An Berthold Beitz verteilte Madame noch ein paar Bussis. Und entschwand auf Nimmerwiedersehen. Die mächtigste Frau des Weltsports nahm am 5. Juni 1985 urplötzlich Abschied vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Siebzehn Jahre diente Monique Berlioux der olympischen Bewegung.Die resolute Französin war von der Presse- zur Verwaltungschefin aufgestiegen; sie regelte als IOC-Direktorin für den greisen Präsidenten Avery Brundage (USA) von Lausanne aus die Amtsgeschäfte; für dessen Nachfolger Lord Killanin war Monique Berlioux gar "Chefsekretärin, Gedächtnisstütze, Krankenschwester, Stabschef und Gesellschafterin in einer Person" (Die Welt). Als Schwimmerin nahm sie 1948 an den Olympischen Spielen in London teil, Jahrzehnte später dirigierte sie den olympischen Apparat.Für die "Walküre am Dirigentenpult" fand der russische IOC-Vize Witalij Smirnow einmal wenig schmeichelhafte Worte: "Abfangjäger oder Schlachtschiff, vielleicht eine Mischung aus beidem." Doch als Juan Antonio Samaranch 1980 in Moskau die Macht übernommen hatte und wenig später als erster IOC-Präsident nach Lausanne zog, war das Schicksal seiner aufmüpfigen Gegenspielerin besiegelt. Es war eine revolutionäre Zeit. Die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles hatten erstmals einen Profit erbracht, Samaranch verwandelte den Altmännerorden in einen olympischen Konzern. Bedenkenträger und Frauen mit Machtambitionen wie Monique Berlioux konnte der kleine Spanier da nur als störend empfinden.Aufklärung über die Entlassung der Berlioux sollte eigentlich die Autobiographie der heute 71jährigen bringen. Doch die blieb aus. Warum? Das zählt zu den vielen Mysterien der Ära Samaranch. Und gilt als eines der gutbehüteten Geheimnisse des internationalen Sports. Die Spekulationen heizen nun bislang unerschlossene Bände der Stasi-Akten des Generalsekretärs des Weltboxverbandes AIBA an. "Aktion Olymp" Als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) "Möwe" arbeitete der Berliner Karl-Heinz Wehr für das Ministerium für Staatssicherheit. Er war auch einer der vielen in der "Aktion Olymp" während der 90. IOC-Session in Ost-Berlin eingesetzten Spitzel. Am 4. Juni 1985 gab er seinem Führungsoffizier zu Protokoll, Frau Berlioux sei der Abschied aus dem IOC-Hauptquartier in Lausanne mit insgesamt 7,3 Millionen Dollar versüßt worden."Die Berlioux erhält bis Dezember 1988 monatlich 150 000 Dollar als Gehalt und eine Abfindung von 1 000 000 Dollar unter der Maßgabe, daß von ihr nicht die geringsten Geheimnisse des IOC preisgegeben werden", notierte Wehr. Vier Tage später ergänzte er seine Angaben auf fünf eng beschriebenen Seiten. Monique Berlioux "verpflichtet sich gegenüber jedermann zum Schweigen", heißt es da. "Sie bekommt ein Auto, dessen Kosten das IOC trägt, und sie wird in die Altersversorgung des IOC einbezogen." Im "NOK-Report", dem offiziellen Organ des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland, wurde seinerzeit über eine Abfindung in Höhe von 1,2 bis 1,5 Millionen Schweizer Franken spekuliert. Als einen der Hauptbeteiligten an der Entmachtung Berlioux' bezeichnen Insider den 1985 als ehrenamtlicher IOC-Sportdirektor tätigen Walther Tröger, heute IOC-Mitglied und deutscher NOK-Präsident. Die Verhandlungen über die Entschädigungssumme soll der Krupp-Manager und damalige IOC-Vizepräsident Berthold Beitz im Auftrag von Samaranch geleitet haben. Beitz bedauerte später öffentlich die Trennung von der IOC-Direktorin.In der offiziellen Samaranch-Biographie "Die Olympische Revolution" heißt es, Berlioux hätte 1985 in ihrer Doppelfunktion als Presse- und Verwaltungschefin ein "doppeltes Direktorengehalt" von 200 000 Dollar pro Jahr bekommen. Ihr Vertrag lief bis Ende 1988. Demnach hätten der Französin zum Zeitpunkt ihrer Entlassung etwa 700 000 Dollar zugestanden. Laut IM "Möwe" soll es sich aber um 150 000 Dollar über 43 Monate und eine Million Dollar Handgeld gehandelt haben - insgesamt 7,3 Millionen. Aus dem Stasi-Protokoll: "Mit dieser Regelung erklärte sich die Berlioux einverstanden sowie mit der Festlegung, daß sie bis zum Ende der jetzigen Session des IOC in der Funktion verbleibt."In seinen Stasi-Berichten beruft sich IM "Möwe" auf Gespräche mit dem heutigen AIBA-Präsidenten Anwar Chowdhry. Der Pakistani zählte damals zum inner circle um Samaranch, zudem war Chowdhry in der politischen Abteilung des Sportartikelfabrikanten "adidas" tätig. Der 1987 verstorbene "adidas"-Chef Horst Dassler galt zu jener Zeit als Pate des Weltsports. Mit Dasslers Unterstützung wurden Spitzenfunktionäre in ihre Ämter gehievt: IOC-Präsident Samaranch, Weltfußballboß Havelange, Leichtathletikchef Nebiolo und später Box-Präsident Chowdhry. Als Gegenleistung durfte die von Dassler gegründete Firma ISL gegen Provision die Vermarktung der Olympischen Spiele übernehmen. Der ISL-Vertrag wurde auf der 90. IOC-Session in Berlin unterzeichnet. Auf jener Session, auf der dem DDR-Staats-und Parteichef Honecker und dem rumänischen Diktator Ceaucescu Olympische Orden in Gold zuerkannt wurden. Madames Abschied Und Madame Berlioux nahm ihren Hut. Sie tat dies auf ihrer letzten Pressekonferenz durchaus elegant, mit einem Verweis auf die hehren Ziele der olympischen Religion: "Lange lebe der Olympismus, so wie ihn sein Begründer, mein Landsmann Pierre de Coubertin, gewünscht haben würde." Das deutsche IOC-Mitglied Willi Daume bedachte den Abschied der Berlioux im "NOK-Report" mit nachdenklichen Worten: "Das IOC ist ohne sie ärmer geworden. Ich weiß selbst nicht, was alles vorgegangen ist. Aber der Vorgang stimmt mich traurig. Eine Weltorganisation wie das IOC braucht einen Sinn für Formen und ungeschriebene Gesetze."In der geheimdienstlichen Auswertung der IOC-Session notierte IM "Möwe" handschriftlich: "Die wichtigste Entscheidung war der Rausschmiß von der Berlioux. Der äußere Anlaß war der von adidas mit Samaranch abgeschlossene 15-Millionen-Vertrag wegen der Vermarktung der olympischen Symbole, im Prinzip ging es aber um etwas ganz anderes. Einmal war die Berlioux von Anbeginn gegen Samaranch. Sie war gegen seine undemokratische Arbeitsweise. Andererseits war die Berlioux aufgrund ihrer Herrschsucht Samaranch immer ein Dorn im Auge. Zum offenen Bruch kam es, als Paris und Barcelona als Olympia-Kandidaten (für 1992/d. A.) auftraten. Die Berlioux als Französin kämpfte für Paris und damit gegen die Interessen des IOC-Präsidenten, der gemeinsam mit Horst Dassler auf Barcelona setzt."Die Vorgänge an der im Palasthotel residierenden IOC-Spitze beschäftigten sogar das SED-Politbüro. Am 10. Juni schickte der für Sport zuständige Parteiarbeiter Egon Krenz folgende Hausmitteilung an den frischgekürten olympischen Ordensträger Erich Honecker: Die Entlassung der IOC-Direktorin Berlioux sei ein erneuter Beweis, "daß der IOC-Präsident und seine reaktionäre Mehrheit im IOC weiterhin danach streben, die Olympischen Spiele kommerziell auszunutzen". Einer von Samaranchs Handlangern war dabei Anwar Chowdhry, die von IM "Möwe" abzuschöpfende Stasi-Quelle. Chowdhry jettete in besonderer Mission um die Welt. Er sollte den Boden bereiten, "damit die Olympischen Sommerspiele 1992 an Barcelona vergeben werden. Diesen Auftrag hat Chowdhry persönlich von dem Präsidenten des IOC, Samaranch, erhalten. Für diesen Zweck hat Chowdhry genügend Geld von adidas zur Verfügung." Ein Fall für Drei Die jüngsten Stasi-Berichte des Boxfunktionärs Karl-Heinz Wehr sind von besonderer Brisanz: Eine dreiköpfige Arbeitsgruppe des IOC beschäftigt sich seit August 1996 mit den Machenschaften Chowdhrys. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul wurden Punktrichter bestochen und Boxkämpfe verschoben. An der Vertuschung des Betruges sollen laut IM "Möwe" zahlreiche IOC-Mitglieder beteiligt gewesen sein. Die IOC-Kontrollgruppe mit dem Senegalesen Keba M'Baye, Sportdirektor Gilbert Felli und IOC-Generaldirektor Francois Carrard, will Anfang Oktober auf einer Sitzung des IOC-Exekutivkomitees in Lausanne ihren Bericht vorlegen. Daß das Gremium sich jetzt auch mit den neuen Stasi-Unterlagen und den angeblichen Zahlungen an Frau Berlioux befaßt, ist schwer vorstellbar - zumal bei dieser pikanten Konstellation: Francois Carrard war einst als Anwalt für Monique Berlioux tätig. Und nun ist er Erbe der Französin an der Spitze der Verwaltung des Internationalen Olympischen Komitees. +++