So wird es einmal sein. Manfred K. sitzt in seinem Wohnzimmer in Lichtenrade und zeigt auf den Computer. Auf der Website des Bauinvestors Harald Huth ist die Simulation eines Einkaufszentrums zu sehen, das vor seiner Tür errichtet werden soll. Nur wird Manfred K. hier keine Tür mehr haben, "wenn es soweit kommt", weil sein Wohnblock dann nämlich nicht mehr steht. Der soll dem Einkaufstempel weichen. Aber Manfred K., pensionierter Feuerwehrmann, schlank, goldene Ketten um den Hals, will nicht raus aus seiner Wohnung."Kommen Sie mal mit." Er eilt in die Küche, um zu zeigen, worum es geht. Er beugt sich aus dem Fenster. "Der Herr Huth will hier insgesamt 9000 Quadratmeter Verkaufsfläche bauen. Hier unten, der Rewe, kommt weg." Er zeigt auf eine weiße Halle auf einem öden Parkplatz. Wäre das so schlimm? "Naja, schön ist Rewe nicht, aber dann haben wir auf der zarten Steinstraße morgens massiven Lieferverkehr. Da schlafen die Anwohner. Und da hinten, wo die Frau mit ihrem Hund spazieren geht, sollen 300 Parkplätze hin. Beton statt Grün."Endstation vor der GrenzeHarald Huth hat unter anderem das Steglitzer Einkaufszentrum "Das Schloss" und die Gropiuspassagen in Neukölln gebaut. In Lichtenrade will er bis Sommer 2012 auf insgesamt 30500 Quadratmetern ein "Stadtteilzentrum" mit 30 Geschäften und 300 kostenlosen Parkplätzen errichten. Auf der Website sieht alles schön aus. Es handelt sich nicht um einen der üblichen Klötze, sondern um mehrere Pavillons. Die alte Mälzerei, ein denkmalgeschützter Backsteinbau, soll Teil der Anlage sein. Auf der Website gibt es auch eine Straßenkarte, unter der steht, dass das Zentrum über die B96 und den Berliner Ring A10 optimal per Pkw erreichbar wäre. Und "durch den zukünftigen Großflughafen BBI International wird Lichtenrade wegen seiner Nähe zu Schönefeld ab 2010 stark an Attraktivität und Besucherfrequenz gewinnen".Sätze wie diese verstören die Einwohner. Sie sind es gewohnt, unter sich zu sein. Bis zur Wende war Lichtenrade die letzte S-Bahnstation vor der Grenze. Durchgangsverkehr gab es nicht. Der Ort ist von Einfamilienhäusern und Gärten geprägt, und in seine Kopfsteinpflasterstraßen verirrten sich nur selten Besucher. Es war ein kleines Paradies.Es ist still in den Straßen. Das raschelnde Laub unter den Schritten der wenigen, überwiegend älteren Passanten ist beinahe das lauteste Geräusch auf der Bahnhofstraße. "Unsere Flaniermeile" nennen sie die Lichtenrader. Neben Rossmann und Reichelt gibt es Anja's Modetreff, Heidi's Tierboutique, Silvi's Spielekiste, Wolle Horn, Mieder+Wäsche. Die Zeit ist ein bisschen stehen geblieben in der Bahnhofstraße.Aber auf einmal geht es um die Zukunft in Lichtenrade, und die haben sich viele Einwohner so nicht vorgestellt. Sie fühlen ihre Idylle von vier Großprojekten bedroht. Zu Recht. Die Dresdner Bahn, der geplante Bau der ICE-Strecke zwischen Berlin und Dresden, wird Lärm bringen und zudem den Ort in zwei Hälften zerschneiden. Der Ausbau des Kirchhainer Damms als Teil der Bundesstraße B96 wird noch mehr Krach verursachen. Vor allem aber der Großflughafen BBI, nur sieben Kilometer vor der Ortsgrenze entfernt, erscheint als Bedrohung. Flugzeuge werden über die Köpfe der Lichtenrader hinweg an- und abfliegen. Und dann noch das Einkaufszentrum.Gegen all das regt sich Widerstand. Bürgerinitiativen haben sich gegründet - eine gegen die Dresdner Bahn, eine gegen die Flugrouten, eine gegen das Center. Und es gibt jetzt auch Montagsdemonstrationen in Lichtenrade, so wie damals in der Wendezeit auf der anderen Seite der Mauer. Anfangs sollen die wenigen Teilnehmer noch mit dem Spruch "Ostler raus" beschimpft worden sein, mittlerweile aber ist auch der Lichtenrader im Protestfieber. Vergangenen Montag gingen rund 6000 Menschen auf die Straße. Bezirksbürgermeister Ekkehard Band, SPD, sagt, dass es ihn empöre, wenn Flugrouten nach Gutsherrenart vorgelegt würden, "als wenn man einen Flughafen in Kleinkleckersdorf planen würde".Auch Manfred K. erregt sich über die Flugroutenplanung und die Bahntrasse, aber vor allem über das Einkaufszentrum vor seiner Haustür. Als er vor einigen Jahren in die Steinstraße zog, musste er die Wohnung von ranzigem Plastik an Wänden und auf Böden befreien, eine Dusche einbauen, neue Stromleitungen legen, Tapeten kleben, alles auf seine Kosten. Für 63 Quadratmeter, Südbalkon, Blick in die Wälder um Mahlow bezahlt er auch nur 400 Euro. Übrigens heißt Manfred K. in Wirklichkeit anders, aber er hat Angst, dass seine Kritik am Einkaufszentrum und der Verkehrsplanung ihn irgendwann "in den Hintern kneift".Er fürchtet, dass die Hausbesitzerin Frau Buhr ihr Grundstück an Harald Huth verkauft. Frau Buhr äußert sich aber nicht, sondern legt den Hörer auf. Harald Huth hat für eine Stellungnahme keine Zeit, genauso wenig der zuständige Baustadtrat Bernd Krömer, CDU, der das Projekt unterstützt.Die Bezirksverordnetenversammlung glaubt, dass das Einkaufszentrum den Tod für die Bahnhofstraße bedeuten würde und beschloss, dass das Zentrum höchstens 4000 Quadratmeter haben darf. Huth argumentiert, er könne das Projekt rentabel nur mit 9000 Quadratmetern bewirtschaften, weil er durch eine Senatsauflage auch die Alte Mälzerei sanieren und betreiben muss. Das ist derzeit der Konflikt.Die "Ökumenische Umweltgruppe Lichtenrade" engagiert sich normalerweise für Solardächer und fair gehandelte Blumen, aber seit die Nachricht vom Stadtteilzentrum zu Pfarrer Reinhart Kraft vordrang, beschäftigt sich die Gruppe damit."Wir sind nicht grundsätzlich gegen das Projekt", sagt der pensionierte Pfarrer Kraft, Chef der Gruppe. Reinhart Kraft ist ein schmaler Mann mit kurzem grauen Haar und lebt seit 1965 in Lichtenrade. "Viele Bewohner wünschen sicherlich bessere Einkaufsmöglichkeiten, und gerade das Gebiet um die Mälzerei kann eine Aufwertung vertragen, das ist weiß Gott keine Visitenkarte." Man wolle aber "keine Invasion aus dem Umland", sagt Kraft und meint damit, dass so ein Shoppingcenter auch Brandenburger anziehen würde.Die Bürgerinitiative hat dem Zentrum schon viel Zeit gewidmet. Ein Modell wurde gebaut und 300 kleine Holzautos bunt angemalt, um einen Eindruck von der Parkdichte zu gewinnen. Die Technische Universität wurde eingeschaltet, um zu errechnen, welche Verkehrsfolgen das Zentrum für Lichtenrades schmale Straßen haben würde. "Die sind erheblich." Die Bürgerinitiative hat ein Konzept entwickelt, den "Denkanstoß", und an Huth geschickt. Darin fordern sie einen Verkehrsplan und ökologisch nachhaltige Architektur. Das Papier ist sachlich geschrieben und steckt voller Zahlen. Es klingt überzeugend. Das muss auch Harald Huth imponiert haben, denn er hat die Gruppe neulich erstmals zum Gespräch eingeladen. Es sei in einer freundlichen Atmosphäre verlaufen, sagt Pfarrer Kraft. "Herr Huth hat sich bereit erklärt, sich mit den Vorstellungen der Bürger auseinanderzusetzen." Pfarrer Kraft hat die Botschaft vernommen. Er weiß aber auch: "Hier ist noch nicht jede Messe gelesen."------------------------------Karte: Grund des Protests: Die Flugroute in 600 Meter Höhe vor Lichtenrade, der vierspurige Ausbau des Kirchhainer Damms, die Neubaustrecke für den ICE von Berlin nach Dresden und das geplante Einkaufszentrum im Ortskern.Foto: Lichtenrader demonstrieren gegen die Flugrouten.Foto: Reinhart Kraft und Nele Federn-Ronacher mit einem Modell der Alten Mälzerei. Das denkmalgeschützte Gebäude soll Teil eines Einkaufszentrums werden, gegen das beide mit ihrer Bürgerinitiative kämpfen. Im Hintergrund das Originalgebäude.

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