"Ich glaube, wir müssen jetzt langsam los", sagt Gisela Rathenow etwas unruhig. Dann öffnet sie mit der rechten Hand das Glas ihrer Armbanduhr, um "nachzugucken", wie spät es ist. "Schon fast fünf Uhr. Sind alle da? Dann laßt uns starten, bevor es dunkel wird."Gisela Rathenow hat keinen leichten Job. Sie organisiert mindestens einmal pro Woche Fahrradtouren durch Wälder, Forste und Seengebiete in und um Berlin. Das Besondere an diesen Ausflügen: Die Hälfte der Teilnehmer ist sehbehindert oder blind. Genau wie Gisela Rathenow.Doch auch wenn die blinden Radfahrer kräftemäßig genausoviel leisten wie ihre sehenden Kollegen - das Lenken bleibt stets letzteren überlassen, denn gefahren wird mit Tandems. Jeweils ein sehender "Pilot" und ein blinder "Copilot" treten gemeinsam in die Pedale.Kurz vor der Fahrt erklärt einer der Piloten den Teilnehmern noch einmal den Verlauf der Tour: Vom Allgemeinen Blinden Verein (ABV) in der Auerbacherstraße 7 quer durch den Grunewald soll es gehen, dann zur Spanischen Allee, zum Königsweg und über den Kronprinzessinnenweg zurück. Rund anderthalb Stunden wird die etwa 25 Kilometer lange Fahrt voraussichtlich dauern. Ein Klacks für die Mehrzahl der Tandem-Fahrer. Schließlich werden auf den Tagestouren, die einmal pro Monat stattfinden, bis zu hundert Kilometer bewältigt. "Das geht dann allerdings ganz schön an die Substanz", erklärt "Copilotin" Angelika Rettschlag. Die 25 Kilometer seien jedoch "kein Problem", wie die 62jährige versichert. "Darin haben wir schon Übung."Mit einem lauten Pfiff - dem Signal zum Aufsteigen - beginnt die Tour der 26köpfigen Gruppe. Anstatt des harten Asphalts der Straßen bekommen die Tandem-Fahrer schon bald den unebenen Zehlendorfer Waldboden zu spüren. "Wenn ich auf dem Fahrrad sitze, fühle ich mich frei", schwärmt Angelika Rettschlag, als die Gruppe durch den Grunewald fährt. Unter den Rädern der Drahtesel knacken die Zweige, ab und zu ist das Zwitschern von Vögeln zu hören. "Hier kann ich mich richtig fallenlassen", sagt die "Copilotin" und lächelt zufrieden. Beim Spaziergang mit ihrem Blindenhund sei das anders. "Da bin ich immer angespannt, muß mich permanent konzentrieren."Auch Manuela Schleppner genießt die Ausflüge durch das grüne Berlin. Seit drei Jahren nimmt sie regelmäßig an den Fahrradtouren teil, die 1986 vom Berliner Blindensport-Verein ins Leben gerufen wurden. Anfangs sei es ihr schwergefallen, sich auf einen fremden Fahrer verlassen zu müssen, erzählt die 33jährige Frau. Schließlich sei sie erst seit knapp zehn Jahren sehbehindert und früher selber radgefahren. "Mit der Zeit habe ich mich aber daran gewöhnt, daß ein anderer für mich lenkt", sagt sie. Dann wird sie von ihrem Piloten abrupt aus den Gedanken gerissen. "Jetzt biegen wir rechts in den Königsweg ein", ruft dieser ihr zu.Bestimmte Signale und Kommandos sollen den blinden Radfahrern als Orientierungshilfen dienen. Doch auch ohne diese Informationen wüßten die "Copiloten" meistens, wo sie sich gerade befinden. "Uns dienen zum Beispiel die unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten als Landkarte", erklärt "Beifahrer" Holger Baasch. Dann macht er eine Pause, so als würde er die Geräusche des Waldes auf sich wirken lassen. "Ich höre bereits von weitem die Autos", stellt er kurze Zeit später fest. "Der ehemalige Grenzübergang Dreilinden kann also nicht mehr weit sein."Zwei Spaziergänger springen mit ihren Hunden zur Seite, als die Gruppe am Kronprinzessinenweg im Endspurt an ihnen vorbeisaust. Ungläubig blicken sie den Tandems, an deren Gepäckträgern ein gelbes Zeichen mit drei schwarzen Punkten montiert ist, hinterher. "Hast du das gesehen? Die sind blind und fahren trotzdem Rad." Natascha Kompatzki Am 27. Oktober findet zum letzten Mal in diesem Jahr eine ganztägige Fahrradtour statt. Informationen unter: 8 53 12 44 (Gisela Rathenow). +++