Zeitsprünge und Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit gehören ebenso in das Reich der Science-fiction wie der Mann, der durch die Wand geht. Seit Albert Einstein vor nunmehr 90 Jahren seine Spezielle Relativitätstheorie aufstellte, gilt in Fachkreisen als erwiesen, daß sich kein Körper und kein Signal schneller als die Wellenteilchen des Lichts ausbreiten können. Das heißt, daß sich in einer Sekunde höchstens eine Strecke von knapp 300 000 Kilometern zurücklegen läßt. Rasanter geht es nicht, andernfalls wären zum Beispiel Ursache und Wirkung nicht mehr voneinander zu unterscheiden, und der Tod Cäsars ließe Brutus sein Messer zücken. Kein Wettlauf möglich In der Welt des Kleinsten, in der die Gesetze der Quantenphysik gelten, scheinen jedoch die Ausnahmen die Regel zu bestätigen. Das belegen in jüngster Zeit Untersuchungen an verschiedenen Forschungslabors. Unlängst haben Professor Günther Nimtz und Mitarbeiter vom Forschungszentrum Jülich und der Universität zu Köln diesen Versuchen ein "musikalisches Experiment" hinzugefügt. Es gelang ihnen, einige Takte der vierzigsten Symphonie Mozarts mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit zu übermitteln, wie sie im Fachblatt New Scientist berichten.Für die Versuche schickte Nimtz Mikrowellen durch metallische Röhren, sogenannte Hohlleiter. Die Wellenlänge war mit drei Zentimetern so gewählt, daß ein Wellenzug gerade noch durch die Öffnung des Hohlleiters paßte. In der Mitte der Strecke verengte sich der Durchmesser, so daß die längeren Mikrowellen wie an einer undurchdringlichen Wand gestoppt und reflektiert wurden. Einige der Milliarden Wellenteilchen (Photonen) schafften dennoch den Sprung durch das "Nadelöhr" und kamen am anderen Ende der Wand an, und zwar so, als ob sie die Strecke mit 4,7facher Lichtgeschwindigkeit zurückgelegt hätten. Die Forscher sprechen vom Tunneleffekt: Teilchen aus der Mikrowelt können mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wie Gespenster eigentlich unüberwindbare Hindernisse durchdringen, "durchtunneln".Von einer Geschwindigkeit im herkömmlichen Sinn kann allerdings nicht die Rede sein, denn in der Welt des Mikrokosmos läßt sich der Aufenthaltsort eines Wellenteilchens zu einer bestimmten Zeit nicht exakt vorhersagen. Anders ausgedrückt: Bei einem Wettrennen der Photonen gibt es keine Gewinner und Verlierer. Alle sind gleichschnell. Vergleichen läßt sich das Paradoxon mit zwei Zügen, die beide mit gleichbleibender Höchstgeschwindigkeit gleichlange Strecken fahren. Anfangs haben beide Züge gleichviele Waggons, doch auf halbem Weg verliert einer der Züge die Hälfte davon. Da der Sieger der Wettfahrt der Zug ist, dessen erste Hälfte zuerst im Bahnhof ist, gewinnt der kürzere Zug, obwohl er in Wahrheit nicht schneller gefahren ist. Signale übertragen Die spukähnlichen Fernwirkungen in der Wellen- und Teilchenwelt sind seit längerem in der Mikroelektronik bekannt, ohne daß die Grundlagenforschung weiß, was genau während des Durchquerens der Mauer, jenes "Tunnelns", geschieht. Als ausgeschlossen galt es unter den meisten Wissenschaftlern bislang, den Effekt zur Signalübertragung mit Überlichtgeschwindigkeit zu nutzen. Nimtz und Mitarbeiter hatten die Mikrowellen mit Mozart-Klängen moduliert, ähnlich wie das bei einem gewöhnlichen Rundfunksender geschieht. Tatsächlich waren die Töne nach dem "Tunneln" deutlich zu empfangen. Ob die erste Signalübertragung mit fast fünffacher Lichtgeschwindigkeit wissenschaftlich anerkannt wird, werden weitere Experimente zeigen müssen. +++