Nina Hagen und Meret Becker heißen beide Anna. Berlins berühmteste Ziehtöchter bedeutender Männer haben es für diesen Abend so beschlossen: "Wir sind nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige: Wir heißen beide Anna." Dabei verschmelzen ihre beiden Umrisse auf dem Schattentheatervorhang zu einem einzigen, bis dann doch etwas überraschend zwei außerordentlich verschiedene Damen hervorkommen. Hier die Chansonette und Schauspielerin Meret Becker im langen Weißen mit aufregendem Ausschnitt (rücklings), da die Rocklok Nina Hagen in sehr viel Stoff; hier die zierliche, kokett eingedrehte Becker, da die stämmige, aufrechte Hagen. Sonst noch Ähnlichkeiten? Beckers Haar ist zu zwei Knäueln befestigt, Hagens zu zwei Pippi-Zöpfen. Die beiden liegen, pardon, ein gutes dutzend Jahre auseinander, aufgehender Ruhm trifft mysteriös verblaßten, Westberliner Schnauze trifft Ostberliner. Wiedervereinigung kann so schön sein."Wir heißen beide Anna" heißt Nina Hagens und Meret Beckers Brecht-Programm im Berliner Ensemble, und wenn der Brecht-Geburtstag zu nichts gut war, als daß diese beiden sich zusammentaten, war es gut. Mit erfrischendem Stargehabe gehen sie ans Werk, haben auf ihrer eine Woche jungen Tournee auch schon einen Termin platzen lassen, weil das Deutsche Theater in München sie nicht in bar bezahlen wollte, und lassen Brecht einen guten Onkel sein. Dieser Onkel, so könnte einen das Programm bald glauben machen, gab immerhin gutes Taschengeld, damit Anna und Anna lustige Tage mit gemeinsamem Fetzenbummel verbringen konnten. Was man gemeinhin Interpretation nennt, zeigt sich hier als der passende Schal, als die passende gefederte Ohrenhaube zum Lied. (Der Berichterstatter muß an die Strenge denken, die Eva Maria Hagen einst bei ihrem Brecht-Biermann-Konzert an den Tag legte: schlichtes Schwarz im Biermann-Teil, deutliches Rot im Brecht-Teil, wenn nicht gar umgekehrt. Mütter!)Anna und Anna haben wenig Lust zum Nachdenken, aber viel Lust zu Singen. Die verbindenden Worte sind dem Mann am Schlagwerk überlassen, und wie wichtig allen der Geburtstag ist, zeigt sich schon daran, daß der Schlagwerker ein falsches Datum sagt (es war der 10., nicht der 13. Februar). Trotzdem hat sich ein Künstler ausprobieren dürfen und einen kleinen Bertolt-Brecht-Zeichentrickfilm zur optischen Begleitung hergestellt.Noten geben sollen andere, die hier sind zum Singen da: Her mit Suhrkamp tb 1216, dem Brecht-Liederbuch und durchgefleddert! Nicht alles wirkt heftig geprobt, aber die Stimmung stimmt. Die Musiker Trompeten, Klarinette, Schifferklavier, Banjo und anderes bringen zu jedem Stück die passenden Klangfarben mit, das eine klingt dann mehr nach Folklore, das andere nach Varieté. Aber auch das gehört zum Verkleidungsspiel der beiden Interpretinnen, zu dieser wilden Mischung aus Ironie, Leidenschaft, Klamauk und Zartheit. Was sich gefühlig hauchen läßt, kriegt Meret Becker, was sich kräftig austrällern läßt, Nina Hagen. Auf diese Weise finden die beiden auch zueinander und da rühren vor allem Meret Beckers Respektbezeugungen: Nina darf gerne ein bißchen lauter, schriller, tiefer sein, sie ist ja schon groß. Becker ist das kleine Kind, die zarte Diseuse mit 20er Jahre-Appeal, Hagen die ausgeflippte Mama, die rüstige Kämpferin, aber auch, im wunderbaren "Liebesduett", der starke Mann.Den Weill-Schlagern aus "Dreigroschenoper", "Happy End", "Mahagonny" folgen nach der Pause vor allem die beherzten politischen Eisler-Lieder aus der "Mutter", das Solidaritätslied, das Einheitsfrontlied, mit einer unverschämten Lust am Marschieren dargebracht. Dazwischen aber auch immer wieder Unabgedroschenes, "Das Lied von der Tünche", "Mutter Beimler", "In Erwägung unsrer Schwäche". Was Anna und Anna davon denken, kommt so en passant heraus. Beim Solidaritätslied tuscht Hagen mit winzigen Tschinellen, und als Brecht empfiehlt, "unser schlechtes Leben mehr zu fürchten als den Tod", mümmelt sie zwischen den Liedzeilen "Mensch Bertolt, von wann is das denn? Pariser Commune? Oder Kreuzberg?"Stehende Ovationen in allen Reihen, die Meisterinnen küßten den Bühnenboden, Hände streckten sich ihnen entgegen. Man will jetzt gerne selber Anna heißen.