Der natürliche Ort des Fernsehzuschauers ist und bleibt die Couch. Wer sich vor dem Gerät trotzdem zu ungewohnter Aktivität hinreißen lässt, wie etwa am Sonnabend bei Kerners Fitness-Show im ZDF, bekommt einen Muskelkater und Besuch von den Leuten aus der Unterwohnung, die sich "Hüpfen auf einem Bein im Viereck" am Abend verbitten.Trotzdem hat es immer wieder Versuche gegeben, den Fernseher zum Sporttrainer umzufunktionieren. Fast zwanzig Jahre lang strahlte das DDR-Fernsehen die Gymnastik-Sendung "Medizin nach Noten" aus. Das Training war in der DDR nicht nur Privatsache: Denn der DDR-Bürger sollte schließlich fit am Arbeitsplatz erscheinen und das Gesundheitssystem nicht übermäßig be-lasten. Heerscharen von Talentesuchern durchkämmten außerdem die Klassenzimmer, den Jungs wurde von ihren Sportlehrern gern eingetrichtert, sie müssten fit für die "Fahne" sein, sonst würden sie beim Dauerlauf unter der Gasmaske ihr blaues Wunder erleben."Medizin nach Noten" richtete sich eher an Frauen und Mädchen. Die Sendung lief seit Anfang der sechziger Jahre an jedem Wochentag zum Sendebeginn, später auch am Vorabend. Eine strenge Sportmedizinerin erklärte die Übungen, zwei oder drei gelenkige Gymnastinnen im grauen Trikot führten sie aus, Klaviermusik gab den Takt dazu. Die Kommandos waren militärisch knapp: "Und eins, und zwei, beide Arme hoch, rechtes Knie angewinkelt, linkes Bein nach vorn" - so ähnlich jedenfalls. Doch auch pubertierende Jungs sollen zu den Stammzuschauern gehört haben. Allerdings nicht als Aktive - sie studierten lieber die Körperformen der grazilen Turnerinnen.Ende der siebziger Jahre wirkte "Medizin nach Noten" schließlich so antiquiert wie der Name und wurde aus dem Programm genommen. Doch im Zuge des weltweiten Aerobic-Trends wurde die Sendung 1985 neu gestartet. Jetzt kam die Sportanleitung flotter und poppiger daher. Die "Noten" waren Instrumentalversionen westlicher Hits. Ein Vorturner und rund drei Dutzend Nachturner aller Altersklassen hüpften in der großen Halle des Berliner Sport- und Erholungszentrums auf und ab. Ein von der Sportredaktion abkommandierter Moderator erklärte, welche medizinischen Effekte die Übungen haben sollten. Nach der Wende führte der ORB "Medizin nach Noten" noch eine Weile weiter, stellte die Sendung aber bald ein.Überlebt aber hat der Name. In den Techno-Clubs liefen "DDR-Gymnastix"-Tracks, in denen eine sächselnde Vorturnerin "Arme hoch" rief, während in den Videos die DDR-Sportjugend im Leipziger Zentralstadion die Arme reckte. Und selbst eine sächsische Oi-Punk-Band nannte sich "Medizin nach Noten". Gesundheit!BERLINER VERLAG Moderator Karl-Heinz-Wendorff.BRETSCHNEIDER An dieser Stelle erinern wir an Fernsehsendungen vergangen Jahre: Diesmal: Medizin nach Noten, DDR-Fernsehen.