Ein alter Mann mit breitkrempigem Hut und Schlips rudert schwer atmend über den See. Ihm gegenüber, unsichtbar, die Regisseurin und die Kamera. Der alte Mann zitiert einen Spruch seiner Mutter: Der schlimmste Feind im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant. Sein ganzes Leben habe er diesen Satz mit sich herumgetragen. "Nagt er an Deinem Gewissen?", fragt die Regisseurin. Der alte Mann beginnt zu beben: "Was sind das für westdeutsche Filmfragen? Ich hab kein Gewissen und hab keine Moral, jedenfalls nicht Eure." Dann spuckt er Namen aus: Ackermann, Thyssen, IG Farben. "Denen gegenüber hab ich kein Gewissen." Und: "Die Stunde kommt, hoffentlich ohne Blutvergießen."Ein Spitzel kündigtDer alte Mann ist Schriftsteller, Paul Gratzik, Jahrgang 1935. Die Regisseurin, auch sie in der DDR sozialisiert, Annekatrin Hendel. Der Dialog im Boot nimmt die ersten vier Minuten ihres Films "Vaterlandsverräter" ein. Es geht darum zu erkunden, warum ein Mensch zum "Informanten" der Staatssicherheit wurde, und was ihn später dazu trieb, diesen Job freiwillig an den Nagel zu hängen. Es geht um Erfahrungen des Krieges, die Wurzellosigkeit nach der Flucht aus Ostpreußen, die Metamorphose des Arbeiters zum Intellektuellen und die mit alldem verbundenen inneren Brüche und Verwerfungen. Um Objektives und Subjektives, um Zeitläufte, Charakter und Veranlagung.Gratzik, der zunächst gar nicht über seine Stasi-Jahre reden will, lässt sich dann doch auf Fragen ein. Er besteht darauf, die Entscheidungen seines Lebens "mit einem ganzen Weltgefüge" in Zusammenhang zu bringen. Auf der Suche nach Wahrheit erkundigt sich Annekatrin Hendel, der es um alles andere geht als um schnelle Urteile, auch bei Zeitgenossen: bei verflossenen Frauen, bei der West-Lektorin, beim Führungsoffizier, bei Sascha Anderson und Gratziks Kindern, die er bis zu den Filmaufnahmen nie oder lange nicht gesehen hatte. Vorsichtig tastend nähert sich die Regisseurin einem Mann, der Bindungen suchte und verwarf, der Camouflage als Lebensart empfand, ein schillernder Individualist, bis heute."Vaterlandsverräter", dieses vielschichtige Porträt, ist der bislang beste filmische Gegenentwurf zu "Das Leben der Anderen". Die Geschichte eines komplizierten Menschen in komplizierten Zeiten, zärtlich und tragisch, melancholisch, komisch, bitter. Später, nachdem er seinen Dienst für die Staatssicherheit quittiert hat, wird Gratzik dann selbst ausspioniert; sein Vorgang trägt den Decknamen "Kutte". "Du landest keinen Fuß mehr in der DDR", bescheinigt ihm der Führungsoffizier. Tatsächlich bleiben die beiden grandiosen Erzählungen aus der Arbeitswelt, "Kohlenkutte" und "Transportpaule", nur Tipps für Eingeweihte. Dem jungen Mann, der hilft, sein Boot ans Ufer zu bringen, erklärt der alte Gratzik zwar: "Du hast eben einen deutschen Dichter an Land gezogen." Nur leider gibt es kaum jemanden, der diesen deutschen Dichter kennt.Die Berlinale-Sektion "Perspektive deutsches Kino" versammelt eine Reihe von Filmen, die zu Streit, Bestätigung und Widerspruch anregen. "Die Ausbildung" zum Beispiel, eine Studie über das Innenleben im Kundenzentrum einer deutschen Firma, in kühlen, abgezirkelten, exakt kadrierten visuellen Motiven: Jan, der Auszubildende, erlebt krassen Arbeitsdruck, Lohndumping, Verunsicherung, Erpressung, Bespitzelung, das erbarmungslose Ausgeliefertsein an scheinbar anonyme Mächte, ein Konzentrat an Ausbeutung, jenseits der Menschenwürde. Dirk Lütter hat sich für seinen Spielfilm sichtlich von den analytischen Dokumentationen Harun Farockis inspirieren lassen; sein souveräner Blick auf die Zerstörung sozialer Strukturen, das Ende der Solidargemeinschaft unter dem Druck der Rendite wirkt widerständig, zornig.Ermutigend für die Zukunft des deutschen Kinos ist die Themen- und Formenvielfalt der ausgewählten Arbeiten: "Lollipop Monster" von Ziska Riemann, mit zwei wilden Teenagern, die sich an der Erwachsenenwelt rächen, bezieht seine Qualität aus dem freien und frechen Umgang mit Comic und Pop-art. "Kamakia - die Helden der Insel" von Jasin Challah parodiert mit einer an "Borat" erinnernden, lebensgroßen Stabpuppe eines Hasen den Machismo griechischer Männer. "Kampf der Königinnen" von Nicolas Steiner stilisiert einen Wettstreit angriffslustiger Schweizer Zuchtrinder zu einem schwarzweißen Dokumentarballett. "Utopia Ltd." von Sandra Trostel, mit dem die Reihe eröffnet, konfrontiert Anspruch und Realität einer jugendlichen Rockgruppe und nutzt dazu Mittel des Direct Cinema, bleibt also mit der Kamera stets nah an Spielern und Gegenspielern. Ein Zeitbild, auch das.Noch ein zweiter Film befasst sich mit der DDR und ihren Folgen: "Der Preis" von Elke Hauck führt einen in Westdeutschland lebenden Architekten zurück in die Thüringische Kleinstadt, aus der er stammt. Er begegnet alten Bekannten, muss sich der eigenen Vergangenheit stellen, dem Verrat an einem Mitschüler, der sich daraufhin das Leben nahm. Schuld und Verantwortung werden in diesem unaufgeregten, intensiven, fast kammerspielhaften Film nicht an die Obrigkeit delegiert; die Regisseurin hätte es als zu banal empfunden, Lehrer, Parteisekretäre oder Stasileute als Sündenböcke zu zeichnen. Der moralische Diskurs über Verstrickung, so lautet ihr Credo, muss breiter angelegt sein.-----------------------Perspektive deutsches Kino ab 11.2., CinemaxX 1, CinemaxX 3, Colosseum 1.------------------------------Foto: Real existierender Architektentraum. Das unaufgeregte Kammerspiel "Der Preis" von Elke Hauck erzählt von Verstrickung und Verrat.

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