RIGA. In Annas Ohren klang das Angebot einfach zu verlockend. Eine Freundin hatte die Schülerin angesprochen: Ob sie nicht in den Herbstferien der Langeweile in der lettischen Kleinstadt Cesis entfliehen wollte? "Kristina fragte mich, ob ich nach Irland fliegen wolle, um mit einem Pakistaner über eine Scheinehe zu reden. Es würde mich überhaupt nichts kosten, das Ticket werde man mir zusenden. Sie sei selbst in Dublin gewesen, habe tolle Sachen gekauft und die Heirat einfach abgesagt", erinnert sich Anna. "Ich habe Kristina vertraut."Ein Jahr später sitzt die 19-Jährige in einem Café in Riga. Mit dem rosa T-Shirt unter dem grauen Pulli, den perfekt lackierten Fingernägeln und den sorgfältig frisierten Haaren wirkt sie wie jedes andere lebenslustige Mädchen. Was sie durchgemacht hat, ist ihr nicht anzusehen.Am Flughafen in Dublin wurde die Schülerin von zwei Pakistanern abgeholt. Schnell musste Anna erkennen, dass ihre Freundin Kristina gelogen hatte, denn sie durfte keineswegs jeden Tag zum Shoppen gehen, sondern musste im Haus der Familie bleiben. Ihr potenzieller Ehemann sei zunächst freundlich und offen gewesen: "Er sagte mir, dass er eine osteuropäische Frau bestellt habe, um in Irland bleiben zu können."Während Anna erzählt, blickt sie immer wieder zu Aleksandra Jolkina hinüber. Die Journalistin hat seit 2007 sowohl in Lettland als auch in Irland über die Scheinehen recherchiert. Sie hat auch den Kontakt zu Anna vermittelt, die anders heißt und nicht fotografiert werden will. "Viele Studenten aus Indien, Pakistan oder Bangladesch suchen nach einer Möglichkeit, um in der EU leben und arbeiten zu können", erläutert Jolkina. In den vergangenen fünf Jahren habe sich mehr und mehr herumgesprochen, dass eine Heirat mit einer Ausländerin aus einem anderen EU-Land dafür der beste Weg sei.Denn der Tatbestand der Scheinehe ist auf der grünen Insel nicht definiert. In Irlands Standesämtern werde kaum überprüft, ob sich die Partner überhaupt kennen, berichtet die 25-Jährige. Anders als in Deutschland oder den USA fänden auch keine getrennten Befragungen der künftigen Eheleute statt. Ein Grund dafür ist die Macht der katholischen Kirche: In Irland werden fast alle Ehen von einem Pfarrer geschlossen, und die Urkunde, die er ausstellt, wird anschließend von allen zivilen Stellen akzeptiert. Für die verschwindend geringe Zahl von standesamtlichen Eheschließungen lohnte es bisher einfach den Aufwand nicht, ein detailliertes Regelwerk aufzustellen.Auch das EU-Recht trägt das Seine dazu bei, den Scheinehen-Schwindel zu ermöglichen. Denn die Richtlinie über die Freizügigkeit für Arbeitnehmer gewährt einem EU-Bürger und dessen Ehepartner aus einem Nicht-EU-Land ein fünfjähriges Aufenthaltsrecht, wenn beide in einem Drittstaat leben. Irische (Schein-)Ehepartnerinnen seien deshalb nicht interessant, erklärt Jolkina: "Wenn ein Inder eine Irin heiratet, darf er ein Jahr bleiben. Doch wer in Dublin eine Lettin heiratet, darf nach fünf Jahren die Staatsbürgerschaft beantragen. Die Eheurkunde ist die goldene Karte für die Einwanderung."Dass es in diesem lukrativen Geschäft nicht zimperlich zugeht, bekam auch Anna zu spüren. Als sie merkte, in welche Falle sie geraten war, gab sie an, ihre Geburtsurkunde vergessen zu haben. Doch die Pakistaner durchsuchten ihre Tasche, der Schwindel flog auf. Das zierliche Mädchen blickt auf die Tischplatte, während es erzählt: "Ich habe gefleht, dass sie mich gehen lassen. Mein vorgesehener Ehemann entgegnete, er habe tausend Euro für mich an einen Freund überwiesen und lasse mich nur gehen, wenn ich das Geld zurückzahle."Der Kopfpreis sinktAnna bat ihre Freundin Kristina, ihr den Betrag zu überweisen. Die Antwort kam per E-Mail: Sie habe das Geld ausgegeben und könne nicht helfen, schrieb sie. Anna war zwar eingesperrt, aber sie hatte Zugang zum Internet und fand dort die E-Mail-Adresse eines lettischen Journalisten in Dublin. Sechs Stunden später klingelten Polizisten an der Tür. Die Beamten brachten Anna auf die Wache, und nach einer Nacht im Hotel konnte sie mit Hilfe der der lettischen Botschaft zurück nach Riga fliegen.Anna habe noch Glück im Unglück gehabt, erklärt Arturs Vaisla von der lettischen Staatspolizei, denn sie sei nur psychisch unter Druck gesetzt worden. Seit dem vergangenen Jahr höre er immer öfter, dass Frauen auch geschlagen und sogar vergewaltigt werden, wenn sie nicht aufs Standesamt gehen wollen. Vaisla leitet eine Sondereinheit mit 19Beamten zur Bekämpfung von Menschenhandel. Für den Boom der Scheinehen sieht der 39-Jährige auch einen ökonomischen Hintergrund: "Nachdem Lettlands Wirtschaft kollabiert und die Arbeitslosigkeit auf mehr als zwanzig Prozent gestiegen ist, sind immer mehr Frauen bereit, nach Irland zu gehen." Dort seien die lettischen Warnungen bisher kaum beachtet worden, klagt Vaisla: "Die Verbrecher wissen, dass die irische Polizei nichts unternimmt."Viele Frauen schweigen nach ihrer Rückkehr und meiden die Öffentlichkeit - aus Scham und aus Furcht vor Rache. Denn mögen die Organisatoren des Menschenhandels auch in Irland sitzen, in Lettland haben sie ihre Komplizen, die dort gegen Provision nach neuen Opfern suchen. Oft sind es Bekannte, die junge Mädchen in die Falle locken. Wie bei Kristina und Anna.Aleksandra Jolkina hat Dutzende Fälle von Scheinehen analysiert. "Früher waren die Frauen Anfang20, arbeitslos und vom Lande. Meistens hatten sie kleine Kinder, die sie bei den Großeltern zurückließen", sagt sie. Nun ändere sich dies: Immer mehr Frauen über 30 seien bereit, zum Schein zu heiraten. Und immer mehr kämen aus der Hauptstadt Riga.Noch erschreckender ist ein anderer Trend: Die globale Krise lässt die Preise sinken. Vor fünf Jahren wurden den Frauen noch 10000Euro für eine Scheinehe geboten. Heute ist es nur noch ein Zehntel davon.Anna hat inzwischen den Kontakt zu Kristina abgebrochen und ist nach Riga gezogen. Dort studiert sie Medizin, jobbt vier Abende pro Woche in einer Bar und lernt Englisch, um möglicherweise später im Ausland arbeiten zu können. Nur nach Irland möchte sie nie wieder.------------------------------Begehrtes ZielLettland ist für die Menschenhändler von besonderem Interesse, weil das Land von der Finanzkrise besonders hart getroffen wurde. Die Arbeitslosenrate liegt dort bei 20 Prozent.Irland ist wegen der englischen Sprache, aber auch wegen seiner liberalen Gesetzgebung für Inder und Pakistaner ein begehrtes Ziel.2005 registrierten die irischen Behörden nur 13Aufenthaltsanträge von Nicht-EU-Bürgern, die mit einem EU-Bürger aus einem Drittland verheiratet waren. 2009 waren es schon 2129 derartige Anträge.Im ersten Halbjahr 2010 beantragten 253 frisch verheiratete Pakistaner ein Aufenthaltsrecht in Irland mit der Begründung, sie seien Ehepartner einer EU-Bürgerin. Fast jeder Dritte von ihnen hatte eine lettische Frau.------------------------------Foto: Der Flughafen von Riga. Neun Mal in der Woche geht von hier ein Flug nach Dublin.