Das Ganze erinnert sehr an den Streit um die Einstein-Stiftung, der in Berlin gerade geführt wird. So viel Unruhe und Skepsis wie die von Wissenschaftssenator Zöllner geplante Stiftung zur Förderung der Spitzenforschung auslöst, gab es vor genau vierzig Jahren auch. Nur heftiger. Die Universitäten fühlten sich bedroht, dass da eine private GmbH gegründet werden sollte, die öffentlich nicht kontrolliert würde und ihnen Professoren abziehen könnte. Sie hatten Angst, zugunsten des neuen Monstrums sparen zu müssen und die Hoheit über wichtige wissenschaftliche Themen zu verlieren. Es ging um das neue Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), das auf Betreiben von Bundestagsabgeordneten zum Zwecke der Stärkung West-Berlins und der Politikberatung entstehen sollte. Und weil es eine heiße Zeit war, jenes Jahr 1969, machten auch bald Parolen die Runde. Die Linken warnten vor der "Ausbeuter- und Kriegsforscher GmbH" und sprengten deren erste Pressekonferenz mit Stinkbomben. An der Wand des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität stand: "Zerquetscht das WZB!".Heute, genau vierzig Jahre und viele Aufregungen später, gehört das Zentrum als etwas ganz Normales zu Berlin. Die Stadt vergisst mitunter sogar, was für eine Einrichtung sie da beherbergt. Denn aus dem befehdeten Institut von einst - auf vier Standorte verteilt - wurde eines der größten sozialwissenschaftlichen Institute Europas.Der Dampfer am FlussEs residiert seit 1988 im einstigen Reichsversicherungsamt am Reichpietschufer, 1894 erbaut, mit wuchtigen Neorenaissance-Mauern, neoklassizistischen Giebeln und Säulenbögen, gekrönt von Adlern. Von der Neuen Nationalgalerie aus sieht man aber vor allem das moderne Ensemble, das James Stirling 1984 entworfen hat: mit collegeähnlichen Gebäuden, einer Basilika und einem Glockenturm nachempfunden. Hinter himmelblau-altrosa Fassaden erkennt man Büros, Akten- und Bücherregale. 150 Wissenschaftler arbeiten hier. Im Sommer sitzen im grünen Hof Studenten aus der nahen Staatsbibliothek, aber auch Mitarbeiter des Bendlerblocks und der Nationalgalerie.Kaum jemand erinnert sich heute noch an jenen umstrittenen Anfang von 1969. Das WZB ist auch schon lange keine GmbH mehr; es wird von Bund und Land gefördert. War es zunächst wegen seiner Politiknähe umstritten, so galt es über Jahrzehnte als etwas unzugänglicher "mächtiger Institutsdampfer", der schwerfällig am Landwehrkanal ankerte, wie es noch jüngst bezeichnet wurde.Der Dampfer ist in den letzten Jahren in Bewegung geraten. Unter den Präsidenten Jürgen Kocka, Historiker, und Jutta Allmendinger, Soziologin, wurde er verschlankt, umgebaut und auf Kurs zu neuen Themen gebracht. Drei Gruppen von Nachwuchsforscher, alle von Frauen geleitet, verkörpern die neuen Prinzipien: Jünger, weiblicher und offener sollte das WZB werden. Durch das hohe, schmiedeeiserne Portal gehen mittlerweile 50 junge Doktoranden der Berliner Universitäten ein und aus, die hier mit den WZB-Wissenschaftlern verschiedenster Bereiche in interessanten Projekten arbeiten. Mobilitätsforscher zum Beispiel wollen wissen, unter welchen Bedingungen Großstädter aufs Car Sharing umsteigen, also die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und sich nur hin und wieder ein Auto "borgen". Um das herauszufinden, gründeten sie sogar eine eigene Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft mit Partnern wie den Berliner Verkehrsbetrieben oder einer Car-Sharing-Firma. Eine andere Gruppe untersucht die wirtschaftlichen Folgen von Lebensereignissen wie Familiengründung, Trennung, Krankheit oder Arbeitslosigkeit, und zwar im Vergleich Deutschland-USA. "Frauen auf dem Sprung" hieß eine Studie, die das WZB mit der Zeitschrift Brigitte herausbrachte. Es ging um die Lebensentwürfe junger Frauen zwischen 17 und 19 sowie 27 und 29 Jahren.Wie denken und verhalten sich Wähler, Manager, Autofahrer, die "jungen Alten"? Wir wirkt sich Armut auf Lebensstil und Gesundheit aus? Wie entwickeln sich bürgerschaftliches Engagement und Protestverhalten? Was treibt Helfer in Krisengebieten an? All das waren und sind Fragen für das WZB. Es wirkt auch an großen Langzeitstudien mit, etwa dem alle zwei Jahre veröffentlichten bundesdeutschen "Datenreport" oder dem jüngst gestarteten "Nationalen Bildungspanel", in dem über mehrere Jahre die Bildungsverläufe von 60 000 Bürgern untersucht werden sollen.Austausch mit HarvardViermal jährlich erscheint die Publikation "WZB-Mitteilungen". Sie zeigt, wie heutig und problembezogen die Forschung ist. In der jüngsten geht es um die "drohende Altersarmut bei Künstlern", den "Wandel von Stadtquartieren in kreative Milieus", den Kopftuchstreit oder das "Machtstreben Russlands". Das WZB selbst definiert seine Arbeit selbst als "problemorientierte Grundlagenforschung". Es hat den Ehrgeiz, Themen aufzugreifen, bevor sie in der allgemeinen Diskussion sind. Das gelang schon manches Mal. So entwickelten WZB-Forscher 1997 ein Konzept der "Übergangsarbeitsmärkte" - zwischen Voll- und Teilzeitarbeit, Selbstständigkeit und freier Tätigkeit -, lange bevor Bücher über die neue kreative Klasse oder die digitale Boheme erschienen.Auch in der aktuellen Krise versucht man nach vorn zu blicken, Strategien zu finden. Geplant ist etwa eine Dialogreihe über Perspektiven der Kapitalismus-Forschung. Zu den bekannten Namen, die man auf den Einladungen des WZB lesen wird, gehören in diesem Jahr Richard B. Freeman, einer der führenden Arbeitsmarktforscher, oder Saskia Sassen, die Soziologin, die den Begriff "Global City" prägte. Die neueste Meldung ist, dass das WZB die Kooperation mit Harvard intensiviert. Berliner Nachwuchsforscher werden vom Herbst 2009 an für mehrere Monate ins dortige Center for European Studies (CES) gehen, und Wissenschaftler aus Harvard kommen dafür zu Vorlesungen nach Berlin. Hier funktioniert bereits der Austausch, wie ihn sich Senator Zöllner für seine Einstein-Stiftung inständig wünscht.------------------------------Das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)Sein 40. Jubiläum feiert das WZB am 17. Februar im Roten Rathaus, unter anderem im Beisein von Horst Köhler und Wolfgang Thierse. Der Soziologe Lord Ralf Dahrendorf hält die Festrede. Die amerikanische Philosophin Martha C. Nussbaum wird mit dem A.SK Social Science Award 2009 ausgezeichnet. Der Preis ist dotiert mit 100 000 Euro.Gestiftet wurde der Preis 2007 vom chinesischen Unternehmerpaar Angela und Shu Kai, das ein wichtiges, international vernetztes sozialwissenschaftliches Institut als Heimat für ihre Stiftung gesucht hatte. Diese fördert auch junge Sozialwissenschaftler. Erster Preisträger war der britische Ökonom Anthony B. Atkinson, ein Verfechter des Sozialstaats.Gegründet wurde das WZB 1969 von 15 Bundestagsabgeordneten aus CDU/CSU und SPD. Sie wollten die Rolle West-Berlins durch die Bindung von Forschern an die Stadt stärken und die Politikberatung fördern. Heute wird das WZB zu 75 Prozent vom Bund und zu 25 Prozent vom Land gefördert. Es betreibt problemorientierte Grundlagenforschung.Etwa 150 Wissenschaftler arbeiten an Projekten zu Themen wie Bildung, Arbeitsmarkt, soziale Ungleichheit, Probleme des Sozialstaats, Demokratie, Zivilgesellschaft, Innovation oder interkulturelle Konflikte. Das WZB hat sechs Forschungsprofessoren, 50 Doktoranden und drei Nachwuchsforschungsgruppen. Internet: www.wzb.eu------------------------------Foto: Die Berliner Wissenschaftler erforschen auch Lebensrisiken im Vergleich Deutschland-USA, etwa die wirtschaftlichen Folgen von Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Hier: Jobsuchende in Kalifornien warten vor der Jobmesse einer Agentur.