MITROVICA, im Januar. Wenn Staffan de Mistura aus seinem Bürofenster schaut, blickt er auf den Fluss Ibar, der Mitrovica zwischen Serben und Albanern teilt. Er sieht die Panzer und die bewaffneten Posten auf der Brücke, an der sich die verfeindeten Volksgruppen belauern. Doch das Problem Mitrovica erscheint dem UN-Administrator manchmal wie eine Bagatelle im Vergleich mit dem "Labyrinth Trepca", wie er es nennt. Wohl kein politisches Thema bewegt die Menschen im Kosovo mehr als die Zukunft der berühmten Trepca-Mine, des "Kronjuwels" der Provinz. "Die Minenarbeiter wollten gewaltsam nach Pristina marschieren", sagt Staffan de Mistura. "Das haben wir in letzter Sekunde verhindert."Trepca ist eine Kleinstadt bei Mitrovica, die ihren Namen dem größten Bergbau- und Verhüttungskomplex des Balkans leiht. Tief unter den Hügeln und Halden lagern Blei, Zink, Kadmium, Silber, Gold und andere Metalle in einer Menge wie nirgendwo sonst zwischen Budapest und Athen. Zum Trepca-Komplex, dessen Wert Experten auf rund fünf Milliarden Dollar schätzen, gehören neben den Minen auch 41 Metall verarbeitende Betriebe und ein Kraftwerk. All dies machte Trepca früher zum größten Devisenbringer Jugoslawiens. Trepca wurde auch zum Symbol kosovarischen Widerstands, als 23 000 albanische Arbeiter 1989 gegen ihre Entlassung und die drohende Aufhebung des Autonomiestatuts der Provinz in Streik und Hungerstreik traten. Vergeblich, denn fast alle Albaner wurden gefeuert und durch Serben, Polen und Ukrainer ersetzt. Trepca liegt genau auf der Grenze zwischen dem albanischen und serbischen Teil des Kosovo. Im albanischen Gebiet stehen die Bergwerke, im serbischen werden die Metalle verarbeitet. Doch zurzeit ruhen die Maschinen. Nur im Schmelzwerk von Zvecan, hinter Mitrovica im serbischen Kosovo, begeben sich noch einige hundert Menschen an ihre Arbeitsplätze. "Wir gehen in die Fabrik, aber wir haben nichts zu tun", sagt der Serbe Milan Jakovlevic, der auf einem Berg mit Blick auf den Schornstein des Werkes lebt.Interessen der KonzerneIn der Hauptmine Stari Trg, eine Autostunde von Mitrovica entfernt, halten französische Soldaten Wache. "Dort ölen noch einige serbische Ingenieure die Maschinen und gehen dann unter Kfor-Schutz wieder nach Hause", sagt Administrator de Mistura. Die serbischen, polnischen und ukrainischen Minenarbeiter sind im Krieg geflohen, die albanischen durften bislang nicht nachrücken vor allem, weil die Eigentumsfrage nicht geklärt ist. Trepca wird nicht nur von Albanern und Serben beansprucht, für Trepca interessieren sich auch westliche Konzerne. Im Kampf um den Schatz des Balkans gibt es viele Parteien. Doch wem gehört Trepca? "Der Republik Kosova", erklären die Führer der Albaner und verweisen darauf, dass ihr gewählter Präsident Ibrahim Rugova 1997 ausländische Investoren warnte: Jeder Kauf von Anteilen des staatlichen Unternehmens ohne seine Erlaubnis werde von einer kosovo-albanischen Regierung nicht anerkannt. "Ohne Trepca kann ein unabhängiges Kosova nicht existieren", sagt der Albaner Ymer Hakaj, der bis 1990 im Management der Stari-Trg-Mine saß. "Es ist unsere wirtschaftliche Basis."Die Serben behaupten dagegen, Trepca gehöre internationalen Anlegern. Tatsächlich meldeten sich nach dem Krieg ein französisches und ein griechisches Unternehmen: Sie besäßen Trepca-Anteile, und sie forderten Schadenersatz. Hintergrund: Die serbische Regierung hatte das Kombinat 1997 in einer undurchsichtigen Operation teilprivatisiert. Dabei soll sich der Milosevic-Clan große Anteile gesichert haben. Zwar glauben UN-Funktionäre wie Staffan de Mistura, dass Trepca im Wesentlichen Staatsbesitz sei und daher von ihnen verwaltet werden dürfe. Doch die Vereinten Nationen können private Ansprüche nicht einfach von der Hand weisen; ihre Anwälte empfahlen, sie von Gerichten überprüfen zu lassen. Aber von welchen Gerichten? Und wie lange soll das dauern? Die UN-Verwaltung wusste zunächst nicht, was sie tun sollte und ließ Gutachten erstellen. Darin kamen Experten zu dem Ergebnis, dass Ansprüche privater Firmen später geklärt werden könnten. Sie schrieben: "Wenn nur ein paar Hundert albanische Bergleute in die Minen zurückkehrten, würde dies allen Kosovaren signalisieren, dass die internationale Gemeinschaft die hohe symbolische Bedeutung von Trepca anerkennt."Versammlung der KumpelInzwischen hatte sich die Lage in und um Mitrovica, wo die meisten früheren Bergarbeiter wohnen, gefährlich zugespitzt. Anfang Dezember drohten die Albaner mit Straßenschlachten. Nun endlich regte sich die Protektoratsverwaltung. In der dritten Dezemberwoche lud der UN-Verwalter 1 800 ehemalige albanische Arbeiter zu einer Versammlung an der Mine von Stari Trg. "Wir gingen bewusst ein Risiko ein", sagt de Mistura, "um zu zeigen, dass wir es ernst meinen." Viele Bergleute weinten, als er ihnen zurief: "Ihr könnt eure Zukunft in die eigenen Hände nehmen!" Dann schlug er ihnen vor, 200 Arbeiter und Experten sechs Wochen lang in die Mine zu schicken, um diese für den Neustart vorzubereiten. Und er versprach, Investoren zu suchen. Die Arbeiter gingen friedlich nach Hause; die früheren albanischen Direktoren unterschrieben ein entsprechendes Memorandum. "Damit sind wir einen großen Schritt vorangekommen", sagt der UN-Administrator vor allem hat er Zeit gewonnen. Jetzt arbeitet de Mistura an einer Lösung für Trepca, die privaten Investoren Sicherheit bietet und die ethnische Balance wahrt. Er will den Komplex zunächst nach geografischer Lage zwischen Serben und Albanern teilen und als getrennte Einheiten unter UN-Aufsicht betreiben. "Wir stellen uns dann eine Art Joint Venture vor", sagt der Administrator. "Wenn Albaner und Serben miteinander wirtschaften müssen, werden sie sich nicht mehr gegenseitig umbringen." Es gab sogar Gerüchte über Massengräber albanischer Kosovaren in der Mine gefunden wurden sie bislang nicht. Ende Dezember fuhren die 200 albanischen Arbeiter erstmals wieder in die Stari-Trg-Mine ein ein historischer Tag. Dabei entdeckten sie, dass tausende Liter Wasser in die Mine gelaufen sind. Die Stollen auszupumpen ist ein Leichtes, doch jeder weitere Schritt zur Renovierung Trepcas wird von bleischwerem Nationalismus behindert. "Niemals" werde man de Misturas Teilungspläne akzeptieren, sagt der Albaner Safet Merovci von der Kosovo-Interimsregierung. "Niemals" werde man akzeptieren, dass die Mine von Albanern geführt werde, sagt der Serben-Politiker Oliver Ivanovic aus Mitrovica.