FÜSSEN. Einmal, sagt Herbert Mühlegg, habe er ein Exempel statuiert. "Sie sind groß und kräftig, ich habe da was für Sie auf dem Bau", hat er gesagt: "Da ist der Mann wütend aufgestanden und hat seinen Antrag zerrissen." Mühlegg ist heute Sprecher der Agentur für Arbeit in Kempten. Damals war er noch als Arbeitsvermittler tätig und hat sich geärgert über einen Eishockeyprofi, der sich im Sommer wieder reflexartig arbeitslos melden wollte. Die Reaktion des Spielers - ein Ausnahmefall. In der Regel, sagt Mühlegg, müsste das Arbeitslosengeld ausbezahlt werden: "Auch wenn die Öffentlichkeit es nicht verstehen wird, wenn ein Profi, der mehr als 100 000 Euro verdient, seinen Antrag stellt - wir haben aufgrund der Gesetzeslage keine Wahl." In diesem Sommer waren allein im Zuständigkeitsbereich der Arbeitsagentur Kempten wieder 18 Eishockeyprofis arbeitslos gemeldet. Unter ihnen so prominente Spieler wie Dennis Endras, Torhüter der deutschen Auswahl. Und Michael Wolf, Kapitän der Nationalmannschaft. Großverdiener und arbeitslos. Wie geht das?Es ist Juli. Im Bundesleistungszentrum in Füssen hat sich das Team Allgäu eingemietet. Ein Dutzend Eishockeyprofis aus der Region absolviert ein Spiel auf dem Eis. Ein privates Training, organisiert von Michael Wolf. Um sich und die Kollegen in Form zu bringen für die neue Saison. Wolfs Vertrag bei den Iserlohn Roosters in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) galt nur bis April. Und er läuft von August an wieder. "Was soll ich machen?", fragt er. "Es ist schon immer so mit den Neun-Monatsverträgen. Die Vereine machen das, und wir akzeptieren es."Dem Stürmer ist das Thema unangenehm. Erst recht, als die Frage aufkommt, warum denn die Roosters noch am 9. Juni 2011 bekannt gegeben haben, dass sie ihren Stürmer langfristig binden konnten. Wolf hielt auf der Pressekonferenz ein Trikot hoch mit der Nummer 2015. Sinnbild für die Vertragsdauer. Zu diesem Zeitpunkt aber kassierte er bereits Geld von der Agentur für Arbeit. "Das liegt bei den Vereinen und nicht bei uns", sagt Wolf, 30, der seit 2005 in Iserlohn spielt.Klubs sparen SozialabgabenEine strittige Frage. Fakt ist nur eines, das berichtet heute auch das Hintergrundmagazin sport inside (22.45 Uhr, WDR): Viele der rund 300 Profis in der DEL gehen im Sommer stempeln. Das bestätigt John-Philipp Hammersen, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit: "Es gibt keine genauen Statistiken", weil sich die Profis nicht an ihren Spiel-, sondern den eigentlichen Wohnorten arbeitslos melden, "aber wir wissen aus unseren Agenturbefragungen, dass das offensichtlich eine gängige Praxis bei den Eishockeyvereinen ist."Die Klubs würden sich "einer lästigen Pflicht entledigen: Arbeitnehmer zu bezahlen in Zeiten, in denen sie nicht produktiv sind". Und vor allen Dingen: Die Klubs sparen sich die Sozialabgaben. "Moralisch" könne man "die Pflichten eines Arbeitgebers anders einschätzen", sagt Hammersen, aber de facto nutzen die Vereine nur die Möglichkeiten, die ihnen das Gesetz bietet: "Das ist eine legale Möglichkeit, von Arbeitslosengeld Gebrauch zu machen." Schon zwölf Monate mit einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis in den letzten zwei Jahren reichen aus - dann hat jeder Arbeitnehmer Anspruch auf Arbeitslosengeld. Auch Großverdiener, die oft 200 000 Euro und mehr pro Spielzeit auf dem Eis kassieren.Die Agentur für Arbeit in Nürnberg hat für das Magazin sport inside ein Rechenbeispiel erstellt: Ein Profi mit Familie, der mehr als 5500 Euro brutto im Monat verdient hat, erhält den Höchstsatz von 2250 Euro Arbeitslosengeld monatlich. Die Agentur bezahlt zudem für den Profi 875 Euro Renten-, 460 Euro Kranken- sowie 57 Euro Pflegeversicherung. Macht alles in allem über 3600 Euro. Monatlich. Finanziert sich in diesem Fall Profisport zu Lasten der Solidargemeinschaft? Hammersen nennt es "eine kuriose Form der Saisonbeschäftigung", betont auch: "Ob es legitim ist, das ist eine andere Frage. Die müssten die Vereine und die Spieler beantworten."Die Klubs schweigen kollektiv, einigen sich dann aber auf einen Sprecher: Marco Stichnoth, Mitglied der Medien- und Marketingkommission bei der DEL und Geschäftsführer der Hannover Scorpions. Er erklärt auch, dass die Vereine ja definitiv nichts Verbotenes täten: "Wir haben Saisonarbeiter. Wie Spargelstecher oder Erdbeerpflücker. Die Klubs zahlen Arbeitslosengeld ein, dann haben die deutschen Spieler auch einen Anspruch darauf." Dann fügt er noch hinzu, dass nicht immer die Vereine verantwortlich seien. Vielmehr hätten die eben nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung pro Saison, da komme dann oft "der Wunsch der Spieler und ihrer Agenten", das ausgehandelte Gehalt lediglich auf neun Monate zu verteilen.In Hannover, erzählt Stichnoth, sei es jedenfalls so, dass der Verein immer öfter versuche, Ganzjahreskontrakte abzuschließen, und dies fast flächendeckend geschafft habe. Das sei auch Wunsch der DEL. Aus Gründen der Seriosität, sagt Stichnoth: "Es ist richtig, dass nur, weil das Gesetzt es zulässt, das noch lange nicht heißt, dass man es auch ausnutzen muss." Und, aus sportlichen Gründen: Viele Übungsleiter würden ihre Spieler schon vor August gerne in einer großer Gruppe trainieren.Doch noch ist die Realität offenbar eine andere. Zahlreiche Spieler bestätigen auf Anfrage, im Laufe langjähriger Karrieren ausschließlich Verträge mit verkürzter Laufzeit erhalten zu haben. Manche sagen vereinbarte Interviewtermine, angeblich auf Druck ihrer Vereine, wieder ab, andere sind offen. So wie Nationaltorwart Dennis Endras, der jetzt in die nordamerikanische Liga NHL gewechselt ist, zu den Minnesota Wild. Seit sieben Jahren ist er Profi, spielte zuletzt in Augsburg: "Ich hatte bisher nur Verträge über acht oder neuen Monate. Das ist üblich", sagt er: "Es ist zwar immer ein blödes Gefühl, wenn man aufs Arbeitsamt gehen muss. Aber man muss halt nehmen, was man kriegt."Schwer vermittelbarEndras sagt, das Argument der Klubs sei identisch, das wisse er von Kollegen: "Die Vereine sagen, sie könnten es finanziell nicht anders stemmen. Vor allem viele kleine Klubs haben keine andere Wahl." Nur wenige Vereine, meist jene, die die ganze Saison Eis haben, würden generell Zwölf-Monats-Kontrakte anbieten: Berlin, Hamburg, Köln und Mannheim werden genannt.Was bleibt, ist die Ohnmacht der Arbeitsvermittler. Mühlegg schildert, wie die Spieler in die Agentur kommen, obwohl sie den gut dotierten Anschluss-Vertrag bereits in der Tasche haben. Sich also quasi in einem Aufwasch an- und abmelden. "Diese Spieler sind im Grunde nicht vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. Wer nimmt schon jemanden im Mai, der definitiv Ende Juli wieder weg ist?" Dann sei da noch die Zumutbarkeit: Die Profis seien nur verpflichtet, Jobs anzunehmen, bei denen sie mehr verdienen, als sie an Arbeitslosengeld kassieren. Die gebe es kaum: "Bei den hohen Summen, die die Profis bekommen, oft der Höchstsatz", sagt Mühlegg, "sind uns die Hände gebunden."------------------------------"Was soll ich machen? Es ist schon immer so mit den Neun-Monatsverträgen. Die Vereine machen das, und wir akzeptieren es." Michael Wolf, Iserlohn RoostersFoto: "Man muss nehmen, was man kriegen kann": Nationaltorwart Dennis Endras.