Überraschung im Hautarztprozeß: Der des Mordes und mehrerer Mordversuche angeklagte Stefan S. hat gestern erstmals vor dem Berliner Landgericht eingeräumt, daß Treffen mit Prostituierten gewalttätig verliefen. Die Staatsanwaltschaft wertet die Aussage als Teilgeständnis.Erst wollte Stefan S. nicht mit der Sprache rausrücken. Mit dem psychia-trischen Gutachter möchte er sprechen, bat er das Gericht - worüber, das gab der 37jährige Mediziner zunächst nicht preis. Doch die Vorsitzende Richterin Gerlind Gatza wollte es schon genauer wissen. Sie versuchte herausfinden, ob der Angeklagte nur den Beginn der Plädoyers verhindern wollte oder wichtiges mitzuteilen hat. "Geht es um Wertungen? Das ist nicht wesentlich. Aber Gravierendes zur Lebensgeschichte oder eine neue Einlassung schon", lockte sie S.Der aber zierte sich zunächst. "Ich werde Sachen erzählen, die die Vorwürfe betreffen", blieb er bei vagen Formulierungen. Die Vorsitzende Richterin aber hakte nach, drohte, mit dem Plädoyer zu beginnen, und setzte den Hautarzt unter Druck: "Wir haben Sie doch schon zweieinhalb Tage vernommen."Nach einer Pause, in der sich der Angeklagte mit seinem Verteidiger besprach, folgte die Überraschung. Zu zwei Vorwürfen habe er noch nichts gesagt, begann der Angeklagte vorsichtig und räumte schließlich ein: "Es kann so abgelaufen sein, wie es die Zeuginnen schilderten."Die 36jährige Frankfurter Prostituierte Susanne H. hatte ihm vorgeworfen, sie 1988 mit einem Seil gewürgt zu haben. Der Satz, die Autonummer sei notiert, rettete die Frau damals. S. gab gestern zu, "daß es einen Vorfall gab, der dazu paßt". Und zu der Aussage der 16jährigen Ramona D., die er im Februar 1996 in seiner Wohnung mit einem Gürtel gedrosselt haben soll, sagte S.: "Es kann sein, daß sie bei mir in der Wohnung war. An das Gesicht aber kann ich mich nicht erinnern." Mehr sagte der schlanke, grauhaarige Mediziner gestern nicht. Das Gericht unterbrach den Prozeß, damit S. mit dem Gutachter reden konnte.Der Angeklagte hat sich aus seiner Reserve herauslocken lassen. S., der bislang die ihm zur Last gelegten Vorfälle abstritt, hat mit diesen Sätzen zumindest eingeräumt, daß es mehrfach bei seinen Besuchen bei Prostituierten zu Gewalt gekommen war. Und das sogar in einem Fall, in dem sich die Zeugin in Widersprüche verwickelt hatte. S. gab damit indirekt auch zu, daß er zu Prozeßbeginn vor vier Monaten gelogen hatte. Für Staatsanwalt Hartmut Schneider stellt sich diese Aussage deshalb als "grobes Teilgeständnis" dar.Doch noch ist unklar, ob der Angeklagte dem Prozeß eine Wende geben wird. Er kann die Taten gestehen und auf Strafmilderung hoffen. S. hielt sich gestern aber auch die Möglichkeit offen, die Geschehnisse als Notwehr darzustellen. Damit hat er bereits am Anfang des Verfahrens Hammerschläge auf eine Prostituierte gerechtfertigt.Und was ist mit dem schwerwiegendsten Vorwurf, den Mord an Zsanett S., deren Leiche nie gefunden wurde? Wird der Mediziner von seiner bisherigen Version abrücken, daß er die 18jährige nicht umgebracht und in seiner Wohnung gefundene Fotos eine Hamburger Prostituierte namens Maike zeigen? Am Freitag wird sich herausstellen, welches Ziel der Angeklagte verfolgt. +++