich vollzieht: der vom Make-up der jungen Jahre. Was uns so toll hat aussehen lassen, müsste doch immer noch taugen? Ach nein, bitte glauben Sie mir. Der Blick in die Bunten Blätter lehrt uns auch in der Hinsicht manches. Oder finden Sie wirklich, dass die Dame mit dem Braun ummalten Mund (Konturenstift! Schmeißen Sie ihn weg oder nehmen Sie ihn für Notizen) und den krähenflügelartigen Augenwinkelbetonungen richtig gut aussieht? Vor dreißig Jahren mag sie der Diskoknaller gewesen sein. (Vor nicht allzu langer Zeit gab es ein Journalistensightseeing in meiner Stadt, da waren solche Ladys dabei, unter anderem ging s auch in eine hochberühmte Disko. Am Eingang sagte ein Knabe, der nicht wusste, worum es ging, voller Entsetzen: Jetzt kommen die schon zum Sterben hierher! Das ist es, was ich meine.) Zeit ist übrigens ganz wichtig, Zeit, die Sie nicht fürs Gebrauchtwerden wegschütten. Was ich damit meine? Versuchen Sie nicht, Ihr Liebeskonto damit aufzufüllen, dass Sie für andere tätig sind. Es bringt nichts. Wenn es Ihnen Spaß macht, backen Sie Kekse für Ihre Tochter oder putzen Sie Ihrem Sohn das Rad. Aber nur dann. Nicht, damit Sie bei denen was guthaben. Zeit, um das eigene Gesicht anzugucken, sachlich, nicht ohne Zuneigung. Wir haben es jetzt halt. Wenn es immer noch nichts erzählen kann, ist es zu spät. Oder zumindest allerhöchste Zeit. Ob Sie ein anderes, ein revidiertes erkämpfen wollen - das ist eine heikle Frage. Ich kann sie nicht beantworten. Das Geplapper von der Schönheit alter Gesichter kommt mir ebenso verlogen vor wie die allfälligen Beteuerungen der öffentlichen Damen, nur der liebe Gott sei für ihre Spurenlosigkeit zuständig. Eine wirklich schöne Freundin sagte mir, sie komme sich in Amerika mit ihrem naturbelassenen Gesicht vor, als habe sie ungeputzte Zähne. Alle seien dort glatt gezogen wie Trommeln. Früher war das ja ein Upper-class-Quatsch, aber es scheint demokratisiert zu werden, wer vor Jahren noch auf ein Auto sparte, tut s jetzt für ein Lifting. Ach, dimmen wir das Licht ein bisschen. Man muss sich selber nicht mit der Gnadenlosigkeit eines Chirurgen betrachten. Wenn das der Mann des Herzens täte, müsste man ihn zum Teufel jagen. Die Freundlichkeit jedenfalls, die wir von ihm erwarten, sollten wir uns selber auch erweisen. Also, Messer oder lieber nicht? Tut mir Leid, keine Antwort. Hier jedenfalls soll nur von unblutigen Maßnahmen die Rede sein. Die Haare, Madame: Auch wenn Sie längst färben, immer dieselbe Farbe und eigentlich schon vergessen haben, was da mal war: Gönnen Sie Ihrem leuchtenden Haupte gelegentlich einen Blick: Soll s immer noch so leuchten? Ja? Na gut, wenn Sie meinen. Leider müssen Sie dann aber ein bisschen Geld ausgeben und dem Leuchten nachhelfen, bevor die Straße der Vergänglichkeit am Scheitel sichtbar wird. Hier heißt das Schreckenswort: Ansatz! Und den darf man nicht sehen. Bevor Sie also auf jeden Unfug hereinfallen, der Ihnen die angehaltene Zeit verspricht - Cremes aller Art, die ewige Jugend angeblich in Gestalt von Kaviar, Kupfer, Pfauenzungen oder Seidenwürmern reingerührt und sauteuer -, nehmen Sie lieber die blaue Dose oder etwas anderes Angenehmes und gönnen Sie sich teure Farbe aufs Haupt. Und jemand Professionellen, der sie Ihnen drauftut. Gehen wir mal wieder vor den Spiegel, stellen uns gerade hin - ja, das ist noch so eine unblutige Möglichkeit, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen: Gerade gehen und -stehen. Auch wenn s schwer fällt - krumm macht alt und traurig. Wieder müssen wir hier die ernsten Zwänge außer Acht lassen: Wenn einen ein böser Feind krümmt, ist alles andere zweitrangig. Davon können und wollen wir hier nicht sprechen, sondern nur von der ganz ordinären Faulheit und Nachlässigkeit, die uns verbiegt. Also: Nehmen Sie ein paar alte Kniestrümpfe und füllen Sie jeden mit einer großen Tasse rohem Reis. Strecken Sie sich auf dem Boden aus und schieben Sie einen Reisbeutel unter jedes Schulterblatt. Dehnen, strecken, die Entlastung spüren. Fünf Minuten! Und dann gerade gehen, stehen, Augen und Mundwinkel heben. Wetten, Sie sind lieber gerade als krumm, Madame? Sie haben Übergewicht. Tja. Wollen wir sie jetzt wirklich alle Revue passieren lassen, voll zärtlicher Nostalgie, jene Atkins und Montignacs, Eier-, Spargel-, Spagetti- (das war die netteste, nützte absolut nichts!) Diäten? Später dann die wunderbaren Kuren, Tausende von Mark für nix zu essen? Kurzfristige Fast-Sylphidenhaftigkeit? Neue Klamotten und dann doch, ein paar Wochen später, der Griff nach der freundlichen Hose mit dem Gummizug? Die Nicht-Diät, die Psychonummer, die angenehme Dauerbesäuseltheit bei Schrot? Ananas, bis der Mund franst? Ja, sind wir denn bescheuert gewesen? Nun, wie auch immer der Stand der Dinge sein mag: So ist es, das sind Sie. Wenn Sie nicht zu denen gehören, die sich in der Zielgeraden noch einmal ganz neu erfinden wollen: Mit der da im Spiegel sollten Sie sich anfreunden, Madame. Sie sollten sie mögen. Und sich, egal wie es ist, nicht mehr als zehn Prozent rauf- oder runterbegeben, gewichtsmäßig gesehen. Nehmen Sie doch den Herrn Lagerfeld als warnendes Beispiel: Möchten Sie zum Zwetschgenweiblein mutieren und sich Vatermörder um den Hals schnallen müssen, damit Ihnen der nicht auf die Füße fällt? Er findet sich schön so, auch mit den eng eingenähten Beinchen. Na gut, soll er. Zur Mode für unsereinen hat er allerdings etwas Schlaues gesagt, vor Jahren schon, aber es stimmt noch immer ganz und gar: Man solle ab dem gewissen Alter eher männlich als zu weiblich angezogen sein. Klar, herb und geradlinig macht jünger. Verspielt, gemustert und kokett macht älter. Oh, wie wahr! Warum wehren Sie sich so sehr dagegen, Madame? Ist es der gleiche Abschiedsschmerz, den Sie bei der Entsorgung Ihres blaugoldenen Lidschattens empfanden? Weil wir gerade dabei sind: Sehe ich da auf dem Bett Chiffon mit Batikmuster? Sehr nett. Und die Leopardenhosen passen Ihnen noch? Respekt! Sehr flott, diese rote Webpelzjacke, Puschelstiefel, Paillettencorsage, Taftröckchen - sogar eine Netzstrumpfhose! Wo hatten Sie die blauen Tüten? Ah, da. Danke. Sie haben doch nichts dagegen? Sehr schöner Samtblazer das. Wunderbares Rot. Der schwarze Schlitzrock ist auch gut. Diese Hose müsste ein bisschen länger gemacht werden. Wo waren wir? Ach ja, Diäten. Sollten Sie zu denen gehören, für die das ein Fremdwort ist - Sie haben gebüßt, nicht wahr? Durch den lebenslangen Neid und Hass Ihrer Mitschwestern. Lassen Sie uns einander vergeben, Madame! Noch leben wir nicht in Florida, und noch müssen wir nicht alle gleich aussehen. Sind Sie hinlänglich erfreut über die, die Sie im Spiegel sehen - gerade, gut gelaunt, kritisch schon, aber nicht mehr in Utopien verfangen? Sollten Sie einen schönen alten Löwen an Ihrer Seite oder wenigstens in Ihrer Nähe haben, wird er Sie unterstützen und mit Bewunderung versorgen. Ihren Witz verstehen, gelegentliche Melancholie liebevoll akzeptieren und mit seiner eigenen klarkommen. Er hat es nicht so leicht, wie Sie denken. Er gehört einer seltenen Spezies an und ist vom öffentlich zelebrierten speckigen Selbstbewusstsein weit entfernt. Das seine ist heikler, verschwiegener, er hält den jungen Mann, der er war, den Himmelsstürmer, fest in sich verschlossen. Nein, er ahmt ihn nicht mehr nach. Die verwohnten Jeans hat er weggetan, seine Mähne hat ihn verlassen. Er fegt ihre Reste nicht in einem jener furchtbar peinlichen Zöpfe zusammen. Er weiß gescheite Dinge zu sagen, kann lachen und riecht gut. Wenn Sie so einen haben, Madame: Das ist das große Los! Natürlich ist er nicht blind, wenn Sirenen in strategisch zerrissenen Jeans vorbeiwippen- "blink-blink, blink-blink, kleine Halbmonde hüpfblitzend, kükengelbes Haar zu gigantischem Weihnachtsstern hochgekämmt" (so wunderbar beschreibt das Peter Rühmkorf, schöner alter Löwe par excellence) -, aber schöne alte Löwen haben sich ihre göttliche Trägheit redlich erworben, gejagt haben sie genug, jetzt sprinten sie nicht mehr jeder Gazelle hinterdrein. Wissen meist, was sie an der Löwin haben. Bevor wir zu den Füßen kommen, Madame, reden wir noch ein paar Worte über Farben. Meiden Sie alle, die in der Natur nicht vorkommen. Jene Blaus und Grüns und Gelbs, die eher an Spülmittel, Leuchtreklamen oder ungesunde Süßigkeiten erinnern - meiden Sie sie. Auch Teenys sehen mit allem anderen hübscher aus, aber bei denen ist es vollkommen egal, und wenn blindmachendes Blau sein muss: Lassen Sie sie. Erinnern Sie sich an Ihre kalkweißen Lippen, die Leichenaugen und Metallreifen um die Taille. Aber für uns, Madame - die Erde und jeder Gewürzladen hält tausend köstliche Farbtöne bereit. Liebe Blondinen: Bitte auch Sie kein Blau - es macht starr, kalt und spießig. Ich weiß, Sie werden nicht auf mich hören. Ich wollte es nur sagen. Und bei nächster Gelegenheit wieder die steifhaarigen, taftraschelnden, gelbbraun gebrannten, eisern in Form gehungerten alten Eisvögel beseufzen. Könnten so toll aussehen mit ein bisschen Anarchie, einer kleinen, weichen Nachlässigkeit, freundlich zu sich selber und ihresgleichen, irgendetwas Fließendes aus streichelndem Stoff in Terrakotta oder so und den Rock ein bisschen länger, damit Sie nicht hören müssen, dass Sie für Ihr Alter noch ganz gute Beine haben . Es wäre so einfach. Ja, und der Schmuck. Wie oft möchte man tröstend sagen: Wir glauben dir ja, dass dein Mann Geld hat. Befreie dich doch ein wenig, meine Liebe, trage zu etwas Unauffälligem lieber ein Stück, das so verrückt ist, dass man die Frage nach echt oder falsch gar nicht mehr stellt. Überhaupt, echt oder falsch, Madame, die Frage sollte in unserem Alter obsolet geworden sein. Wir machen alles echt, indem wir es tragen. Wenn wir das Richtige tragen. Und nicht eine Art metall- und steingewordener Vermögensaufstellung. Zum Schluss noch einmal die Füße. Gehen, Madame, wollen wir so lang wie möglich können, auch allein, wenn es denn sein muss. Bereuen Sie, in wie vielen Folteranstalten Sie Ihre zwei wunderbaren Füße haben schmachten lassen? Tun Sie Abbitte! Barfuß laufen, mit den Zehen spielen, pflegen lassen, freundlich sein. Nie mehr foltern. Denn wir wollen doch noch ein großes Stück durchs Leben laufen, Madame. Gerade, lächelnd und so einzigartig, wie wir sind!Der Text, hier leicht gekürzt, erscheint am 20. März in Kursbuch 151 zum Thema "Das Alter" bei Rowohlt Berlin.Was für ein frisches Häutchen hat doch das alte Mädel! Jeder denkt: Wie hat es das gemacht? Gerafft? Gesalbt? Gute Gene?.Wenn Sie nicht zu denen gehören, die sich in der Zielgeraden noch einmal ganz neu erfinden wollen: Mit der da im Spiegel sollten Sie sich anfreunden, Madame. Sie sollten sie mögen.BERLINER ZEITUNG/TILL BUDDE (2)