Das "Spiegel-Manifest" scheint in der DDR-Bevölkerung wirkungslos zu verpuffen, obwohl es in den Nachrichtensendungen und politischen Magazinen des Westfernsehens einige Tage lang beherrschendes Thema ist. Doch unter der Hand macht der in die Giftschränke der Partei verbannte "Spiegel" die Runde unter kritischen SED-Genossen. Diskutiert wird jetzt vor allem wieder ein Thema, das Honecker längst vom Tisch haben wollte: die deutsche Einheit. Die Stasi greift durch und nimmt nach Erscheinen des Manifestes nicht nur Berg fest, sondern durchkämmt auch Universitäten und Institute auf der Suche nach Staatsfeinden, verhört Wissenschaftler und Parteifunktionäre, leitet eine Vielzahl von Ermittlungsverfahren ein, verstärkt den Einsatz Inoffizieller Mitarbeiter. Das Konzept sei "verfrüht und illusionär" gewesen, schrieb Heinz Niemann, einer der BDKD-Leute, kürzlich in einem Aufsatz. Zu "einer alternativen Entwicklung solcherart (waren) damals die außen- und innenpolitischen Voraussetzungen noch nicht gegeben". Enttäuschende Reaktion Das zeigte sich auch an der enttäuschenden Reaktion des Westens auf das "Spiegel-Manifest". Der SPD-Politiker Herbert Wehner sprach in einem Interview von einer "provokativen Veröffentlichung" und bezeichnete das Papier vor dem Bundestag als "komischen Findling". Ganz im Sinne Moskaus und Ost-Berlins sagte Wehner, den Verfassern sei es "auf den Bruch, auf den offenen Eklat" angekommen, mit dem die Normalisierung der deutsch-deutschen Beziehungen torpediert werden sollte. In die gleiche Kerbe schlugen andere SPD-Politiker wie Egon Bahr, Günter Gaus und Kurt Mattik.Die offizielle SED-Version, bei dem Papier handele es sich um eine Fälschung des Bundesnachrichtendienstes, blieb in der SPD unwidersprochen. Erich Honecker war ob solcher Schützenhilfe hocherfreut und bedankte sich bei Bundeskanzler Helmut Schmidt am 18. Januar 1978 per Telefon (siehe "Dokumentiert").Und Willy Brandt? Der SPD-Chef äußerte sich zwar nicht zu dem Inhalt des Pamphlets, in einem Interview erklärte er jedoch, das Manifest sei eine Aktion der Russen gewesen mit dem Ziel, Honecker zu stürzen. "Damit hat er uns gedeckt und gleichzeitig Honecker gedroht - denn auch in Ost-Berlin waren Brandts Kontakte nach Moskau nicht verborgen geblieben", so Berg.Das einzige Lob erhielten die Reformer ausgerechnet aus dem rechten Parteienlager. Die CDU-Politiker Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker und Werner Marx erkannten die Bredouille, in der die auf gutes Einvernehmen mit der SED-Führung fixierte SPD steckte, und bekannten sich im Bundestag lauthals zu den Ideen des Manifestes. Eine kaum noch zu überbietende Absurdität - plädierte das Pamphlet doch für ein von Sozialisten und demokratischen Kommunisten geführtes wiedervereinigtes Deutschland.Auch von den Leitartiklern der meisten bundesdeutschen Blätter fühlten sich die SED-Dissidenten im Stich gelassen. Während im westlichen Ausland die Echtheit des Manifestes fast durchweg akzeptiert wurde, versuchten die meisten westdeutschen Kommentatoren nachzuweisen, daß das Manifest entweder ganz im Westen oder zumindest mit westlicher Hilfe, aber auf keinen Fall von mittleren und höheren SED-Kadern verfaßt worden sei. Die inhaltliche Auseindandersetzung mit dem Text blieb dabei - ganz im Sinne der SED - auf der Strecke. Einige der in der DDR akkreditierten West-Journalisten gingen in vorauseilendem Gehorsam sogar auf Distanz zu der Spiegel-Veröffentlichung, wie aus SED-Unterlagen hervorgeht. Zwar übergab ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen Mitte Januar 1978 einen von 20 Kollegen unterzeichneten Brief im DDR-Außenministerium, in dem gegen die Schließung des Ost-Berliner Spiegel-Büros und die Verwarnung des ZDF-Korrespondenten Dirk Sager im Zusammenhang mit dem Manifest protestiert wird. Doch klammheimliche Widerrufe bei den SED-Funktionären ließen nicht lange auf sich warten.So schickt der Ost-Berliner Korrespondent der SPD-Wochenzeitung "Vorwärts", Walter Leo, seinem Gesprächspartner beim DDR-Außenministerium die Kopie eines Briefes ("Vielleicht ist er von Interesse."), den er wenige Tage vorher an Fritz Pleitgen gesandt hatte. Darin stellt Leo klar, daß er zwar den Widerspruch gegen die Verwarnung von Dirk Sager teile; er schließe sich jedoch "nicht dem Protest gegen die Schließung des Spiegel-Büros an". Schließlich habe das Magazin "ein Staatsoberhaupt und dessen gesamte Mannschaft massiv der Korruption, also persönlicher Unehrenhaftigkeit, beschuldigt (ohne plausible Beweise)". Zudem sei das Manifest in seiner "explosiven Mischung von plattem Antisowjetismus und Wiedervereinigungsverlangen" eine Gefahr "für die ganze Welt". Schließlich bekennt der Autor ganz offen: "Mir fehlt offengestanden überhaupt die rechte Lust dazu, mich an Deklarationen über mangelnde Pressefreiheit in der DDR zu beteiligen." Protest widerrufen Bis Anfang Februar konnte sich Erich Honecker noch über zwei weitere Widerrufe von westdeutschen DDR-Korrespondenten freuen. So rief extra aus Hamburg der "Stern"-Mitarbeiter Nick Barkow an, um sich von dem Brief zu distanzieren. Sein Fotograf habe an seiner Statt unterschrieben, er wolle aber deutlich machen, "daß ich nicht auf diese Provokation hereinfalle".Auch der Abgesandte der "Kölnischen Rundschau", Rene Bayer, distanzierte sich bei einem Gespräch im Außenministerium "von den Verunglimpfungen des Spiegel gegenüber führenden Persönlichkeiten der DDR". Er sei aber unter Druck gesetzt worden, das Papier zu unterschreiben. Bereitwillig nannte Bayer seinem Ost-Berliner Gesprächspartner dann auch die Namen dreier Korrespondenten, die "den Hauptanteil an der Formulierung dieses Briefes" haben. Lesen Sie morgen: Hermann von Berg kommt frei; Stoph macht mobil; die Gruppe "Luch" und das Manifest von 1988. +++